froh , in meinen jungen Vettern Genossen zu finden , welche sich auch nicht viel aus dergleichen machten . Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück , da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen , der Anspruch auf dieselben mir beinahe eine Anmaßung zu sein schien , die ich der guten Anna zwar keineswegs , aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte , in welchem ich sie jetzt befangen sah . So trat ich ihr , als ich abends zurückkehrte , mit einer gewissen Scheu entgegen , welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde , und als sie nun selbst , in Gegenwart ihres Vaters , leise anfing von einem Traume zu sprechen , den sie vor einigen Tagen geträumt , und ich daher sah , daß sie willens sei , mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen , glaubte ich unverweilt an die Sache , ehrte sie und fand sie nur um so liebenswürdiger , je mehr ich vorhin daran gezweifelt . Als ich mich allein befand , dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich , von solchen Berichten gelesen zu haben , wo , ohne etwas Wunderbares und Übernatürliches anzunehmen , auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der Natur selbst hingewiesen wurde , so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten mußte , wenn ich meine größte Möglichkeit , den lieben Gott , nicht zu sehr bloßstellen und in eine öde Einsamkeit bannen wollte . Ich lag im Bette , als mir diese Gedanken klar wurden und ich mit denselben der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte , als welche doch auch zu berücksichtigen wären ; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung , so streckte ich mich anständig aus , kreuzte die Hände zierlich über der Brust und nahm so eine höchst gewählte und ideale Stellung ein , um mit Ehren zu bestehen , wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewußt erblicken sollte . Allein das Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage , und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt . Ich raffte mich hastig zusammen , und wie man des Morgens Gesicht und Hände wäscht , so wusch ich gewissermaßen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein zusammengefaßtes und sorgfältiges Wesen an , suchte meine Gedanken zu beherrschen und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein . So erschien ich vor Anna , wo mir ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde , indem in ihrer Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war . Der Morgen nahm wieder seinen Verlauf wie gestern , der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich hinauszurufen . Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel , Judith aufzusuchen , so war dies weniger eine maßlose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige Dankbarkeit , die ich fühlte und die mich drängte , der reizenden Frau für ihre Neigung freundlich zu sein ; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten Freude , in welcher ich sie gestern überrascht , durfte ich mir nun wirklich einbilden , von ihr herzlich geliebt zu sein . Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen zu können , daß sie mir lieb sei , indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewußt war , daß ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach , ihr recht heftig um den Hals zu fallen . Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute Gelegenheit , mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer so zu sein , daß mich ein verräterischer Traum zeigen durfte . Unter solchen Sophismen machte ich mich auf , nicht ohne einen ängstlichen Blick auf Anna zu werfen , an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels wahrnahm . Draußen zögerte ich wieder , fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths Garten . Sie selbst mußte ich erst eine Weile suchen , weil sie , mich gleich am Eingange sehend , sich verbarg , in den Nebelwolken hin und her schlüpfte und dadurch selbst irre wurde , so daß sie zuletzt stillstand und mir leise rief , bis ich sie fand . Wir machten beide unwillkürlich eine Bewegung , uns in den Arm zu fallen , hielten uns aber zurück und gaben uns nur die Hand . Sie sammelte immer noch Obst ein , aber nur die edleren Arten , welche an kleinen Bäumen wuchsen ; das übrige verkaufte sie und ließ es von den Käufern selbst vom Baume nehmen . Ich half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bäume , wo sie nicht hingelangen konnte . Aus Mutwillen stieg ich auch zuoberst auf einen hohen Apfelbaum , wo sie mich des Nebels wegen nicht mehr sehen konnte . Sie fragte mich unten , ob ich sie liebhätte , und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein Ja . Da rief sie schmeichelnd » Ach , das ist ein schönes Lied , das hör ich gern ! Komm herunter , du junger Vogel , der so artig singt ! « So brachten wir alle Tage eine Stunde zu , eh ich zu meinem Oheim ging ; wir sprachen dabei über dies und jenes , ich erzählte viel von Anna , und sie mußte alles anhören und tat es mit großer Geduld , nur damit ich dabliebe . Denn während ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte , suchte Judith wieder etwas Edleres in meiner Jugend , als ihr die Welt bisher geboten ; und doch sah sie wohl , daß sie nur meine sinnliche Hälfte anlockte , und wenn sie auch ahnte , daß mein Herz mehr dabei war , als ich selbst wußte , so hütete sie sich wohl , es merken zu lassen , und ließ mich ihre tägliche Frage in dem guten Glauben beantworten , daß es nicht so viel auf sich hätte .