sie hat kaum etwas gesehen , außer ein paar schönen alten Familien-Porträts und einem überaus herrlichen Kupferstich der Sixtinischen Madonna , welche die Wände im Hause des Directors schmücken . Sie ist , was sie ist , durch sich selbst , durch ihr wunderbares Auge , das jedem Menschen in das Herz blickt , ja auch jedem Dinge ; durch ihre Hand , die nicht so schlank und fein sein könnte , wenn die Seele nicht bis in die Fingerspitzen strömte und sie zu dem bildsamsten Werkzeuge machte ; durch ihren Fleiß endlich , dessen Energie und Rastlosigkeit geradezu unbegreiflich scheint , wenn man bedenkt , welche Arbeitslast noch außerdem auf diesen zarten Schultern liegt . Aber auch jede freie Minute widmet sie der geliebten Kunst , und sie weiß sich frei zu machen , wo Andere feierlich erklären würden , daß sie nicht wüßten , wo ihnen der Kopf stehe . Der Reichthum ihrer Mappen an Studien aller Art , Skizzen , Entwürfen , Copien ist außerordentlich . Da ist kein nur einigermaßen interessanter Kopf unter den Arbeits- und Zuchthäuslern , den sie übersehen hätte . Dem Fräulein einmal sitzen zu dürfen , ist in der ganzen Anstalt eine vielumworbene , vielbeneidete , mit Stolz getragene Ehre und Vergünstigung . Ihr oberstes Modell aber ist und bleibt der alte Süßmilch , dessen prächtiger Kopf mit den kurzen , grauen Locken , dem furchendurchzogenen energischen Gesichte , in der That ein Herztrost für ein Malerauge ist . Der Alte figurirt in allen möglichen Auffassungen als Nestor , Merlin , Getreuer Eckart , Belisar , Götz von Berlichingen , ja sogar als Schweizer aus den Räubern ; lauter Vorstudien zu großen historischen Gemälden , von denen das muthige Mädchen für die Zukunft träumt . Vorläufig ist freilich nur ein einziges bis zur Untermalung gediehen : Richard Löwenherz , krank in seinem Zelte , von einem arabischen Arzte besucht . Das Motiv ist aus einem Roman von Walter Scott . Im Hintergrunde ein englischer Yeoman , der traurig auf den kranken Herrn blickt , und die Gestalt eines jungen normännischen Edelmannes , der , die Hand am Schwerte , argwöhnisch prüfend auf den Arzt schaut . Der Richard Löwenherz bin ich , wie sie mich damals in meiner Reconvalescenz auf dem Belvedere gezeichnet hat ; in dem arabischen Arzt - einer sonderbar phantastisch gnomenhaften Figur - behauptet Doctor Willibrod sich wiederzufinden , trotzdem der Araber keine Brille trage und sein ohne Zweifel kahler Schädel mit dem grünen Turban des Mekkapilgers umwunden sei ; der Yeoman ist Wachtmeister Süßmilch wie er leibt und lebt - er hat sich nur ein anderes Costüm gefallen lassen müssen ; der englische Ritter mit den kurzen , braunen Locken und den braunen glänzenden Augen - eine anmuthig schöne , jugendlich elastische Gestalt ist - Arthur . Ist es ein Zufall , daß gerade diese Gestalt am meisten ausgeführt ist , und daß die fast vollendete Gestalt ein solcher Liebreiz umfließt ? Ich habe keinerlei Anhalt zur Beantwortung dieser Fragen , als den ich aus meinem ahnenden Gemüth schöpfte . Arthur , der längst Lieutenant ist und im Frühlinge dieses Jahres an die Kriegsschule in der Hauptstadt commandirt wurde , ist freilich noch oft genug in ' s Haus gekommen , aber doch hatte die Häufigkeit seiner Besuche mit jedem Jahre abgenommen , und ich könnte nicht sagen , daß er Paula irgend näher getreten wäre . Aber es muß doch einen Grund haben , daß er gegen mich , der ich ihm nichts nachgetragen , der ich stets freundlich gegen ihn gewesen bin , so wenig mir auch oft darnach zu Muthe war , daß er gegen mich immer zurückhaltender geworden und mir in der letzten Zeit so weit als möglich aus dem Wege gegangen ist . Das Geld , das er mir schuldet - und das sich im Laufe der Jahre zu einer für meine Verhältnisse nicht unansehnlichen Summe gesteigert hat - kann es nicht sein , denn ich habe es ihm - der immer in Noth ist und sich stets eine Kugel durch den Kopf schießen will - gern und willig gegeben , habe ihn nie gemahnt , ihm im Gegentheil stets versichert , daß es mit der Rückzahlung keine Eile habe - nein ! das Geld kann es nicht sein . Fürchtet er in mir einen Nebenbuhler ? Großer Gott ! ich bin ihm nicht gefährlich ! Wie kann man einen Gefangenen fürchten , dessen Zukunft ein Buch mit sieben Siegeln ist , das nicht viel anmuthige Capitel enthält ! Kann er es mir nicht verzeihen , daß Paula nach wie vor gütig und freundlich gegen mich ist ? Habe ich es nicht verdient , der ich Alles thue , was ich ihr nur an den Augen absehen kann ? Ich weiß es nicht ; ebensowenig , ob es zufällig ist , daß Paula von der Stunde an , daß Arthur nach Berlin gegangen , nicht mehr an dem Bilde gemalt hat . Und doch braucht sie gerade ihn am wenigsten , denn seinem ritterlichen Doppelgänger fehlt kaum noch ein Strich . Ich trage mich lange , lange mit dem Warum ? Und als ich endlich einmal wage , Paula darnach zu fragen , antwortet sie , nicht ohne einiges Zögern , das an ihr selten ist : Das Bild ist mir verleidet . Verleidet ? Da ist ein neues Warum , das noch schlimmer scheint , als das erste , und an das ich deshalb nicht rühren sollte , wenn ich klug wäre . Aber ich bin gar nicht klug und bringe es nicht aus dem Kopf , und da mein Kopf nichts damit anzufangen vermag , lege ich es Doctor Willibrod vor , so ganz gelegentlich ; so ganz , als ob von der Beantwortung eigentlich gar nichts abhinge . » Sagen Sie , Doctor , warum mag das Bild Fräulein Paula verleidet sein ? « » Wer hat das gesagt ? « fragt der Doctor . » Sie selbst . «