von Natur gar nicht zu verachtender Verstand abhanden zu kommen . Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle Bücher . Sie schickten mich nach Kleinasien . Ich rettete nur einen Thukydides in meinen Reiseranzen . Und dieser Thukydides rettete mich . Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von der Hellenen Taten in Krieg und Frieden : und nun bemerkte ich mit Staunen , daß der Menschen Tun und Treiben , ihre Leidenschaften , ihre Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik - von der christlichen Logik vollends zu schweigen ! Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte , kam plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung . Denn ich wandelte über einen großen Platz : da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes : und war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels . Und zur Linken stand ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden . Da ergriff mich plötzlich der Gedanke : Die alle glaubten und glauben nun steif und fest , sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen . Und das ist doch unmöglich : das höchste Wesen hat , wie es scheint , gar kein Bedürfnis , von uns erkannt zu werden - ich hätte es auch nicht , an seiner Statt ! - und es hat die Menschen geschaffen , daß sie leben , tüchtig handeln und sich wacker umtreiben auf Erden . Und dies Leben , Handeln , Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles , worauf es ankommt . Und wenn einer forschen und denken will , so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen . Und wie ich so stand und sann , da schmetterten Trompeten : ein glänzender Reiterzug trabte heran : an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem Rotscheck , schön und stark wie der Kriegsgott . Und ihre Waffen blitzten und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen . Und ich dachte mir : Die wissen , warum sie leben : und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen . Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah , schlug mich ein Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach : Ihr scheint nicht zu wissen , wer das war , und wohin sie ziehen ? Das ist der Held Belisarius , der zieht in den Perserkrieg . - Gut , sagte ich , Freund ! Und ich ziehe mit ! Und so geschah ' s zur selben Stunde . Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und Geheimschreiber . Und seither habe ich einen doppelten Beruf : bei Tage mach ' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen : und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte . « - » Und welches ist deine bessere Arbeit ? « - » Freund , leider das Schreiben ! Und das Schreiben wäre noch besser , wenn die Geschichte besser wäre . Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit dem was wir tun : und tu ' s nur mit , weil ' s doch besser ist , als gar nichts tun oder philosophieren . Bringe den Tacitus , Sklave ! « rief er zur Zelttür hinaus . » Den Tacitus ? « » Ja , Freund , vom Livius haben wir jetzt genug getrunken . Du mußt wissen : ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart . - Zum Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte , das wir hier aufführen , dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack : Narses hat ganz recht , erst sollten wir die Perser abwehren , eh ' wir die Goten angreifen . « » Narses ! was treibt mein kluger Freund ? « » Er beneidet Belisar und läßt sich ' s selbst nicht merken . Außerdem macht er Kriegs- und Schlachtenpläne . Ich wette , er hatte Italien schon erobert ehe wir landeten . « » Du bist nicht sein Freund . Er ist doch ein hoher Geist . Warum ziehst du Belisar vor ? « » Das will ich dir sagen , « sprach Prokop , den Tacitus einschenkend . » Mein Unglück ist , daß ich nicht Geschichtsschreiber Alexanders oder Scipios geworden . Mein ganzes Herz sehnt sich , seit ich der Philosophie - - und Theologie ! - genesen , nach Menschen , nach dem vollen ganzen Menschen , mit Fleisch und Blut . Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe und Feldherrn an , die alles mit dem Verstand erklügeln ; wir sind ein verkrüppeltes Geschlecht geworden : die Heroenzeit liegt hinter uns ! Nur Belisarius , der Biedre , ist noch ein Heros , wie aus der alten Zeit . Er könnte mit Agamemnon vor Troja liegen . Er ist nicht dumm ; er hat Verstand ; aber nur den Naturverstand des edeln , wilden Tieres zu seinem Beutefang , zu seinem Handwerk . Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft ! Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden Augen und den mächtigen Schenkeln , mit denen er die stärksten Hengste zwingt . Und mich freut ' s , wenn ihm manchmal die blinde Lust , dreinzuschlagen , durch alle seine Feldherrnpläne braust . Mich freut ' s , wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und kämpfen , wie ein schäumender Eber haut . Freilich , sagen darf ich ' s ihm nicht , daß mir das gefällt ; denn sonst wär ' s nicht auszuhalten : in drei Tagen wär ' er in Stücke gehauen . Im Gegenteil ; ich halte ihn zurück : ich bin sein Verstand , wie er mich nennt . Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen , weil er weiß , daß sie nicht Feigheit ist . Hab ' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen , in die