nicht mit diesen Augen sprechen Sie mein Urteil aus , sonst wird mir das Sterben doppelt schwer . Wenn Sie mir nicht sagen wollen , daß Sie mich lieben — so sehen Sie weg — denn Ihr Blick weckt Tote wieder auf ! “ „ Mein Gott , Gräfin wie soll ich das rechte Wort , den rechten Ton finden für das , was ich Ihnen sagen muß , wenn Sie mir Fassung und Klarheit so schwer machen ? Ich bitte Sie , liebe teure Freundin , hören Sie mich ruhig an und erwägen Sie selbst , welch furchtbare Aufgabe Sie mir gestellt , indem Sie mich zwingen , entweder zum Heuchler zu werden — oder Ihnen das Ärgste zu tun , was einer Frau begegnen kann . “ Die Gräfin sprang auf und maß ihn mit einem Blick , in dem Zorn und Schmerz um die Herrschaft zu streiten begannen . Er faßte ihre Hände und drückte sie sanft auf das Sofa nieder , sie gab fast willenlos seiner Berührung nach . „ Liebe Gräfin , — lassen Sie mich für uns Beide die nüchterne Gesinnung bewahren , die nicht Sache so gewaltiger himmelstürmender Naturen ist wie die Ihre , um so mehr aber Sache des Mannes , in dessen Hände Sie vertrauend die Verantwortung für Ihr Schicksal legen . Es wird wenig nützen , wenn ich Ihnen vorstelle , daß Sie sich jetzt mehr zutrauen , als Sie später leisten können . Sie werden mir nicht glauben , denn ein Weib , das liebt , hält kein Opfer für zu schwer . Aber auch in der treusten Liebe finden naturgemäße Wandlungen statt . Man mag sich wohl eine Zeit lang in einer gewissen Bescheidung gefallen , man mag sie sogar nicht einmal empfinden , denn ein ungewohntes Glück entschädigt für ungewohnte Entbehrungen — aber teuerste Gräfin , auch an das Glück der Liebe gewöhnt man sich — es hört , selbst wo sie nicht erkaltet , doch allmählich auf , ein Ausnahmszustand zu sein und wird uns ein natürlicher Zustand , auf Grund dessen alle Bedingungen unseres Seins , alle Eigentümlichkeiten der Geburt und Erziehung wieder zum Vorschein kommen . Sind dann die Verhältnisse nicht vorhanden , die ihnen entsprechen , so fühlen wir trotz der treusten Liebe einen Mangel , der uns endlich sogar das Bewußtsein rauben kann , daß wir glücklich sind ! Dieses Schicksal , gnädigste Gräfin , ist unausbleiblich bei Ehen , wo ein Teil dem andern unverhältnismäßige Opfer bringen muß . Eine Frau wie Sie würde sich nie und nimmer in den kleinbürgerlichen Verhältnissen des deutschen Gelehrten gefallen , Sie würden sich sehr bald als eine Gefangene betrachten und unbeschadet der Liebe zu mir , an deren Ernst ich glaube , sich in Ihr früheres Leben zurücksehnen . Wer sein ganzes Dasein hindurch den Zwang der Pflicht nicht kannte , der lernt ihn nimmer ertragen , wenn er auch noch so ehrlich will ! Sobald Sie Ihre Pflichten gegen mich als einen Zwang empfänden — und das würden Sie früher oder später — wären Sie elend ! “ „ Es ist genug , Professor Möllner , “ rief die Gräfin , „ geben Sie sich keine Mühe , mich an mir selbst irre zu machen . Wenn Sie mich liebten , Sie vermöchten , nicht so weise zu überlegen , ob es auch wohl zu meinem Heile sei oder nicht . Wenn Sie nach mir verlangten , wie ich nach Ihnen , Sie fragten nicht erst , wie lange wir glücklich sein könnten — Sie genößen den Augenblick und gäben für den Augenblick eine Ewigkeit hin . O , Sie großer , stolzer Mann , Sie tragen das Sklavenzeichen Ihrer kleinen Verhältnisse an der Stirn und wissen es selbst nicht . Wahrlich , Möllner , Ihre kühle Zurechtweisung beschämt mich nicht — denn ich fühle , daß ich in dieser Stunde doch größer war als Sie ! “ „ Sie haben vollkommen Recht , meine Freundin . Ein Weib so schön , so hohen Standes , so begehrenswert wie Sie , braucht nicht zu erröten , wenn es einem Manne vergeblich dargeboten , was Tausende begierig ergriffen hätten . Glauben Sie mir , wenn Einer von uns der Beschämte ist , so bin ich es , dem eine Gunst zu Teil geworden so ohne Vorbehalt , ungemessen und unverhofft , wie sie nur Götter aus ihrer reichen Gnadenfülle spenden — eine Gunst , die ich nicht verdienen , nicht vergelten kann ! “ Er nahm mit tiefer Ergriffenheit ihre Hand in die seine , ihr Auge hing leuchtend an seinen Zügen . „ O , Möllner , Ihr Herz erweicht sich , ich sehe es . Sie wissen es nicht , was Liebe ist , wer hätte es Sie denn hier lehren sollen ? Die verkümmerte , armselige Empfindung , die Ihr so nennt , reicht eben hin für Euren Hausbedarf — der allgemeine Verbrauch ist gering , wenig wird gegeben , wenig eingetauscht , was solltet Ihr auch mit mehr anfangen ? Eine echte Leidenschaft würde die entsetzlichsten Zerstörungen in Eurem behaglichen Kleinwesen anrichten . Nur große Gefühle können große Gefühle entfachen und wer sie nicht kannte , der hat nicht gelebt ! Ein Mann wie Sie darf nicht feige sein Ohr verschließen , wenn der Ruf der Leidenschaft an ihn ergeht . O , entziehen Sie mir Ihre Hand nicht . — Der Augenblick ist da , wo es sich entscheiden muß , ob ich hierbleibe oder nach Rußland zurückkehre . Meine Güter kommen in Verfall , ich werde betrogen , ich muß sie entweder verlaufen oder selbst an Ort und Stelle sein . Wenn Sie mir nur die leiseste Hoffnung geben , wenn Sie mir nur den Versuch gestatten wollen , Ihre Liebe zu gewinnen , dann will ich mich all ’ meiner russischen Besitzungen entäußern und hier leben unter Ihren teuren Augen , leben in klösterlicher Stille und Entsagung Jahr um Jahr , bis Sie mich an Ihr Herz