gewünschte Aufklärung geben . Erlauben Sie , daß ich Sie mit der Lectüre desselben behellige . Der Graf wartete keine Antwort ab , sondern klemmte seine goldene Lorgnette auf die Nase und las , indem er dabei von Zeit zu Zeit über die Gläser weg auf die Fürstin hinüberblickte : Hochgeborner Herr Graf ! In dem Augenblicke , wo Se . Durchlaucht der Fürst Waldernberg seine junge Braut , Baroneß Helene von Grenwitz , in die Arme der Fürstin Mutter führt , ist es gewiß wünschenswerth , daß unter allen Mitgliedern der Familie die Harmonie walte , ohne welche auch weniger wichtige Feste leicht einen unerfreulichen Charakter annehmen . Sie selbst , hochgeborener Herr Graf , haben , indem Sie über gewisse Vorgänge , welche in der Nacht vom 21. bis 22. September 1824 im Hotel Letbus in St. Petersburg stattfanden , den Schleier christlicher Liebe und weiser Vergessenheit fallen ließen , ein Beispiel gegeben , dem ich gern folgen würde , wenn die Umstände es mir erlaubten . So aber bleibt mir nur die Alternative , meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht selbst zu befürworten , oder Denjenigen , welche Ursache haben , gewisse Dinge vor Sr. Durchlaucht zu verheimlichen , mit derselben beschwerlich zu fallen . Ich erlaube mir deshalb , mich an Se . Excellenz den Grafen Malikowsky , als die zur Vermittelung des Geschäfts geeignetste Person zu wenden , mit dem Ersuchen , mir unverzüglich 50,000 ( schreibe fünfzigtausend ) Silber-Rubel bei einem der hiesigen Banquiers anzuweisen , widrigenfalls ich mich eben genöthigt sehen würde , Sr. Durchlaucht selbst in Person meine Aufwartung zu machen . In der Zwischenzeit ( die ich auf acht Tage de dato bestimmen möchte ) verharre ich u.s.w. Director Caspar Schmenckel aus Wien . P.S. Sollten Sie vorziehen , persönlich mit mir zu verhandeln , so bin ich jeden Abend von 7 Uhr an im » Dustern Keller « , Gertrudenstraße Nr. 15. zu finden . D.O. Nun , was sagen Sie , Alexandrine ? fragte der Graf , indem er seine Lorgnette fallen ließ und den Brief wieder in die Tasche steckte . Daß das Ganze ein schlecht erfundenes Märchen von Ihnen ist . Comment ? rief der Graf in einem Erstaunen , das diesmal nicht affectirt war . Glauben Sie wirklich , mein Herr , sagte die Fürstin , zitternd vor Wuth und einer heimlichen Furcht , es könne doch etwas Wahres an der Sache sein , daß ich in eine so plumpe Falle gehen werde ? daß ich nicht sehe , wo das Alles hinaus soll ? daß Sie auf diese schamlose Erfindung nur deshalb gefallen sind , weil ich Ihrer tollen Verschwendung nicht auch noch den Rest meines Vermögens opfern will ? Wahrhaftig , Alexandrine , wer Sie so hörte , sollte glauben , daß Ihr Gewissen so rein wäre , wie meine Handschuhe . Der Zorn macht Sie ja blind , Theuerste ! Bemerken Sie doch gütigst , daß in dem Briefe Dinge vorkommen , von denen ich gar keine Ahnung habe , noch haben kann , zum Beispiel : der so überaus aristokratische Name des betreffenden Ehrenmannes . Bekanntlich hatte ich bis jetzt noch nicht die Ehre , zu wissen , wessen Blut in den Adern meines Sohnes fließt . Und übrigens haben Sie ja ein unfehlbares Mittel , die Echtheit dieses Briefes zu ermitteln . Lassen Sie sich den Verfasser - ich meine den des Briefes - kommen ! er wird sich doch in den fünfundzwanzig Jahren so sehr nicht verändert haben , daß Sie ihn nicht wieder erkennen sollten . Sie denken , ich werde das nicht thun ? Sie irren sich . Ich bestehe darauf , daß Sie mir diesen Popanz , mit dem Sie mich einzuschüchtern versuchen , vorführen . Geben Sie mir den Brief ! Warum nicht ? erwiderte der Fürst ; hier ! Aber , Alexandrine , ich hoffe , daß diese Zusammenkunft in meinem Beisein geschieht , sonst würde ich mich vor Eifersucht nicht zu lassen wissen . Teufel ! O , mein Engel , nennen Sie so den Mann , dem Sie so viel Dank schuldig sind ? Dank schuldig ? Ihnen ? Ich , der ich Sie aus dem Elend aufgelesen habe ! Wofür ich Ihnen einen ehrlichen Namen gab . Einen ehrlichen Namen , der durch jedes schnödeste Laster und jede schändlichste Sünde geschleift - Und doch immer noch gut genug war für die Freundin - Hüten Sie sich ! Weshalb ? der Himmel ist hoch und der Czar ist weit . Uebrigens haben Sie recht , zu verlangen , daß auf dieses eine Verhältniß kein übermäßiger Werth gelegt werde . Weiß doch Jedermann , daß Ihnen in einer gewissen Beziehung jeder Rang und Stand gleich war . Das geht zu weit , ich - Beruhigen Sie sich , ma chère ! Ich höre so eben einen Wagen vorfahren . Jedenfalls sind es die lieben Unsrigen . Wir müssen Ihnen ein Beispiel ehelicher Liebe und Freundschaft geben . Es war ungefähr zwei Stunden später . Helene von Grenwitz wanderte , nachdem sie die Kammerfrau verlassen hatte , unruhig in ihrem Zimmer auf und ab . Die Baronin , welche von der Reise sehr angegriffen war , hatte sich bereits in ihr Schlafgemach begeben . Helene konnte nicht schlafen . Ihre Seele war von einer unbestimmten und deshalb um so fürchterlicheren Angst bedrückt . Sie kam sich inmitten der Herrlichkeit , die sie umgab , vor , wie ein Kind in einem verzauberten Schlosse , wo aus jedem Winkel , in welchen der Schein der Lichter weniger hell fällt , hinter jeder seidenen Gardine , die der Luftzug leise bewegt , ein unsägliches Grauen hervortreten kann . War das die Erfüllung ihrer stolzen Hoffnungen ! Sie vermochte den Eindruck , den der Empfang im Salon der Fürstin auf sie gemacht hatte , nicht wieder los zu werden . Noch immer fühlte sie die eisig kalten Lippen der Fürstin auf ihrer Stirn ; noch immer sah sie das