eigene Ruhe nicht so gebieterisch forderte . Wer sich , wie Diagoras , den Haß der Priesterschaft geflissentlich zuziehen will , thut wohl , wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie Diagoras trägt , als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war , als daß man gebrannt wird , wenn man dem Feuer zu nahe kommt . Will er es demungeachtet darauf ankommen lassen , wer kann ' s ihm wehren ? Wie gleichgültig mir also in dieser Rücksicht die Religion des Diagoras seyn konnte , so hatte doch ein Wort , das ihm im Lauf seiner Erzählung entfallen war , meine Neugier rege gemacht : und da wir einmal auf dieser Materie waren , erinnerte ich ihn jenes Wortes , woraus ich schließen müßte , sein Atheism sey nicht so unbedingt , daß er allen Glauben an etwas Göttliches aufhebe . Du scheinst , sagte ich , in deinem Gedankensystem an die Stelle der Götter , die du läugnest , etwas anderes zu setzen . Darf man fragen was ? Diagoras . Mich selbst , und alles was wirklich ist , erwiederte er . Ich . Das ist viel auf einmal gesagt , Diagoras ! woher weißt du daß etwas wirklich ist ? Diagoras . Weil ich weiß daß ich selbst bin . Ich . Und woher kannst du wissen daß du selbst bist ? Mein Mann schien ein wenig zu stutzen . - Eine seltsame Frage , sagte er lachend . Ich . Es wäre noch seltsamer , wenn sie dir nie aufgestoßen wäre . Diagoras . Nie in meinem ganzen Leben . Aber die Antwort ist auch so leicht , daß sie mir bloß deßwegen nicht sogleich beifiel . Ich weiß daß ich bin , weil ich sehe , höre , fühle , denke , mich selbst bewege , und - zwar nicht alles , aber doch sehr vieles kann , was ich will . Ich . Könntest du das alles , wenn du nicht schon da wärest ? Diagoras . Schwerlich ! Ich . Und wenn die Dinge nicht da wären , die dir zu diesen Aeußerungen deines Daseyns Anlaß geben ? - Diagoras . Ohne Zweifel , nein . Ich . Du weißt also , daß du bist , weil es Dinge außer dir gibt , die dieses Selbstbewußtseyn in dir erwecken ; du könntest aber nicht wissen , daß es Dinge außer dir gebe , wenn du nicht wüßtest , daß du selbst bist . Dieß , dünkt mich , heißt sich in einem Kreise herum drehen , der weder Anfang noch Ende hat , und du hast also keinen hinlänglichen Grund zu glauben , daß du selbst bist . Diagoras . Pure Sophistereien ! Ich glaube nicht daß ich bin , und , genau zu reden , weiß ich es auch nicht ; aber ich fühl ' es , und das ist genug . Dieses Selbstgefühl , und das Gefühl daß etwas außer mir ist , ist ein und eben dasselbe . Indem ich , zum Beispiel , den Feigenbaum dort sehe , fühle ich daß ich ihn sehe , das ist , ich sehe ihn in mir selbst , und so fühle ich in einem und eben demselben Augenblick mein und sein Daseyn . Ich . Sein Daseyn in dir , meinst du ? Diagoras . Ich sehe ihn zwar in mir selbst , aber als etwas außer mir Befindliches ; und warum wäre das , wenn er nicht wirklich außer mir wäre ? Ich . Du siehst einen Centauren , eine Sirene , auch außer dir , und es sind doch bloße Geschöpfe deiner Phantasie . Woher weißt du , daß es mit dem Baum und allem andern , was du zu sehen meinest , nicht eben dieselbe Bewandtniß hat ? Diagoras . Allerdings ist es meine Phantasie , die aus der Hälfte eines Menschen und eines Pferdes einen Centauren , und aus einem Weibe , einem Vogel und einem Fische eine Sirene zusammensetzt : aber das könnte sie nicht , wenn ich nicht wirklich Menschen , Pferde , Vögel und Fische gesehen hätte . Ich . Du hältst also alles für wirklich , was du in einer lebhaften künstlerischen Begeisterung siehest ? Oder warum solltest du diese Einbildungen nicht für eben so wirkliche Dinge außer dir halten , wie die nämlichen Vorstellungen , wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewußtseyn kommen ? Diagoras . Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fühle . Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus bloß in Gedanken vorstelle , so sehe ich sie in meiner Einbildung zwar auch außer mir , aber ungleich weniger klar und lebhaft , als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stände ; und was noch mehr ist , es hängt bloß von mir ab , ob ich das Gedankenbild sehen will oder nicht ; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Göttin , so muß ich es sehen , ich wolle oder wolle nicht . Ich . Wie ? auch wenn du die Augen zumachst ? Diagoras . Welche Frage ! Ich . Ich will bloß damit sagen : was du mit deinen Augen siehest , dringt sich dir nur so lange mit Gewalt auf , als du es wirklich ansiehest . Ist es aber mit dem , was du bloß in deiner Einbildung siehest , etwa anders ? Sobald die Bedingung da ist , d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt , mußt du es eben so wohl , obgleich weniger lebhaft , sehen , als wenn deine Augen es dir dargestellt hätten , und im letztern Falle steht es nicht weniger bei dir , die Augen wegzuwenden oder zuzuschließen , als im erstern deine Einbildungskraft auf etwas anderes zu richten . Diagoras . Aber setze daß du , an eine Säule gebunden , gegeißelt werdest , steht es dann auch in deinem Belieben , ob du die Pein der Geißel fühlen wollest oder nicht ?