bald nach dem Austausch innerer Ueberzeugung verlangte , bald mit dem Seufzer : » Er allein hatte meine ganze Seele ! « davon abstand . Eben so war sie immer im Begriff , von hier abzureisen , ohne gleichwohl jemals zur Ausführung ihres Entschlusses gekommen zu sein . Kurz , sie konnte nicht schweigen , nicht reden , nicht bleiben , nicht gehen , nicht leben , nicht sterben . Die Bemühungen ihrer Tante wurden ihr , wie Sie , lieber , berücksichtigender Freund ! es selbst mit Pein empfunden , unangenehm . Die einfache Frau ging gerade zu . Sie glaubte durchaus die Vernunft und das gute Herz ihrer Nichte in Anspruch nehmen zu müssen . Sie begriff gar nicht , wie ihre Gründe nicht entscheidend , und andere Vorstellungen dagegen haftend sein könnten . Ich hatte viele Mühe mit ihr , und war nur froh , daß Curd sie endlich von hier abholte . Die arme Frau jammerte mich . Sie hatte wirklich ein Opfer mit dieser Reise gebracht . Sie war sich dessen bewußt . Es that ihr wehe , so vielen guten Willen nicht erkannt zu sehen ; denn , trug sie Elise auch auf den Händen , so ging sie doch nicht in ihre Vorstellungen ein , noch weniger war es ihr möglich , der trefflichen , aber ermüdenden Verwandtin in ihre Einsamkeit zu folgen . Jene gab sie endlich mit heißen Thränen auf , und es blieb , wie es war . Diesen Morgen werde ich nun mit der Nachricht geweckt , ein Fremder wünsche mir aufzuwarten . Ich frage nach Stand , Namen , Persönlichkeit . Ueber die beiden ersten Punkte hatte sich der Angekommene nicht erklärt . Ueber die letztere erfuhr ich indeß , daß sie einnehmend sei , und dem stattlichen , wohlgebildeten Manne von ungefähr fünfzig Jahren zur Empfehlung diene . Ich war begierig , ihn zu sehen . Schnell zu dem Empfange eines Gastes bereit , trete ich in den Vorsaal . Mit unterdrücktem Freudengeschrei fliegt mir Georg , das liebe Kind , in die Arme . Im ersten Augenblick sah ich nichts als ihn . Ich umarme ihn mit unaussprechlicher Rührung . Ich bitte ihn , seine Freude zu mäßigen , ich verspreche , ihn gleich , doch nicht ohne vorhergegangene Einleitung , zur Mutter zu führen . Doch jetzt endlich , denke ich an seinen Begleiter . Ich sah mich mit Herzklopfen nach ihm um . Ich fürchtete fast , Eduard zu begegnen . Da tritt mir aus dem Hintergrunde des Zimmers ein völlig unbekannter Mann , von schlichtem , offnen Ansehen entgegen . Er begrüßt mich , sagt : Baron Leontin von Wildenau habe das Vertrauen zu ihm gehabt , daß er den Knaben der Mutter sicher zuführen , und dieser auch wohl noch dies und jenes zur Beruhigung mittheilen werde . Ich nahm anfänglich keine sonderliche Notiz von ihm , und war froh , den Präsidenten nicht hier zu sehen , ich meinte , in dem Fremden einen gewöhnlichen , guten , sichern Menschen , einen Beauftragten , suchen zu müssen . Ich wollte ihn eben wieder verlassen , um Elise auf das unverhoffte Wiedersehen ihres Kindes vorzubereiten , als jener noch hinzusetzte : Auch von Gräfin Emma habe er Aufträge an mich . Ich stutzte , sah ihn an , plötzlich fiel mir ein : Der Geistliche ! Emma ' s , Leontins Vertrauter ! Ich nannte seinen Namen , der Fremde verleugnete ihn nicht ; bat auch , hinter seinem Incognito nichts Gesuchtes voraussetzen zu wollen . Ihm sei in jeder Beziehung große Vorsicht empfohlen , er habe nicht wissen können , ob nicht dennoch ein Mißverständniß möglich gewesen , er wolle nicht gern durch vorschnelles Zufahren überraschen , überall möchten wir Leontin sein Eindringen beimessen . Ich schnitt ihm die Worte ab . Ich ergriff seine Hand mit Innigkeit , ich sah ihm in die sanften Augen . » Kommen Sie , « bat ich . Er folgte mir . Wir haben einen seligen Morgen verlebt ! - Elise ist ganz , wie man sie mir an jenem Tage beschrieben , da sie Georg todt geglaubt , und das Kind die Augen zuerst wieder öffnete . Schüchtern , demüthig , stumm , sieht sie den Liebling an . Sie traut ihrem Glück nicht , und fährt oft , wie vom Schlafe auf , wenn die harmlose Ausgelassenheit des gesunden , tüchtigen Jungen alles so natürlich , so wahr erscheinen läßt , was ihr unbegreiflich dünkt . Und dabei der Geistliche , der Mann , der ihr wie ein finstrer Richter , seit Tavanelli ' s erstem Auftreten , eigentlich ein Gegenstand des tiefsten Unwillens war , er führt die Unterhaltung an dem Geringfügigsten hin , sagt nichts Auffallendes , nimmt an Allem Theil , ist durch und durch hell wie Kristall , und läßt bis in den Grund des warmen , freundlichen Herzens heitre , bewegliche Lichter sehen , die nach allen Seiten ihre Strahlen werfen . Gott , welch ' ein Mensch ! So einfach und so weise ! Etwas Aehnliches schwebte Hugo vor der Seele . Er hätte so sein mögen . Aber es fehlte eben der Kern ! Von Elisen jetzt noch nichts . Sie ist benommen , überfüllt , ihrer nicht mächtig . Was gleichwohl ihre ganze Aufmerksamkeit fesselt , was sie angelegentlich beschäftigt , ist das Bild von Leontins neuer Stiftung , das uns der Geistliche sehr anschaulich in einzelnen , bestimmten Zügen entwarf . » Sie wissen , « sagte er , » aus des Barons Briefen , daß dieser den Meierhof am Fuße des Schwarzwaldes kaufte , und durch die frühere Bestimmung des Gemachs , in welchem er übernachtete , auf den Gedanken kam , hier ein Mönchskloster zu stiften , und selbst in den Orden zu treten . Er unterließ das Eine , wie das Andere , bei klarer Prüfung . Gleichwohl wünschte er , durch einen besondern Zweck sein Leben zu erhöhen .