, da sie selten ins Freie kam , eine von der Zimmerluft fast gelbgewordene Haut . » Nutzt nix , « fuhr Frau Hadebusch fort , die uralt aussah und einer bösen , verkrüppelten Zwergin glich , » er kann das Madel fordern , und er muß es kriegen . Da käm ich am End noch mit dem hohen Gesetz in Umständlichkeit . « » No , was is , Agneslein , willst zurück zu dein ' Vatter ? « wandte sich Philippine an das Mädchen und sah die Habebuschin bedeutungsvoll an . Agnes Gesicht verfinsterte sich . Sie haßte ihren Vater . So weit hatte es Philippine durch ihre steten Einflüsterungen , ihre gehässigen Erzählungen gebracht . Agnes war überzeugt , daß sie ihrem Vater im Wege sei , und seine Heirat hatte diesen Glauben nur noch mehr befestigt . In ihrem dumpfen Innern trug sie das Bild ihrer früh verstorbenen Mutter als das einer Gemordeten , einer Geopferten . Gar schauerlich hatte ihr Philippine den Selbstmord der Mutter zu schildern gewußt ; es war der immer wieder erneute Gesprächsstoff vieler Winterabende , vieler Dämmerstunden gewesen . Dereinst , wenn sie groß sein , wenn sie würde reden können , wollte Agnes Rechenschaft vom Vater verlangen . Wenn sie würde reden können ! Dies war ihr heißester Wunsch . Denn sie war eine Stummgeborene , ihre Seele schmachtete in viel härterer Gefangenschaft als ehemals die ihrer Mutter , weil sie keines Aufblicks und Aufschwungs fähig war , weil nichts in ihr bloß schlief , sondern alles hoffnungslos verdorrt war . » Zu der Döderleinischen geh ich nicht , « grollte sie . Aber am Abend kam Daniel . Er zog Philippine beiseite und hatte mit ihr eine ernste Auseinandersetzung . Er erklärte ihr die Gründe seiner Heirat , so gut er es vermochte , ohne auf das Tiefere einzugehen . » Ich hab eine Hausfrau gebraucht , eine junge Gefährtin . Dir , Philippin ' , schuld ich Dank , doch es muß auch eine neben mir sein , die mich höher stimmt , denn von meinem schweren Beruf weißt du ja nichts . Also bock nicht , Philippin ' ; schnür dein Bündel und komm heim . Was sollen wir ohne dich anfangen ? « Zum erstenmal sprach er mit ihr wie mit einem Weib und wie mit einem Menschen . Philippine starrte ihn an . Sie schlug eine wilde Lache auf und höhnte : » Joi , Daniel , wie du einen flattieren kannst . Das hätt ich nit von dir gedacht , bist immer ein ekelhafter Griesgram gewesen . Gut ! Sag : liebe Philippine . Sag ganz langsam : liebe Philippine , dann komm ich . « Daniel schaute verwundert in das nie jung gewesene und schnell alt gewordene Gesicht Philippines . » Narrenspossen , « sagte er unwillig und kehrte sich ab . Philippine stampfte mit dem Fuß auf den Boden . Der idiotische Heinrich trat in den Flur und hielt ein Lämpchen hoch . » Wohnt der fromme Schreiber noch da ? « fragte Daniel und schaute voll Erinnerung an der windschiefen Treppe empor . » Gott sei Dank , nein , « schnarrte Philippine , » das tät noch fehlen . Mir wird übel , wenn ich ein Mannsbild seh . « Abermals schaute Daniel in ihr häßliches , boshaft verzerrtes Gesicht . Er war gewohnt , alle Dinge , alle Augen , alle Körper um ihr Dasein in Tönen , ihre Verwandlung in Töne zu befragen . Hier fühlte er plötzlich das Tonlose , so wie man beim Anblick eines Tiefseefisches fühlen würde : das Lichtlose . Er dachte an Eva , er sehnte sich in diesem Augenblick nach seiner Eva , und da eben kam Agnes aus der Tür , um nach Philippine zu sehen . Er legte die Hand auf Agnes ' Haar und sagte gutmütig zu Philippine hinüber : » Na also , - liebe Philippin ' , komm heim ! « Agnes duckte sich hastig und entzog sich seiner Hand , so daß er das Mädchen mit finsterer Überraschung musterte . Philippine jedoch faltete ihre Hände , senkte den Kopf und murmelte ganz demütig : » Is recht , Daniel , wir kommen morgen . « 2 Um zehn Uhr vormittags erschien Philippine vor dem Wohnungsgatter . In der einen Hand schleppte sie ihr Bündel , an der andern führte sie die ängstlich dreinblickende Agnes . Dorothea öffnete die Tür . Sie war sauber und adrett angezogen , trug ein blaugeblümtes Kattunkleid , darüber eine weiße Schürze mit Spitzenumsäumung , und um den Hals ein goldenes Kettchen , an welchem ein Medaillon hing . » Och , die Kinder ! « rief sie lustig , » die Philippine und die Agnes ! Grüß Gott , Kinder , seid ihr endlich da ? « Sie wollte Agnes umarmen , die aber wich ebenso scheu zurück , wie sie es gestern vor ihrem Vater getan . Philippine verzerrte hämisch die Lippen , als sie von der um zehn Jahre Jüngeren ein Kind genannt wurde und maß Dorothea von oben bis unten . Dorothea bemerkte es kaum . » Die Kochfrau , denken Sie bloß , Philippin ' , ist heut nicht gekommen , und da wollt ich ' s selber probieren , « erzählte sie mit zungenfertiger Wichtigkeit , » aber ich weiß nicht , das Suppenfleisch ist noch immer steinhart . Schauen Sie einmal nach . « Sie zog Philippine in die Küche . » Der Topf muß einen Deckel haben , « urteilte Philippine mit geringschätziger Miene , » und außerdem brennt das Feuer nicht or ' ntlich . « Aber Dorothea war bereits bei einer andern Sache . Sie hatte ein Glas mit eingemachten Früchten entdeckt , öffnete es , nahm einen langstieligen Holzlöffel , brachte ihn gefüllt an ihren Mund und naschte vorsichtig . » Das schmeckt gut , « sagte sie , » das schmeckt wie Zitronat . Versuchen Sie ' s doch ,