Freiheit so beschränkt wäre , daß man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl hinsiechen müsse ... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen ! Er sprach dies auch jetzt wieder aus mit Rücksicht auf die Briefe , die er entfaltete ... Bonaventura unterbrach ihn aber schon ... Nein , Onkel , sagte er , es gibt keine Religion , die nicht bindet ! Schon im Namen liegt ' s ja ! Haben die Völker nicht in diesem ein höheres Gesetz , so haben sie es in jenem ! Was ist nicht alles den Juden , was nicht den Türken untersagt ! Ja , die katholische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt ! Das ist wahr - aber darin liegt gerade ihr Muth , liegt - Ihre Verwegenheit ! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der That aufgeregter als sonst fort : Gelten lass ' ich Reinigungen und Fasten ! Es ist gut , daß der Mensch sich oft und regelmäßig die Schranke vorführe , die ihn von der Thierwelt ebenso wie von einem übermäßigen Gebrauche seiner Freiheit trennt ! Aber die Ehe ! Eine Verklärung der Schöpfung mag sie sein , eine Stütze der Civilisation ; aber die Ehe an Gesetze zu binden , die wenn nicht die Natur - die man schon leider ganz aufgeben muß ! - doch die Liebe ausschließlich vorgeschrieben hat , das rächt sich an der Sitte und - Sittlichkeit ! Es wird sich an der Kirche rächen ! In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura nicht . Es lag auch dann ein so stolzer , hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken , die schlanke , noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Höhe , die gewohnte Indolenz schwand so ganz , daß der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den , der ihm widersprach , geradezu unreif erscheinen ließ . Habe nur meine Erfahrung ! sagte er . Man sieht nur nicht diese Nachtheile einer scheinbaren Wahrheit und einer so großen Lüge ! Sie liegen - dank der furchtbaren Organisation , die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat ! - nicht so offen ! O sie liegen so verborgen , daß es mir oft , wenn ich mich in unserer katholischen Welt umsehe , vorkommt , als sähe man die alten Verließe der Burgen wieder , wo die Gebeine der Geopferten modern , sähe in die Kerker der alten Klöster , die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch - laß es jetzt genug sein ! Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit über ihn käme , so zitterte er und brach nun ab . Wie um sich zu besänftigen , nahm er dann die Briefe und sagte : Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hülleshoven hinüber , so weiß ich nicht , sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht ? Er erzählte , daß sie ihm von Armgart von Hülleshoven zugekommen wären ... Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zurück . Er konnte nicht hoffen Benno ' s habhaft zu werden ; nur auf dem Amte galt es noch seine Anzeige über den Leichenraub zu machen . Dem Obersten stand er ferne . Der Oberst war ein Sonderling , der gegen die ganze Welt etwas Schroffes , ja Ablehnendes hatte ... Die Briefe beziehen sich , sagte der Dechant , auf Dinge , die ich nicht gern mit dem Obersten erörtere ... Bonaventura kannte die Personen und Verhältnisse ... er wußte , daß Armgart von Hülleshoven in dem Glauben erzogen war , eine Waise zu sein ... er wußte , daß sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte , daß ihre beiden Aeltern lebten und getrennt lebten . Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah , auf welchen mit sauberer Hand geschrieben stand : » An meinen Vater ! « Auf dem andern : » An meine Mutter ! « sagte er : Sie spricht doch wol ihr Glück aus , jetzt plötzlich diese Schätze gefunden zu haben ? Im Gegentheil ! erwiderte der Dechant . Als ich die Briefe empfing , wußt ' ich nicht , ob ich über sie lachen oder mich ärgern sollte . In Wahrheit war ich von ihnen gerührt , um so mehr , da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat , wo sie endlich das Kloster , in dem sie zeither meistentheils lebte , verließ . Beide Aeltern machen Ansprüche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter , seitdem sie um diesen Besitz wieder in den alten eifersüchtigen Streit gerathen sind . Die Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen , was ich dich bitte , um Aufreizungen zu vermeiden , dem Obersten zu verschweigen ... Bonaventura hätte sich gern dem Auftrage entzogen . Doch las er , da der Dechant es wünschte , den einen der offenen Briefe Armgart ' s. » Mein Vater ! « schrieb Armgart von Hülleshoven . » Wie die heilige Margarita betete , so wiederhole ich : Mein Herr und Gott , bewahre unser Herz in Reinigkeit , unser Leben in Unschuld und jede Begierde , jede Meinung , jede Handlung unsers Lebens in reinster Wahrheit ! Daß ich dich einst nennen werde : Mein einziggeliebter Vater ! wird die Folge der Erkenntniß deiner hohen Tugenden sein . Die Heiligen mögen mir bezeugen , ich habe ein Herz , so voll der himmlischen Liebesflammen , daß ich dich mit Innigkeit umarmen könnte , wenn ich nicht wüßte , daß ich eine Mutter habe . Auch sie darf ich , wenn ich wahr sein will , nicht begrüßen , wie es Kindern ziemt , ihre Aeltern nach langer Trennung zu begrüßen . Würd ' ich aber , wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flöge , nicht die Mutter betrüben ? Würd ' ich nicht den Schein annehmen , als bevorzugte mein Herz eines von euch ? Würd ' ich nicht ein Urtheil zu