und der Ununterrichtete sieht sie bald so , bald so an , und jeder ahmt sie nach seiner Weise nach . Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht , so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes . Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt , so wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen . Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen , und doch ist auch das bloß Lebende verständig . So weiß der Magen recht gut , wenn er hungert und durstet . So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur . Und beide sind dem Einsichtsvollen immer recht ; dem Beschränkten aber erscheinen sie bald so , bald so . In der Schmiede erweicht man das Eisen , indem man das Feuer anbläst und dem Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt ; ist er aber rein geworden , dann schlägt man ihn und zwingt ihn , und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark . Das widerfährt auch dem Menschen von seinem Lehrer . Da wir überzeugt sind , daß derjenige , der die intellektuelle Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird , auch wohl ihren Vater , der über allen Sinn erhaben ist , bemerken könne , so versuchen wir denn nach Kräften einzusehen und für uns selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich machen läßt - , auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt anzuschauen vermögen . Nehmet an daher : zwei steinerne Massen seien nebeneinandergestellt , deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben , die andere aber durch die Kunst zur Statue , einer menschlichen oder göttlichen , ausgebildet worden . Wäre es eine göttliche , so möchte sie eine Grazie oder Muse vorstellen , wäre es eine menschliche , so dürfte es nicht ein besonderer Mensch sein , vielmehr irgendeiner , den die Kunst aus allem Schönen versammelte . Euch wird aber der Stein , der durch die Kunst zur schönen Gestalt gebracht worden , alsobald schön erscheinen ; doch nicht weil er Stein ist , denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für schön gelten , sondern daher , daß er eine Gestalt hat , welche die Kunst ihm erteilte . Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht , sondern diese war in dem Ersinnenden früher , als sie zum Stein gelangte . Sie war jedoch in dem Künstler nicht weil er Augen und Hände hatte , sondern weil er mit der Kunst begabt war . Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit ; denn nicht die Gestalt , die in der Kunst ruhet , gelangt in den Stein , sondern dorten bleibt sie und es gehet indessen eine andere , geringere hervor , die nicht rein in sich selbst verharret , noch auch wie sie der Künstler wünschte , sondern insofern der Stoff der Kunst gehorchte . Wenn aber die Kunst dasjenige , was sie ist und besitzt , auch hervorbringt und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt , nach welcher sie immer handelt , so ist sie fürwahr diejenige , die mehr und wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst besitzt , vollkommener als alles , was nach außen hervortritt . Denn indem die Form , in die Materie hervorschreitend , schon ausgedehnt wird , so wird sie schwächer als jene , welche in Einem verharret . Denn was in sich eine Entfernung erduldet , tritt von sich selbst weg : Stärke von Stärke , Wärme von Wärme , Kraft von Kraft ; so auch Schönheit von Schönheit . Daher muß das Wirkende trefflicher sein als das Gewirkte . Denn nicht die Unmusik macht den Musiker , sondern die Musik , und die übersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem Ton hervor . Wollte aber jemand die Künste verachten , weil sie der Natur nachahmen , so läßt sich darauf antworten , daß die Naturen auch manches andere nachahmen ; daß ferner die Künste nicht das geradezu nachahmen , was man mit Augen siehet , sondern auf jenes Vernünftige zurückgehen , aus welchem die Natur bestehet und wornach sie handelt . Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor und fügen anderseits manches hinzu , was der Vollkommenheit abgehet , indem sie die Schönheit in sich selbst haben . So konnte Phidias den Gott bilden , ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches nachahmte , sondern sich einen solchen in den Sinn faßte , wie Zeus selbst erscheinen würde , wenn er unsern Augen begegnen möchte . Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen , wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des einen dringen , woher alles entspringt und worauf alles wieder zurückzuführen wäre . Denn freilich ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt bedrängt , daß es sich kaum zu retten weiß . Allein wir verkürzen uns an der andern Seite wieder , wenn wir das Formende und die höhere Form selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn verschwindende Einheit zurückdrängen . Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen ; diese beiden allgemeinen Formen sind es , in welchen sich alle übrigen Formen , besonders die sinnlichen , offenbaren . Eine geistige Form wird aber keineswegs verkürzt , wenn sie in der Erscheinung hervortritt , vorausgesetzt daß ihr Hervortreten eine wahre Zeugung , eine wahre Fortpflanzung sei . Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende , ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung , daß das Gezeugte vortrefflicher sein kann als das Zeugende . Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich , ja , was mehr ist , durchaus praktisch zu machen , würde von wichtigem Belang sein . Eine umständliche folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern übergroße Aufmerksamkeit zumuten . Was einem angehört , wird man nicht los , und wenn man es wegwürfe . Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis , daß der Mensch