unverwüstlich , so daß Moritz nach ihrer Entfernung nicht aufhören konnte , sie und den angenehmen Abend , den sie ihm gewährt hatte , zu preisen . Er erinnerte sich mit einemmale , schon in Schloß Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mädchen bemerkt zu haben , alle jene alten Neckereien und Anspielungen , mit denen er seinen jungen Freund dort oft genug gelangweilt hatte , wurden wieder hervorgeholt , und mit ernsten Ermahnungen begleitet , das Glück ja zu ergreifen und festzuhalten , so lange es ihm lächle . Hippolit erwiderte wenig ; er stand da , in ängstlicher Verlegenheit , die Moritzens Vermuthungen zu bestätigen schien , und dachte nicht daran , sich gegen Angriffe zu vertheidigen , die er kaum vernahm . Denn er sah Gabrielen bleich und leidend im Sofa hingesunken , ohne sichtbare Theilnahme an dem Geschwätz , in welches Moritzens lange nicht geübte Redseligkeit , überströmend von Albernheiten , sich ergoß . All sein Sinnen und Denken ging nur dahin , den überlästigen Schwätzer auf eine schickliche Art zu entfernen , um ihr , die er krank glauben mußte , endlich die nöthige Ruhe zu verschaffen . Es gelang ihm zuletzt , ihn auf sein Zimmer geleiten zu dürfen , aber noch in der Thüre wandte Moritz sich um . » Allons Madame « rief er Gabrielen laut lachend zu , » ne faites pas la sainte Nitouche ! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirthen und Rosen zum Brautkranze , ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau ; vous en aurez besoin ; sehen Sie nicht hier das leibhafte Bräutigamsgesicht ? Wie trübselig der arme Teufel da steht ! Courage , mon ami ! La petite non sarà crudele ; Courage ! faint heart never won fair Lady . « Ein langer mühsam verhaltner Strom heißer bittrer Thränen machte Gabrielens gepreßtem Herzen Luft , sobald sie sich allein sah . Ernsteres Nachdenken folgte diesem während einer unendlich langen schlaflosen Nacht , bis hell und klar , wie die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglück vor ihr lag , an dessen Rande sie bebte , ohne die Möglichkeit , sich abzuwenden . Ja , sie mußte es sich endlich , ohnerachtet alles innern Widerstrebens , selbst gestehen , es war Liebe was sie empfand , heiße glühende Liebe , die sie jetzt nur an ihren Qualen erkannte , und o wie himmelweit verschieden von jenem Ideale , mit welchem ihre sanfte , der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter schon in früher Kindheit ihr junges Herz erfüllt hatte ! Wie fern stand ihr jetzt jener kindliche Glaube , daß Liebe in sich beglücke , und nur das unbedingte Glück des Geliebten fordere , um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu erheben . Ihr ungestüm pochendes Herz , sie konnte es sich nicht ableugnen , es forderte Gegenliebe , Treue , Nähe des Geliebten ; ihr Auge verlor sich in undurchdringliches Dunkel , im welchem all ' ihr Wünschen , ihr Sehnen , ihr Hoffen unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte . Reuevoll , mit schmerzlich gerungenen Händen , warf sie sich vor dem wehmüthig lächelnden Bilde ihrer Mutter hin , wie vor dem einer Heiligen , und betete zur ihr um Muth , um Kraft und Beistand , sich aus den mächtigen Zauberbanden loszuwinden , die sie umstrickt hielten . Sie überdachte alles früher mit Hippoliten Erlebte ; sein erstes Auftreten bei ihr , die Scene im Gärtchen , die spätere in der Kapelle ; vergebens ! Aus dem Ideal von Hoheit und Schöne , das jetzt vor ihr stand , war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen , ihn konnte sie zurückstoßen , doch dieses mußte sie lieben , mit all der schwärmerischen Anbetung , die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war . Um sich zu retten , rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen , es sollte ihr helfen zum Sieg über eine Leidenschaft , deren verzehrende Glut sie mit Schrecken erfüllte . Alle frühere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr hervorgesucht , vor allem jenes Tagebuch , dessen Blätter auch das flüchtigste Empfinden ihres Gemüths während jener Zeit , die sie mit Ottokar verlebte , treu aufbewahrten . Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen , sie las , und sah mit Erstaunen , je weiter sie las , daß sie dem ersten geliebten Freunde ihres neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sey . Was er ihr gewesen , war er ihr noch immer ; der Stern ihres Lebens , zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude und Leid , dessen bloßes Daseyn sie tröstete in allem Zweifel , allem Bangen , allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens . Zu ihm allein hätte sie sich mit allen ihren Schmerzen flüchten mögen , ohne Furcht ihn zu beleidigen , in aller Zuversicht des reinsten Vertrauens , um von ihm zu lernen , wie man über sich selbst Macht gewinnt . Immer klarer ward sie , je weiter sie in ihrem Tagebuche las ; sie gewann es über sich , ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen , so wie auch den Unterschied zwischen Jetzt und Damals , als sie in eine fremde Welt gestoßen ward , noch halb ein Kind , mit jugendlich-neuen Sinnen , das Herz voll Sehnsucht nach Liebe , welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu früh in ihr erweckt hatte . Verlassen , unbemerkt , auch wohl verspottet stand sie damals da , ohne Schutz , ohne Sicherheit , in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden Gestalten , die kalt und achtlos an ihr vorüber rauschten , bis er erschien . Er , Ottokar ! so hoch über alle jene Figuranten erhaben , daß sie in ihrer Unerfahrenheit ihn wie eine göttergleiche Erscheinung nur aus der Ferne bewundernd verehrt hätte , wär ' er ihr nicht zugleich auch der erste Mann gewesen , den sie mild und gütig sah , und hätte sie nicht einzig deshalb sich ihm näher als