Ich . So vieler Gewalt über meine Sinne rühme ich mich keinesweges . Aber setze du dagegen einen verrückten Menschen , der sich in seinem Wahnsinn einbildet , daß er gegeißelt werde : fühlt er die Pein der bloß eingebildeten Geißel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich wäre ? Dem Wahnsinnigen thut seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an , welche in dem Falle , den du setztest , dem Gesunden geschieht . Diagoras . Und was schließest du aus dem allen ? Ich . Daß du keinen hinlänglichen Grund hast , von deinem Gefühl auf die Realität dessen was du fühlst zu schließen . Diagoras . Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir selbst hervor , und ich hätte keine Ursache zu glauben , daß etwas außer mir wäre ? Ich . Ich behaupte nicht daß es wirklich so sey ; aber aus dem Gesagten scheint es wenigstens so . Wie kämen auch die vermeinten Dinge außer dir dazu , Vorstellungen in dich zu bringen , die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt hätten ? Gesetzt aber auch , dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner Gestalt in dein Auge , und es reflectire aus deinem Aug ' in deine Seele , so wäre zwischen einem solchen Bild und dem Bewußtseyn , womit du es siehest , nicht das geringste Causalverhältniß ; und doch wird es bloß dadurch , daß du dir bewußt bist es zu sehen , etwas in dir Wirkliches . Kurz , um Dinge außer dir wahrzunehmen , muß deine Seele so viel thun , daß du wenigstens Ursache hast zu zweifeln , ob sie nicht alles thue . Diagoras . Aber , wie wär ' es möglich , Aristipp , daß du nicht sehen solltest , in welche Ungereimtheiten ein solcher Zweifel führen würde ? Wenn alle meine Vorstellungen bloße Geschöpfe der denkenden Kraft in mir sind , bin ich nicht genöthiget , mich für das einzige wirkliche Wesen zu halten ? Nun sind aber alle andern Menschen in dem nämlichen Falle , und wenn sie alle so räsonniren wollten , was sollte aus dreißig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden , deren jeder sich einbildete , alle übrigen seyen nichts als in ihm selbst erzeugte Gedankenbilder ? Ich . Es käme darauf an daß sie sich darüber mit einander verglichen . Da einer so viel Recht hätte als der andere , warum sollten sie nicht in Güte übereinkommen können , einander , um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen Lebens willen , vermittelst einer Art von Prosopopöie die Existenz zuzugestehen ? Diagoras . Und so möchten wir , dächte ich , eben so wohl thun , wenn wir auch allen übrigen Dingen , die in unser Bewußtseyn gerathen , die nämliche Billigkeit widerfahren ließen ? Ich . Das könnten wir ohne Bedenken ; aber was hätten wir damit gewonnen , wenn wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseyns Rechenschaft geben sollten ? Diagoras . Kann uns denn nicht genug seyn daß wir da sind ? Wozu brauchen wir nun eben den Grund zu wissen ? Ich . Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet , Diagoras , da du mir auf die meinige » was du an die Stelle der Götter setzest ? « zur Antwort gabst : » mich selbst und alles was wirklich ist . « - Es ist nun einmal in unsrer Natur , sobald sich uns etwas als außer uns darstellt , zu glauben es sey , und wissen zu wollen , was und woher und wie und warum es ist . Das kürzeste Mittel , sich hierüber zu beruhigen , schien den Menschen von jeher zu seyn wenn sie Götter glaubten , in deren Macht und Willkür der Grund des Daseyns und der Zusammenordnung der Dinge liege . Du willst mit diesem Behelf nichts zu thun haben , und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle . Aber bei näherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden , daß dein eigenes Daseyn eine sehr zweifelhafte Sache ist , da das Gefühl desselben lediglich auf dem vorausgesetzten Daseyn anderer Dinge beruht , für deren Daseyn du keine andere Gewähr hast als dein eigenes . Gesetzt aber auch es hätte mit deinem Daseyn seine Richtigkeit , so ist es doch eine bloße nackte Thatsache und du hast auf die Frage : woher , wie und warum du da bist ? noch immer keine Antwort . Denn daß du nicht immer da warest , und daß der Grund deines Daseyns nicht in dir selbst seyn kann , wirst du schwerlich in Abrede seyn wollen . Diagoras . Es scheint in der That ich müßte auch etwas davon wissen , wenn ich immer gewesen wäre , und die Mutter die mich gebar , der Vater der mich auferzog , und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten Terpander plärren lehrte , müßten sich auf eine seltsame Weise getäuscht haben . Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81 . Die Formel , über welche du mich schikanierst , soll nichts weiter sagen als : die Natur enthält alles was ist , war und seyn wird , und es bedarf keines andern Grundes für mein und aller übrigen Dinge Daseyn als sie . Ich . Die Natur ! - Ein großes viel umfassendes Wort ! Und was denkst du dir eigentlich dabei ? Diagoras . Wie ich sagte , das , woher alles was ist , war , und seyn wird , seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht . Ich . Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu wissen ; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken . Diagoras . Ich , die Wahrheit zu sagen , eben so wenig . Ich . Du hättest also ungefähr so viel als gar nichts damit gesagt ? Diagoras . Ist es meine Schuld daß die Natur etwas Unbegreifliches ist ? Ich . Irgend eine