Alle verwandt wähnen müssen . Ihr durch den Tod einer angebeteten Mutter tief verwundetes Gemüth bedurfte eines Gegenstandes für die ängstlich suchende verwaiste Liebe , von der es überfloß , und wo war ein würdigerer zu finden als Ottokar ? Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung , sie wagte es , ihn zu lieben - so wie sie ihre Mutter geliebt hatte ; und wähnte ihre Bestimmung erfüllt . Sie kannte ja keine andre Liebe , und konnte keine kennen als aus ihren Dichtern , deren Gebilde , von ihrer Mutter gewarnt , sie weit entfernt war in der Wirklichkeit zu suchen . Aber auch er schien achtlos an ihr vorüberzugehen , wie die übrigen , der Schmerz darüber täuschte ihr Bewußtseyn , und führte endlich jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei , deren Andenken sie bis jetzt in einem schönen Irrthum über sich selbst erhalten hatte . Und nun ! Zu neuem , nie geahnetem Leben war sie erwacht , zu nie gedachten Schmerzen und Wonnen . Jetzt erst verstand sie ihre Dichter , jetzt erst die Natur um sich her . Eine neue Sprache , neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem neuen Leben ihr gewonnen , ihr war , als erhöbe sie sich aus langem , traumbewegten Schlummer zum Licht . Mit richterlichem Ernst überblickte sie ihre Vergangenheit ; sie wollte sich schuldig finden , aber sie konnte nie ungerecht seyn , auch nicht gegen sich selbst . Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt gefunden , und sie gestand sich , einer Gefahr erlegen zu seyn , die sie nicht erkannt hatte , und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte . Sie fühlte sich schuldlos an dem Irrthum ihres reinen , nichts ahnenden Gemüths ; sie fühlte , daß schon ein Grad von Verderbtheit dazu gehört , um ewig sich selbst zu bewachen und Gefahren zu fliehen , deren Möglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann , und ihre unbedachte Sicherheit , die sie nicht verdammen konnte , obgleich sie sie als den Quell ihres Unglücks betrachten mußte , flößte ihr Mitleid mit sich selbst ein . Dieß reine Bewußtseyn ermuthigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und Kraft des Gemüths , die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen Versunkenheit emporhalf , in welcher Schwächere untergehen . » Herr meines Empfindens bin ich nicht , und kann es nicht seyn , doch Herr meiner Handlungen will ich seyn ! « sprach sie , und fühlte sich in dem Momente erhaben über sich und ihr Geschick . Den ganzen langen Tag , den sie unter dem Vorwande eines leichten Uebelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte , verwendete sie zum ernsten Ueberdenken , wie das Unabänderliche würdig zu bestehen sey . Hippoliten abermals von sich zu entfernen ! Wüthender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei dem bloßen Gedanken an dieses Opfer , das ihr schwerer als der Tod dünkte , aber sie hielt ihn fest . Doch wie ? wie sollte sie ihn entfernen ? unter welchem Vorwande ? ihn , der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise zu einem solchen Schritte berechtigte , der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung nichts wollte , als in ihrer Nähe athmen ; der keine Aufopferung scheute ihr dieses zu beweisen und daneben ihr trübes Leben auf tausendfältige Weise zu schmücken ! Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung längst auf ewig besiegt , wohl gar vergessen , die er einst für die Bestimmung seines Lebens hielt , und von deren Daseyn seit seiner Rückkehr aus Rom , jede Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war . So verwandelt wie sein ganzes Wesen , war vielleicht auch sein Herz , und nur Mitleid , Dankbarkeit und hoher Edelmuth fesselten ihn noch an sie . Ihre Liebe , die einst das höchste Ideal von Seligkeit ihm schien , würde jetzt vielleicht nur in wehmüthiger Trauer über ihre Schwäche ihn niederdrücken ; und wenn gerade ihre Bitte sich zu entfernen ihm ihr Geheimniß verriethe , wenn er dadurch entdeckte - Gabriele vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden ; mit hohem Erröthen , mit dem ängstlichsten Gefühle der tiefsten Beschämung verhüllte sie sich vor dem Lichte des Tages , vor sich selbst , und träumte dabei doch eine Minute lang von der Himmelsseligkeit , ihm einmal nur sagen zu dürfen : » dich habe ich geliebt ! « und dann zu sterben ! Schaudernd wie vor einem Verbrechen , eilte sie , von diesem Gedanken sich loszureißen . Sie wußte es , sie mußte leben , sie war bestimmt , den blutigen Pfeil im Busen zu tragen und gleichgültig dazu lächelnd , ihren Weg zu gehen , wenn er gleich zum Untergange führte . Mit möglichster Gelassenheit begann sie jetzt , über ihr künftiges Verhalten gegen Hippoliten nachzudenken ; sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in seiner gefahrvollen Nähe ersinnen , und sah bald ein , daß beinah alles bleiben mußte wie es war , wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle Aufmerksamkeit , sogar Argwohn erregen wollte . Im Aeussern war so wenig abzuändern , und in ihrem Innern , das fühlte sie mit Ueberzeugung , konnte es nie anders werden . Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrath ihres heiligsten Geheimnisses bewahren , aber sein Bild stand auf ewig in unverlöschlichen Zügen ihrem Herzen eingegraben , und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich . Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke : wie wenn auch ihn heilige Pflichten bänden ! wenn er , glücklich an der Seite eines geliebten Wesens , von selbst sich nach und nach entfernte , und beseligt durch alle die süßesten Bande des häuslichen Lebens , nun immer seltner käme , zuletzt ganz ausbliebe ? Tausendmal schöner und reizender als sie gestern Ida gesehen hatte , schwebte diese ihrem Geiste vorüber ; abermals sah sie Hippolit in Bewunderung des anmuthigen Wesens verloren , der ganze Abend des vergangenen Tages