hunderttausend Thälerchen verhelfe ? oder auch - und das wäre nicht minder bequem , ja vielleicht ein gut Theil bequemer - wenn ich mich eines schönen Nachmittags bei der guten Anna-Maria introducirte und sagte : Entschuldigen Sie , meine Gnädigste , wenn ich störe ; aber ich habe - unter den Papieren meines Vaters , der , wie Sie wissen , mit Ihrem verstorbenen Vetter Harald in Geschäftsverbindung stand , gewisse Papiere aufgefunden , die mich in den Stand gesetzt haben , die rechtmäßigen Besitzer von Stantow und Bärwalde mit Gewißheit angeben zu können . Mein Rechtlichkeitsgefühl und die specielle Verehrung , die ich für Sie und Ihr Fräulein Tochter empfinde , liegen sich nun sehr bedeutend in den Haaren . Das erstere befiehlt mir , von meiner Entdeckung den pflichtschuldigen Gebrauch zu machen , die letztere heißt mich , die Sache zu vertuschen . Wie wär ' es , hochverehrte Frau , wenn Sie meiner vollkommen uneigennützigen Verehrung mit einigen tausend Thalern , die ich , auf Ehre , sehr nothwendig brauche , zu Hülfe kämen ? Dieser Gedanke schien für Herrn Timm etwas Begeisterndes zu haben . Er sprang vom Sopha auf , und ging mit raschen Schritten , lebhaft gesticulirend , in seinem Gemache auf und ab . Das könnte eine wahre Schatzgrube für mich werden , murmelte er ; ich wollte das stolze Weib ängstigen , daß ihre großen grauen Augen noch einmal so groß würden ; ich wollte ihr Daumschrauben ansetzen und jedesmal , wenn ich Geld brauchte , die Schraube etwas fester anziehen . Sie würde Alles und Jedes thun , ehe sie es auf einen Prozeß ankommen ließe . Dann wäre ich so ein Stück von Herr im Hause : dann könnte ich die Narrenmaske fallen lassen und mich einmal in meiner wahren Gestalt zeigen . Dann könnte ich bestimmen , wen Fräulein Helene heirathen soll , ja könnte sie selber heirathen , wenn ich wollte , und jedenfalls der Ankunft meines guten Freundes Felix , die mir die gute Anna-Maria in allem Vertrauen mittheilte , mit aller Ruhe entgegen sehen . Zwar bin ich auch so nicht besonders unruhig darüber , denn Freund Felix war der würdige Schüler seines Meisters und schlug die Bolte nicht schlechter als ich , und wenn ihn sein alter Adel nicht geschützt hätte , so wäre es ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen . So freilich kam der Fähndrich Baron Felix von Grenwitz mit einer Warnung davon und der Fähndrich Albert Timm mußte springen . Ich bin doch neugierig auf unser Wiedersehen . Vielleicht kennt er mich nicht mehr ; vielleicht wird er versuchen , den unbequemen Gast möglichst bald aus dem Hause und sich aus den Augen zu schaffen . Ha , wie sollte das Blatt sich wenden , wenn diese verdammten Briefe nicht so frauenzimmermäßig gerade über die wichtigsten Punkte flüchtig weghuschten ! Albert setzte sich wieder auf das Sopha und begann die Briefe , obgleich er sie jetzt schon so ziemlich auswendig wußte , noch einmal der Reihe nach - er hatte sie sorgfältig numerirt - zu lesen . Nr. 1. Mein Herr ! Ich kenne Sie nicht und wenn Sie derselbe sind , der sich vor einigen Wochen im Thiergarten so unaufgefordert in die Unterhaltung mischte , die ich mit meinem Begleiter führte und sich von dem letzteren eine so derbe Zurechtweisung zuzog ; derselbe , der mich jetzt allabendlich , wenn ich aus dem Geschäft nach Hause gehe , verfolgt - so werden Sie es begreiflich finden , daß ich sehr wenig Lust verspüre , Sie kennen zu lernen . Ich bitte , verschonen Sie mich mit Ihren Zudringlichkeiten , zu welchen ich vor allem auch Ihre Briefe rechne . Ich würde diesen , wie die andern , unbeantwortet gelassen haben , wenn ich nicht fürchtete , durch fortgesetztes Schweigen Ihre Kühnheit zu begünstigen . Sollte es wirklich Männer geben , welche der directen Bitte einer Frau , und noch dazu einer unbeschützten und schutzlosen Frau , wiederstehen können ? Marie Montbert . Nr. 2. Mein Herr ! Sie scheinen allerdings die Wege zu kennen , durch die man sich die Verzeihung einer Frau , die man beleidigt hat , gewinnt . - Welches auch die Motive waren , von denen Sie bei Ihrer Handlung geleitet wurden , - Sie haben viel Thränen getrocknet , Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet . Ich selbst konnte nichts mehr für meine armen Landsleute thun - als nur Gott bitten , ihnen einen Retter zu senden . Er hat Sie gesandt . Beweisen Sie sich dieser Gnade würdig ! Bedenken Sie , daß , wer Lohn begehrt , seinen Lohn dahin hat , und lassen Sie nicht Ihre Linke wissen , was Ihre Rechte that . Ihre ergebene Dienerin Marie Montbert . Nr. 3. Was wissen Sie von dem Schicksal meines Vaters ? um Gotteswillen , mein Herr , spielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes ! Sie wollen von einem Obrist der großen Armee , in dessen Regiment er den Feldzug nach Rußland mitmachte , ganz genaue Einzelnheiten über ihn während der Campagne und die näheren Umstände bei seinem Tode kurz vor dem Uebergang über die Beresina erfahren haben . Es klingt dies Alles so unwahrscheinlich - und doch , woher könnten Sie es wissen , wenn nicht aus sicherer Quelle ? - auch der Name des Obristen , wie ich aus Briefen meines Vaters an meine Mutter ersehe , stimmt . Ich weiß nicht , was ich glauben soll - aber weshalb mir diese Mittheilungen , die , ich gestehe es , von unendlichem Werth für mich sind , nicht in meiner Wohnung - ich will sagen : in der Wohnung der guten Frau , die bei mir seit langen Jahren Mutterstelle vertritt ? Weshalb dieses geheimnißvolle Rendezvous ? Weshalb ein Kind , das Nachricht von dem Tode seines Vaters erwartet , zwingen , einen Schritt zu thun , den dieser Vater , wenn er lebte , niemals billigen würde