meistens parteiisch , welche Parteilichkeit von den Literaten , nachdem die erste Kopflosigkeit überwunden , weiter ausgesponnen werde , bis der Gegenstand der Vergangenheit angehöre und einer verständigen Registrierung fähig geworden . Es sei das ein verdrießlicher Handel ! Er habe Maler gekannt , die den verwichenen Raffael einen unangenehmen Kerl gescholten und dabei auf ihre grausam kritische Ader sich wunder was eingebildet haben ; hinwieder seien ihm Kollegien lesende Professoren vorgekommen , welche an älteren Bildern eine wirkliche metallische Vergoldung nicht von gemaltem Golde zu unterscheiden wußten und in technischer Hinsicht überhaupt auf dem Standpunkte von Kindern und Wilden standen , die in einem gemalten Gesichte den Nasenschatten für einen schwarzen Fleck anzusehen pflegen . Ich bemerkte wohl , daß Lys mit seinen Bildern in eigentümlicher Weise durch die Schule der großen Italiener hindurchgegangen sei , ohne sie im Unmöglichen gerade nachmachen zu wollen , erfuhr nun aber , er habe früher sich zum strengen deutschen Zeichner ausgebildet , der es im sichern Führen von Stift und Kohle fast seinem berühmten Meister gleichgetan und die Farbe für ein mehr oder weniger notwendiges Übel gehalten habe . Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Italien sei er gänzlich umgewandelt zurückgekommen , mit Geringschätzung auf die frühere Weise herabsehend . Als hievon die Rede war und Erikson bedauerte , daß Lys die edle Kunst der deutschen Zeichnung , die doch in ihrer Art ein unersetzliches Gut und Wahrzeichen der Nation sei , so ganz beiseite werfe , erwiderte dieser : » Ei was ! Wer einmal recht zu malen versteht , kann erst recht zeichnen , und zwar alles , was er will ! Übrigens übe ich das Ding manchmal noch , freilich nur zu meinem eigenen Spaß . « Er holte ein ziemlich großes Album vom besten Papier herbei , das in Leder gebunden und mit einem stählernen Schlosse versehen war . Mit dem Schlüsselchen , das an seinem Uhrgehänge befestigt war , geöffnet , zeigte sich Blatt um Blatt eine Welt von Schönheit und zugleich der Verspottung derselben , wie sie nicht leicht wieder in solcher Weise sich zusammenfinden mag . Es war die Geschichte einer Reihe von Liebschaften , welche er erlebt und in das Buch gezeichnet hatte mit feinstem Stifte und im solidesten deutschen Stil , als ob Dürer und Holbein , Overbeck oder Cornelius den Dekameron illustriert und die Zeichnungen für den Grabstichel unmittelbar fertig gebracht hätten . Eine solche Geschichte bestand je nach ihrer Dauer aus mehr oder weniger zahlreichen Blättern ; jede begann mit dem Bildniskopfe des betreffenden Frauenzimmers und einigen Variationen desselben in verschiedener Auffassung ; dann folgte die ganze Figur , wie man wohl einer schönen Person zum ersten Mal auf dem Markte , in der Kirche oder im öffentlichen Garten ansichtig wird ; dann entwickelte sich die Begegnung und das Verhältnis zum Helden , immer Lys selbst , bis zum Sieg und Triumph der Liebe , worauf der Niedergang sich einleitete mit Gezänkszenen , Abenteuern der einseitigen oder gegenseitigen Untreue bis zur unvermeidlichen Trennung , die entweder mit einer jähen Verstoßung des scheinbar zerknirschten Helden oder mit einer komischen Gleichgültigkeit beider Teile vor sich ging . In diesem Verlaufe glänzte besonders eine Anzahl Einzelfiguren von schmollenden oder weinenden Schönen als wahre kleine Monumente des anmutig strengen Stiles . Eine entfesselte Haarflechte , eine Verschiebung der Gewänder an Schulter oder Fuß erhöhte stets den Eindruck der Bewegtheit , wie das zerrissen flatternde Segel eines Fahrzeuges von überstandenem Unwetter Kunde gibt . Es war nicht zu entscheiden , ob diese tragischen Situationen eine andächtig mitfühlende Hand geschildert oder ob eine leise Ironie ihren Teil daran hatte ; unbestritten dagegen strahlten die weiblichen Ehren einiger Wesen , welche auf der Höhe ihres Triumphes in mythologischen Gestaltungen verklärt wurden . Lys schlug so unbefangen ein Blatt nach dem andern um , als ob er ein Schmetterlingsbuch vorwiese , und nannte nur zuweilen den Namen einer der Schönen das ist die Teresa , das die Marietta , das war in Frascati , das in Florenz , das in Venedig ! Wir schauten ebenso erstaunt als sprachlos dem Umwenden der Blätter zu , auf welchen soviel Schönheit und Talent vorüberschwirrte , und nur Erikson legte zuweilen die Hand auf ein Blatt , um dasselbe einen Augenblick festzuhalten . » Ich muß gestehen « , sagte er endlich , » es ist mir nicht ganz begreiflich , wie man soviel Genie unterdrücken oder höchstens zu geheimen Allotria verwenden kann ! Wieviel Vergnügen vermöchten Sie zu verbreiten , wenn Sie all dies Können einem ernsten Zwecke zu gut kommen ließen ! « Lys zuckte die Achseln : » Genie ? Wo ist es ? Das ist eben die Frage ! Auch das wildeste Wesen dieses Geschlechtes muß fromm sein und einfältig wie ein Kind , wenn es allein ist und arbeitet . Mir fehlt vielleicht die Frommheit oder Frommkeit ; ich bin nie allein , sondern alle Hunde sind bei mir , mit denen ich gehetzt bin ! « Wir verstanden diese Worte , die zudem im Widerspruche mit der früheren Äußerung standen , daß man alles könne , nicht sonderlich wohl , und ich selber wußte vollends nicht , was ich von der ganzen Sache halten sollte . Ich fühlte mich zu dem hübschen , ruhigen , ja ernsten Manne hingezogen , während der Inhalt des Buches auf eine gewisse Art von Ruchlosigkeit deutete , die mancher wohl sich selber verzeihen mag , aber nicht an einem ernsthaften Freunde liebt . Es war etwas von jenem schrecklichen Prinzipe , das die beiden Geschlechter als zwei sich feindlich entgegenstehende Naturgewalten betrachtet , wo es heißt , Hammer oder Amboß sein , vernichten oder vernichtet werden , oder einfacher gesagt , wer sich nicht wehrt , den fressen die Wölfe . Inzwischen waren wir beim letzten der gezeichneten Blätter angelangt , auf welches noch einige leere folgten , und Lys wollte das Album rasch zuschlagen . Erikson hielt ihn jedoch auf und verlangte das letzte Bild genauer zu sehen ; denn alle