sahen Alle , daß der Schmerz , der Haß , den sie , so lange Fennimor lebte , zurück gepreßt hatte , jetzt mit der wilden Gewalt der Verzweiflung hervorbrach . Mitleiden und Entsetzen kämpfte in Aller Brust . Emmy ' s Augen leuchteten wild - sie richtete sie auf Leonins Gestalt , als hoffte sie ihn damit zu tödten . » Bringt ihn weg von ihr ! fort , fort ! Er hat kein Recht mehr an ihr ! Er darf sie nicht berühren ! Sie wird entehrt durch seine Nähe ! « - » Faßt Euch ! « sagte streng der Arzt - » Ihr handelt thöricht und hart ! Seht Ihr nicht , daß er fast des Lebens schon beraubt ist ? « » Ha , Ihr tretet auf seine Seite ? Ihr habt das Elend schon vergessen , das er gestiftet ? Ihr mögt ihm verzeihen ? Nun denn , so seid Ihr so schlecht , als er , und auch von Euch will ich mich lossagen ! Fort von allen Menschen , fort ! Aber mein Fluch bleibt ihm und Allen , die ihn vertreten wollen . Er werde an Allem erfüllt , was er noch zu besitzen und zu lieben wagt ! Mein Leben will ich erhalten zur Mahnung seiner Sünde - mein Tagewerk soll sein , ihn mit meinen fluchenden Gedanken zu verfolgen ! « Sie stürzte in das Heiligthum ihres Lieblings , in Fennimors Kabinet . Dort hörte man einen Fall . Die Frauen wollten ihr nach . » Laßt das , « wehrte ihnen der Arzt - » ihre rauhe , unbezähmbare Natur bedarf des Ausbruches - wir könnten ihr nicht helfen ! « » So laßt uns beten ! « wiederholte der Vikar - und Alle knieten jetzt um Fennimors verklärte Leiche . Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen , in der Form des gewöhnlichen Sterberituales . Es schien , er sprach sie über zwei Leichen ; denn Leonin blieb bewegungslos liegen , und über ihm stiegen dieselben frommen Worte empor , wie über Fennimor . Und dennoch hatte der Unglückliche nicht aufgehört zu leben . Langsam knüpfte sich sein Bewußtsein an die Worte wieder an , die zu Anfange bloß sein Gehör erreicht . Aber er schauderte , als er sein wiederkehrendes Leben bemerkte ; denn er fühlte nur die Verzweiflung , die alle Stützen niederreißt und Nichts , als den Willen übrig läßt , so elend zu sein , daß jede Rettung unmöglich wird . Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf ; er blickte Alle an , und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schooß . Sein Anblick hatte den versöhnenden Eindruck gewährt , wenn die gerechte Strafe , als Vergeltung schwerer Vergehungen , das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner Mitmenschen zu erlösen scheint . Das göttliche Mitleiden gewann wieder Raum in der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors . - Der Vikar segnete die Leiche ein und bat alsdann um Gnade für ihren leidenden Gatten , um Schutz für das verwaiste Kind . Die Versöhnung lag darin - er setzte voraus , daß sie , wie bei ihm , so bei allen Anwesenden eingekehrt sei , und sprach damit das Gefühl Aller aus . Sie erhoben sich . Die Bäuerin , die zunächst an Fennimors Seite kniete und das schlafende Kind an ihrem Busen trug , sagte in ihrer schlichten Weise : » Herr Vikar , ich war dabei , als unsere gnädige Frau Gräfin ihren Gemahl empfing . Sie war voll großer Liebe und nur traurig , daß sie nicht Zeit behielt , ihn genug zu lieben . Das wollte ich nur sagen , daß wir jetzt des armen Herrn gedenken möchten , nach ihrem Willen . « » Es soll geschehen , « erwiederte der Vikar ernst . - Er nahte sich mit dem Arzte dem Unglücklichen und redete ihn bei seinem Namen an . Leonin fuhr zusammen - er blickte entsetzt empor . » Fennimors Freunde , « stammelte der blasse Mund , » Ihr könnt kein Erbarmen mit mir haben ! « - » Wir haben kein Recht , Euch zu richten . Gott vollführt das in Euch - er möge uns Allen gnädig sein ! « sprach der Vikar . - » Und dieser Engel hat vergeben - seht , es steht auf ihrer heiligen Stirn ! « Leonin blickte hin - die Locken lagen nun getheilt und zeigten frei das erblaßte , himmlische Antlitz . Es hatte den Frieden der höheren Welt - die Glückseligkeit erreichter göttlicher Gemeinschaft ! Es hatte noch immer denselben Karakter , wie in den Wäldern von Stirlings-Bai . Es war ein süßes , lächelndes Kind mit einem Heiligenscheine . Leonin ' s Blick , der dies Bild vollständig auffaßte , ward die hell leuchtende Fackel , die mit jähem Lichte sein ganzes Leben überblitzte . Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sündigen trat hervor - Fennimor sein größtes Verbrechen , sein einziger , höherer Lichtblick ! Er stand auf und fühlte mit Entzücken , daß er krank war . Beide Männer hielten ihn . » Fennimor , mein Weib , Du hast mir vergeben , und Du bist gerächt ! « Er gab nach , als man ihn bat , weg zu gehen - er fühlte sich durch seine Schuld unberechtigt und scheu , den Freunden zu widersprechen ; dabei nahmen stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewußtsein ein . Er verließ ihren heiligen Anblick und blieb davon getrennt . Der Arzt sorgte , daß er sich in seinem Zimmer niederlege , und war schnell über seinen Zustand im Klaren . Lange schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen , willkommen der Gelegenheit brach es aus . Indessen ordnete Veronika mit jungfräulichem Sinne die Bestattung Fennimor ' s. Nur schwer trennten sich Alle von der unverändert bleibenden Leiche . Das Gewölbe , in welchem die fromme Königin Claudia in einsamer Stille ruhte