zu besuchen , was er ihr nun um so lieber gab , als er einsah , daß sie in ihrem wilden Treiben dem Verderben zueile , und hoffen durfte , durch seine Anwesenheit auf der Villa vielleicht manches ordnen und schlichten zu können . Dies sollte den Abschluß der Verwicklungen bilden , welche sein Leben , wie er sich überzeugte , seit einigen Jahren unnütz aufgesponnen hatten . Er hatte die Freiheit von bürgerlichen Verhältnissen gesucht , und nicht bedacht , daß eine solche eigentlich ganz in das Leere führe . Er hatte überall auf die gutmütigste Weise geholfen , und die Welt war indessen unbekümmert um ihn ihren selbstischen Gang weitergeschritten . Sein Vermögen erschöpfte der unüberlegte Ankauf im Badischen ; er konnte in Not geraten . Alles drängte ihn zu einer vernünftigen Entsagung , zu einer bescheidnen Rückkehr . Nach mancher Träne bittern Unmuts , die er verweinte , beschloß er , die Verhältnisse wieder aufzunehmen , auf welche er so stolz herabgesehen hatte , und die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen , die ihm früher so unleidlich geworden war . Wilhelmi , dem er seinen Vorsatz mitteilte , lobte ihn sehr , und bestärkte ihn darin . Durch dessen eifrige Bemühung wurde er des fernen Grundeigentums entledigt , freilich mit großer Einbuße , indessen zog er so viel aus diesem Handel noch heraus , daß er sich eine Zeitlang allenfalls damit hinhalten konnte . Wilhelmi tröstete ihn , wenn er ihn schwermütig sah , und seine Klagen über die verlornen Jahre hörte . » Was ist es weiter ? « rief er . » Du hast eine Weile vagabundiert , das wird dir doch zugute kommen . Viel besser ist es so , als wenn du dich , wie ich , zu früh gefesselt hättest . Die Jugend soll verschwärmt werden , manches ist gewiß an dir hangen und kleben geblieben , wovon du jetzt selbst nichts ahnest . « » Ich will es wünschen « , versetzte Hermann , » wenn ich es gleich nicht zu hoffen wage . Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur täuschend . Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben . Wer , zerstreut , von der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt , kommt mir wie einer vor , der mit verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht ; die Summe pflegt nicht groß zu sein , wenn der Teller abgehoben wird . « Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt , schaffte sich juristische Bücher an und tat die nötigen Schritte , seine bürgerliche Laufbahn wieder zu betreten . So gewann es den Anschein , als solle der Strom seines Daseins , wie der so vieler , nach kurzem mutigem Laufe im Sande der Gewöhnlichkeit auslöschen . Zehntes Kapitel Die Sozietät pflegt sich für unangreifbar zu halten , schon die leiseste Verletzung des Persönlichen erscheint wie ein Attentat . Dann bricht plötzlich etwas ganz Unerwartetes , Niebefürchtetes in diese Kreise ein , alle Bande sind auf einmal zersprengt , und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen . Von solchen Gefühlen wurde Hermann bestürmt , als Wilhelmi eines Abends atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat , daß Medon verhaftet worden sei . Über den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Näheres angeben , nur so viel wußte er , daß derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen zusammenhange . Hermann eilte in der Hoffnung , daß ein falsches aberwitziges Gerücht den Freund betrogen habe , nach Medons Wohnung . Leider fand er hier die Sache nur zu wahr . Er hatte Mühe , in das Haus zu kommen , welches scharf bewacht war . Auf dem Flur standen Koffer und allerhand Reisegepäck ; durch eine Glastüre blickte er in das Zimmer , worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte ; Medon , dem vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war , saß darin auf dem Sofa , sah blaß und angegriffen aus . Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu verhören . In andern Zimmern wurde versiegelt . Von den Hausleuten , die sehr verwirrt und bestürzt waren , konnte er nichts Genaues herausbringen . Nur so viel wußten sie , daß man Anstalten zu einer Reise gemacht habe , daß aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte plötzlich mit einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei , welcher auf Medon zuschreitend , und ihn scharf ins Auge fassend , gerufen : » Dieser ist es , welcher in Zürich uns vom Männerbunde erzählte ! « worauf der Beamte Medon in Haft genommen habe . Ängstlich fragte er nach Johannen . Ihr Kammermädchen entdeckte ihm weinend , daß die gnädige Frau heimlich in großer Eile abgereist sei , noch ehe die Verhaftung stattgefunden habe . Sie habe an verschiednen Reden , die zwischen dem Herrn und der Frau vorgefallen seien , gemerkt , daß letztre mit dem Herrn verreisen sollen und sich dessen geweigert habe . Mit Tränen in den Augen habe darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen , ihr einen Wagen nach entgegengesetzter Richtung zu verschaffen , was denn auch von ihr geschehen sei . Die gnädige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Sträßchen bestellen lassen , wo sie , kaum mit den nötigsten Sachen versehen , eingestiegen und in schnellster Eile fortgefahren sei . Sie habe die arme gnädige Frau begleiten wollen , sei aber von ihr mit den Worten , daß sie fortan nur Gott zum Begleiter haben wolle , zurückgewiesen worden . Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust . Aus dem Hin- und Herreden der Leute konnte er abnehmen , daß die leidenschaftlichen Vorfälle zwischen den Gatten die Veranlassung zu Medons Unglück mochten gegeben haben . Das geängstigte Mädchen hatte davon überall geplaudert , um sich Luft zu machen , dadurch hatte aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten . Denn gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der öffentlichen Macht unter einem Vorwande im Hause