sei und nicht etwa eine versteckte Tücke gegen den Bruder , eine verstellte Unschuld es habe leiten können . Was ist aber der Prüfstein der Unschuld , wenn das , was den Wunsch eines Kindes unmittelbar befriedigt , von ihm alle dem , was denselben Wunsch in größerem Maße , aber auf einem Umwege befriedigen kann , vorgezogen wird ; ich will mich deutlicher erklären : wenn das Kind diesen Apfel , den ich aus der Tasche ziehe und in meine rechte Hand nehme , diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstücke vorzieht , das ich ihm zur Wahl mit der linken Hand zeige , wofür es sich einen Scheffel Äpfel kaufen könnte . « Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall , manche Bürger aber baten laut für das Kind aus Mitleiden , weil es das Geld leicht als etwas Blankes vorziehen könne , ohne von seinem Werte etwas zu wissen ; der ernste Bürgermeister aber wies sie zurück mit den Worten : » Hier ist schon große Gnade für Recht ergangen ; ihr Bürger , betet für den Knaben . - Gerichtsdiener , öffnet die Armesünderkammer ! « Viele beteten schon , als die schwere eiserne Tür in ihren Angeln aufknarrte , niemand eifriger als Susanna ; als aber der schöne Knabe mit seinen großen Augen verschüchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugeführt wurde , da hätte man die Herzen schlagen hören können . Der Ratsherr sprach zu dem Knaben : » Die Mutter hat dir verziehen ; sie weiß , daß du nicht mit Willen dein schönes weißes Kleidchen so blutig gemacht hast , sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei , worunter du dir eins wählen sollst ; komm her , liebes Kind , eins kannst du nur bekommen , willst du den schönen Apfel oder das Stück Geld ? « Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite , wo der Apfel ihm vorgehalten wurde ; alle jubelten im Herzen ; dann aber wandte er sich zur linken , und keiner enthielt sich , ihm verstohlen zuzuwinken , wie manche beim Kegelspiele die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten ; aber ein heller Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel , und das Kind wendete sich hin zu ihm , faßte ihn und biß gleich recht tief hinein . Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude , er hob seine Hände zum Himmel und dankte stumm ; manche in der Versammlung schluchzten . Der Bube aß recht vergnügt seinen Apfel , und als er beinahe damit fertig , rief er bittend : » Geld auch haben ! « Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten : » Was willst du denn mit dem Gelde machen ? « - Der Kleine antwortete : » Bruder Oswald geben , da lacht er . « - Die Antwort befriedigte alle Gemüter ; der Bürgermeister und die Ratsherren sprachen Gnade und ließen das Kind in das Haus des Ratsherrn führen , der dessen Unschuld so scharfsinnig bewährt hatte . Nachdem das Kind fortgeführt worden , beratschlagten die Herren lange Zeit , was aus dem Kleinen werden sollte , daß er nicht sobald zur Mutter zurück dürfte , bis der tränengenäßte Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelöscht habe ; darüber waren alle einig , daß es besser sei , ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu entfernen , das gab jeder zu , aber in der unruhigen Zeit war es schwer , einen bequemen Ort für ihn auszumitteln ; endlich beschlossen sie , ihn in den vom alten Bürgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor der Stadt unterzubringen . Nachdem Susanna diesen Beschluß vernommen hatte , ging sie fort ; sie hatte schon vorher einige Bürger vernommen , die sich beschwerten , was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe . Im Vorbeigehen am Ratskeller hörte sie Güldenkamm , der die ganze Geschichte mit dem Knaben in Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit großem Beifalle vorsang ; es war den Leuten über die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden , klar und lustig singen zu hören ; auch erbosten sich manche , wenn er alte lustige Schwänke von einem Brunnen sang , über dem ein Mädchen gestanden ; er nötigte Susanna herein , sie mußte mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache erzählen , den die meisten noch nicht wußten . Sie sprach wenig , nur wenn eine heftige Bewegung ihr ganzes Gemüt füllte , da durchbrach es die Eisrinde , die eine harte Erziehung ihr aufgebürdet , dann sproßten Blumen , wo es gezogen , und das Wider strebende riß es mit sich fort . Alle horchten ihrer Erzählung , alle sprachen ihr nach ; Güldenkamm , so künstlich er singen mochte , wurde nicht mehr gehört , alle Gäste tranken ihr zu ; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische Festbrezel , sie konnte sich nicht genug über den artigen Jungen verwundern , der so schön erzählte und nun so geschämig wie eine Jungfer mit hochroten Backen dasitzen tät , als ob er nicht fünf zählen könnte . Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft losmachen , um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen . Im Hause mußte sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten ; sie sah mit Teilnahme allen zu , wie ein paar Hundert mit heißer Begierde und wenig versteckter Absicht den wohlfeilen Verkauf aller der Geräte wünschten , die Frau Anna bald mit einem Seufzer , bald mit einem hervorhebenden Lobe , manche selbst mit Tränen dem Versteigerer darreichte . Sah Susanna , daß ein paar bärtige Hebräer sich mit einander heimlich beredet hatten , auf etwas nicht zusammen zu bieten , so kam ihr die Lust , sie in die Höhe zu treiben ; ein paarmal verschluckte sie das halb ausgesprochene Wort , dann aber , als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem