Corona ihr Kindlein : sich selbst heiligen , um Felicitas heiligen zu können - das wurde ihre Idee von Mutterpflicht , Mutterfreude , Mutterglück . Orest blieb sich gleich . Sein erstes Wort an Graf Damian war : » Leider kein Sohn , Papa ! « Eigentlich war dem Grafen das kleine Mädchen auch nicht willkommen ; indessen fand er doch Orest ' s Äußerung so rücksichtslos , daß er ihm ironisch erwiderte : » Tröste Dich ! man erlebt häufig mehr Freude an den Töchtern , als an den Söhnen . « - So lange Graf Damian auf Stamberg war , nahm sich Orest mehr zusammen und war freundlicher gegen Corona , als er aber wieder allein mit ihr war , begannen die alten Quälereien aufs neue . Er sann nur darauf , Judith nachzureisen , und da er fühlte , daß dies im Grunde unmöglich sei , so wurde ihm seine Lage unerträglich und die arme Corona verhaßt . Warum war sie ohne Zauber für ihn ? Das war doch offenbar ihre Schuld ! Niemand hat anziehender , pikanter , reizender zu sein , als gerade die Ehefrau , damit sie eine siegreiche Nebenbuhlerin aller übrigen Frauen sei ; vermag sie das nicht , so hat sie die Folgen ihrer Unvollkommenheit sich selbst zuzuschreiben . Warum hatte sich Corona überhaupt in seinen Weg gedrängt und ihn einer Laufbahn entführt , auf welcher er sich froh und zufrieden bewegte und welche ihm mehr zusagte , als das stupide Landjunkertum ! Jetzt stand sie zwischen ihm und seinem Glück , während sie sich mit ihrem Kinde unsäglich beglückt fühlte ! Welche Härte des Schicksals ! ja , welche Ungerechtigkeit , welche Grausamkeit des Schicksals gegen ihn - den beklagenswerten Orest . Dann trat Judith in seine Gedanken hinein , mit dem zwiefachen Reiz stolzer Kälte und feiner Koketterie ; Judith , die Bewunderte , die Gefeierte einer Welt , deren Huldigung sie spröde hinnahm ; Judith , mit dem abstoßenden Benehmen und dem anziehenden Blick ; und diesen Gedanken gab er sich so gern , so häufig , so widerstandslos hin , daß sie die Meister seines Lebens wurden und ihn , wie Schlingpflanzen den Baum , umrankten und überwucherten und das Mark seiner Kraft zum Guten aufsogen . Tausendmal war er willens , sich aufs Roß zu schwingen , bei Nacht und Nebel davon zu reiten und Weib und Kind , Haus und Hof zu verlassen ; und er staunte seine hohe Tugend an , daß er noch immer nicht diesen Entschluß ins Werk setze . Einmal wird es aber doch geschehen ! sagte er dann tröstend zu sich selbst ; alle Tugend hat ihre Grenze da , wo die Leidenschaft übermächtig wird ; und auf diesem Punkte angelangt , ist der Mensch nicht mehr Herr seines Schicksals , sondern das Schicksal ist Herr über ihn ! - Von dieser Romantheorie durchdrungen , war es denn ganz in der Ordnung , daß sich Orest aus allen Kräften nach jenem Punkt hinarbeitete , wo das Schicksal Herr über ihn werden müsse . Corona kannte nicht den Schlüssel zu seiner für sie so rätselhaften Verstimmung . Sie ahnte wohl , daß eine so gründliche Unzufriedenheit mit einer so glücklichen Lebenslage nur aus Orest ' s Unzufriedenheit mit sich selbst und aus einem geheimen Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung entspringen könne . Aber seine Leidenschaft für Judith ahnte sie nicht . So etwas lag unter dem Horizont ihrer Gedanken und Gefühle . Sie hatte damals in London Orest im Rausch des Entzückens über Judith gesehen ; dann in Interlaken abermals in diesem Rausch ; allein sie schrieb dies auf Rechnung der Huldigung , welche die Männerwelt den gefeierten Heldinnen der Bühne darbringt . Hatte ihr Vater bei einer solchen Veranlassung doch einmal ganz gleichmütig gesagt : » Ja , das ist heutzutage nicht anders ! zwischen den jungen Männern unseres Standes gibt es nicht viele , die nicht in der Region der Theaterprinzessinnen ihren ersten Kursus der Liebe gemacht hätten . « Daher kam es denn , daß Corona zu jenen » Hochgeborenen « - wie Judith sich ausdrückte - gehörte , welche die ganze Bühnenwelt mit ihren sämtlichen Berühmtheiten als etwas betrachteten , das in ihre Sphäre nicht gehöre und nur der unerfahrenen männlichen Jugend gefährlich sei . Nach ihrer Ansicht konnte eine Primadonna für Orest eine Unterhaltung sein - doch keine Fessel . Was sie aber auch versuchen oder vorschlagen mochte , um ihm sein Haus lieb und traulich zu machen - es scheiterte an seinem schroffen Widerstand gegen jeden guten Einfluß , der sich durch einen peinigenden Geist des Widerspruches gegen all ' ihr Tun und Treiben äußerte . Zuweilen war er so bitter in seinen Bemerkungen , so hart in seinen Äußerungen , so abstoßend in Worten und Benehmen , daß er selbst darüber erschrak , besonders wenn er sah , wie Corona es aufnahm . Sie wurde nie heftig oder ungeduldig . Es ging ihr wie den Kindern , wenn ihnen irgend etwas sehr leid tut : sie erröten und ihre Augen füllen sich mit Tränen . Das rührte ihn zuweilen einen Augenblick und er sagte dann freundlicher : » Ich quäle Dich , Krönchen , vergib es mir ! Du glaubst nicht , wie verstimmt ich bin ! ich reibe mich auf in der Untätigkeit und im Ärger über mein verfehltes Leben . « Wollte sie ihm aber begreiflich machen , daß er einen schönen Kreis für tätige Wirksamkeit haben und in seinem Alter und seinen Verhältnissen nicht von einem verfehlten Leben reden dürfe : so verfiel er gleich wieder in unbändige Aufregung und erwiderte : » Du verstehst nicht , was mir not tut und weißt nicht , was ich bedarf . « Auch den zweiten Winter brachte er in Paris zu ; aber er nahm Corona mit . Einerseits war es ihm lästig , da er sie doch nicht der vollkommenen Verlassenheit übergeben durfte . Andererseits war ihre Anwesenheit ihm , der Welt gegenüber