Stille ist ringsum über alles ausgegossen , der tiefste Familienfriede scheint auf dem Ganzen zu lagern , und unsere stürmischen Jugendgedanken kamen mir frivol vor , als ich das erstemal in diese Räume trat . In dem Salon sitzt die Frau vom Hause mit ihrer Tochter . Sie sind mit weiblicher Arbeit beschäftigt und sprechen selten . Die Aussicht geht auf den Garten , wo im Frühlinge die berühmten Tulpen der Niederlande blühen . Die Möbel des Salons sind weniger modern als massiv und kostbar ; dunkle , samtene Tapeten bedecken die Wände , schwere rotseidene Gardinen mit goldenen Troddeln beschatten die Fenster , alles ist prächtig , gediegen , alles atmet vornehmes Schweigen und Ruhe . Die Mutter empfängt den Besuch mit zurückhaltender , würdevoller Artigkeit , die Tochter errötet , denn ihre Haut ist so fein und durchsichtig , daß das Blut bei der geringsten Bewegung darauf sichtbar wird . Sie ist fünfzehn Jahre alt und so groß wie die Mutter . Alle Formen sind bereits schön und rund an ihr ausgebildet - ich wurde unterbrochen - 2. Hippolyt an Valerius . Schreiben und sagen könnt ihr alles , aber ob ein einziges Wort von aller Weisheit der Menschen wahr ist , das weiß der Himmel . Wenn man einmal zu zweifeln anfängt , so muß man alles bezweifeln . Du weißt , es ist sonst nicht meine Sache , skeptisch zu sein , aber wenn mir einmal solch eine Stunde kommt , dann ist alle Welt für mich fraglich . Lieber Gott , ist irgend ein Satz , eine Wahrheit in der Welt , von welcher nicht auch das Gegenteil plausibel gemacht werden kann ? Das ist ein schrecklicher Triumph der Bildung , der immer wieder einmal deutlich hervortritt , wenn ein Volk seine Vollendung erreicht zu haben glaubt , um ihm begreiflich zu machen , die Welt sei mehr als unser Geist . In diesen letzten Worten hast Du die Probe von diesem traurigen Exempel : vor ein paar Tagen schrieb ich ganz anders , da war der Gedanke der Geist Gottes und das Ding hatte auch seine Logik - ach , Sklaven , Sklaven , die wir sind in unsichtbaren Ketten , gegen welche alles Toben und Wüten vergeblich ist ! Erinnerst Du Dich der Sophisten in Griechenland , welche die Schulweisheit so vornehm wegwerfend anzusehen pflegt ? Diese Leute sind ein entsetzliches historisches Moment . Sie waren die Gründer der eigentlichen Bildung , sie wandten die Philosophie auf alles an , sie emanzipierten das Denken für den täglichen Gebrauch - und sie waren wirklich der Grenzstein Griechenlands . Nicht daß ich die unhistorische Plumpheit nachsagen möchte , die Sophisten hätten Griechenlands Untergang herbeigeführt . Sie produzierten nicht sowohl etwas , sondern , sie waren ein Produkt . Der Kreis von Griechenlands lebendiger Entwickelung ward in ihnen vollendet , wie die Zeit fröhlicher Jugendjahre - die Jahreszeit und die Weltgeschichte wartet nicht auf unsere Wünsche . Und , Freund , es will mich manchmal bedünken , als sei die Welt wieder auf solchem Punkte . Damals wurde das Altertum geschlossen , jetzt geht das Mittelalter zu Ende , wenn es auch äußerlich schon mit Kaiser Max , Berlichingen und Sickingen gestorben ist . Weltperioden sterben immer jahrhundertelang . Das Christentum , die Fahne der mittleren Zeit , ist jetzt , wie damals die Weisheit der Alten , in Lebensgefahr , sein göttliches Element der Humanität ist in die allgemeine Kultur aufgenommen , wie in Griechenland das Denkgesetz ; nun beginnen die neuen , unzuberechnenden Gestaltungen , und wir stehen mitten im Wirrwarr und unseren Händen entschlüpfen die Urteile über Dinge und Gedanken . Wir sind wieder bei dem traurigen Satze : Sagen und schreiben könnt ihr alles , aber ob ein einziges Wort von aller Weisheit der Menschen wahr ist , das weiß der Himmel . Du hast mich nicht angesteckt , Freund , mit Deinen Warschauer Briefen . Jeder denkende Mensch , der an den Parteiungen seiner Zeit lebhaften Anteil nimmt , liest und denkt seinen Faust . Gott sei Dank , ich tue es selten , und bin härteren Stoffes denn Du . Rasches Wirken beschleunigt die Zustände , je unsicherer man im allgemeinen wird , desto kräftiger muß man im besonderen , im Nächsten wirken , nicht aber unschlüssig stehen bleiben , wie es Dir am Ende begegnen wird . Das nächste , klar ausgesprochene Ziel der Menschen ist die Freiheit ; schaff sie herbei , wir wollen sehen , was danach entsteht - » schlag Du erst diese Welt in Trümmer , die andere mag danach entstehen « . - Leopold war ' s , der mich in der Beschreibung Margaretens , van Waelens schöner Tochter , störte . Du kannst ermessen , wie er nach gewöhnlicher Manier nicht drei Tage mit zwei schönen Weibern leben konnte , ohne der älteren zu sagen , sie sei bezaubernd und die jüngere , den Engel seines Lebens , um Herz und Hand zu bitten . So wie er damals in aller Geschwindigkeit eine Prinzessin heiraten wollte , so macht er ' s noch heut ' mit jedem hübschen Mädchen . Es ist nicht etwa die Absicht eines ungeschickten Roué , der unter der schützenden Ägide einer baldigen Hochzeit dreist seinen Liebeswünschen folgen zu können glaubt - Gott bewahre , es ist Leopolds schnell erregtes , überwallendes Herz , es ist sein augenblicklicher , vollkommener Ernst , und das Wunder ist groß , daß ihn noch nirgends eine Schöne ebenso schnell beim Worte genommen hat . Er hätte in den nächsten acht Tagen in der Güte seines Herzens die zweite , in den nächsten vierzehn Tagen die dritte geheiratet . Ich habe neuerdings den Jungen lieb gewonnen ; Du erinnerst Dich , daß mir eine Zeitlang seine leichtsinnige Faselei , sein immerwährendes Lügen völlig zuwider war . Er ist eigentlich noch ganz derselbe , aber bei dieser platten , alles berechnenden Zeit ist mir sein Leichtsinn eine Art von Poesie geworden : der Junge