der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht errathen , daß der Baron auf die erste Sprosse der Leiter des Glücks , die er ersteigen wollte , durch die sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war , in welcher der Graf , ohne seinen Scharfsinn anzustrengen , die Tochter des alten Lorenz erkannt haben würde , wenn auch der Prediger nicht schon längst durch unumwundene Fragen die Sache außer allen Zweifel gesetzt hätte . Endlich gelang es dem Grafen , sich von dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu beseitigen , und er eilte aus der Nähe eines Menschen hinweg , dessen Gefährlichkeit er schon in der einzigen Unterredung , die er nach vielen Jahren mit ihm gehabt , genügend erkannt hatte , und ihm däuchte das Opfer von tausend Thalern unbedeutend , wenn dadurch die Ueberzeugung erkauft werden könnte , daß er den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde . In diesen Gedanken und Betrachtungen erreichte er seine Wohnung , wo er andere Nachrichten fand , die , wie er auch dagegen kämpfte , niederschlagend auf ihn wirkten . XVI Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg , kam ihm St. Julien entgegen , in dessen Augen noch leichte Spuren von Thränen waren , obgleich der lächelnde Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien , welches diese Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte . Er hielt einen Brief in der Hand und sagte : In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein , um Ihnen ihren Dank darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen . Die Lippen des jungen Mannes zitterten , indem er diese Worte sprach . Er kämpfte mit der Wehmuth , doch plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl , er ließ den Thränen freien Lauf und rief , indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte : Werde ich Sie und Alle jemals wiedersehen ? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können ? Der Graf drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam beherrschtem Schmerz : So nah ist also die unglückliche Stunde ? Er faßte darauf den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen , wo er , wie es St. Julien wollte , den Brief las , den dieser von seiner Mutter erhalten hatte . Wir müssen uns die Trennung noch nicht so denken , sagte er endlich . Ihre Mutter wird sich bewegen lassen , so lange bei uns zu verweilen , bis die Zeit Ihres Urlaubs geendigt ist . Gewiß , sagte St. Julien , wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch erfüllen ; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick doch , der den Schmerz der Trennung herbeiführt . Endlich , sagte der Graf , ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung , und trennt uns nichts anders , so naht doch endlich der Tod und zerreißt auch die festesten Bande . Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen , kurzen Leben ein unendlicher Gewinn . Beide Männer betraten in wehmüthiger Stimmung den Saal , wo sie die Frauen und den Grafen Robert beisammen fanden , denen die baldige Ankunft der Mutter St. Juliens mitgetheilt wurde . Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu verkennen , und Emilie verließ den Saal , weil sie die Thränen nicht zurückhalten konnte , die an den langen , goldenen Wimpern zitterten . Stumm reichte der Graf Robert seinem Freunde die Hand , die dieser mit Innigkeit drückte . Der Graf verließ seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors , wo er den Haushofmeister Dübois fand . Dieser gutmüthige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung seiner Freundin Herrschaft über sich gewinnen lassen , und glaubte beinah mit Gewißheit mit ihr , daß St. Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei . Der Graf hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt , und er mußte wenigstens zugeben , daß die Sache möglich sei . Er hatte die Möglichkeit so oft erwogen , daß sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde . Er hatte sich längst gestanden , daß es eben die große Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde , dem Grafen Evremont , gewesen sei , die ihn zu dem jungen Manne , so wie er ihn erblickte , wunderbar hingezogen hatte . Er theilte auch dieß der Professorin mit ; aber , schloß er , diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein , wie wir öfter Gelegenheit haben es zu bemerken . Ich weiß nicht , rief die Wittwe des Professors , ob die Natur ein so dummes Spiel macht , daß nicht bloß die Aehnlichkeit da ist , sondern auch das kleine braune Maal unter dem linken Auge , das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn betrachtet habe . Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen , aber die Frau Gräfin war zu ängstlich und gab es nicht zu . Ich kann es gar nicht begreifen , wie die vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind . Wie ist es möglich , daß die Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt . Sie bezeichnen Herrn St. Julien , sagte der Graf , mit so großer Bestimmtheit als den Sohn meiner Gemahlin , und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen Mannes hier sein , und alle Täuschungen werden schwinden . Laßt sie nur kommen , rief die Professorin , indem sie die Hände zusammenschlug , laßt sie nur kommen , ich will ihr schon Fragen vorlegen . Die Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen ; sie wäre im Stande und ließe sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen . Aber mir soll sie Antwort geben , die französische Madam , ich werde sie nicht so ziehen lassen , und wenn sie auch ihren großen Buonaparte mitbrächte , so ließe ich mich doch nicht einschüchtern . So ernsthaft dem Grafen