den rechten Weg genommen habe . Nur eben war der letzte Staub in der Ferne verflogen , und unser Amtmann wollte sich wieder zu seinem Geschäft niedersetzen , als zum oberen Schloßtor ein Fußbote hereingesprungen kam und ebenfalls nach der Gesellschaft fragte , der noch etwas Nachträgliches zu überbringen er eilig abgesendet worden . Er hatte für sie ein größeres Paket , daneben aber auch einen einzelnen Brief , adressiert an Wilhelm genannt Meister , der dem Überbringer von einem jungen Frauenzimmer besonders auf die Seele gebunden und dessen baldige Bestellung eifrigst eingeschärft worden war . Leider konnte auch diesem kein anderer Bescheid werden , als daß er das Nest leer finde und daher seinen Weg eiligst fortsetzen müsse , wo er sie entweder sämtlich anzutreffen oder eine weitere Anweisung zu finden hoffen dürfte . Den Brief aber selbst , den wir unter den vielen uns anvertrauten Papieren gleichfalls vorgefunden , dürfen wir , als höchst bedeutend , nicht zurückhalten . Er war von Hersilien , einem so wunderbaren als liebenswürdigen Frauenzimmer , welches in unsern Mitteilungen nur selten erscheint , aber bei jedesmaligem Auftreten gewiß jeden Geistreichen , Feinfühlenden unwiderstehlich angezogen hat . Auch ist das Schicksal , das sie betrifft , wohl das sonderbarste , das einem zarten Gemüte widerfahren kann . Siebzehntes Kapitel Hersilie an Wilhelm Ich saß denkend und wüßte nicht zu sagen , was ich dachte . Ein denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an , es ist eine Art von empfundener Gleichgültigkeit . Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe , die Türe springt auf , und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott . Er eilt auf mich zu , will mich umarmen , ich weise ihn zurück ; er scheint gleichgültig , bleibt in einiger Entfernung , und in ungetrübter Heiterkeit preist er mir das Pferd an , das ihn hergetragen , erzählt von seinen Übungen , von seinen Freuden umständlich und vertraulich . Die Erinnerung an ältere Geschichten bringt uns auf das Prachtkästchen , er weiß , daß ich ' s habe , und verlangt es zu sehen ; ich gebe nach , es war unmöglich zu versagen . Er betrachtet ' s , erzählt umständlich , wie er es entdeckt , ich verwirre mich und verrate , daß ich den Schlüssel besitze . Nun steigt seine Neugier aufs höchste , auch den will er sehen , nur von ferne . Dringender und liebenswürdiger bitten konnte man niemand sehen ; er bittet wie betend , knieet und bittet mit so feurigen , holden Augen , mit so süßen , schmeichelnden Worten , und so war ich wieder verführt . Ich zeigte das Wundergeheimnis von weitem , aber schnell faßte er meine Hand und entriß ihn und sprang mutwillig zur Seite um einen Tisch herum . » Ich habe nichts vom Kästchen noch vom Schlüssel ! « rief er aus ; » dein Herz wünscht ' ich zu öffnen , daß es sich mir auftäte , mir entgegenkäme , mich an sich drückte , mir vergönnte , es an meine Brust zu drücken . « Er war unendlich schön und liebenswürdig , und wie ich auf ihn zugehen wollte , schob er das Kästchen auf dem Tisch immer vor sich hin ; schon stak der Schlüssel drinnen ; er drohte umzudrehen und drehte wirklich . Das Schlüsselchen war abgebrochen , die äußere Hälfte fiel auf den Tisch . Ich war verwirrter , als man sein kann und sein sollte . Er benützt meine Unaufmerksamkeit , läßt das Kästchen stehen , fährt auf mich los und faßt mich in die Arme . Ich rang vergebens , seine Augen näherten sich den meinigen , und es ist was Schönes , sein eigenes Bild im liebenden Auge zu erblicken . Ich sah ' s zum erstenmal , als er seinen Mund lebhaft auf den meinigen drückte . Ich will ' s nur gestehen , ich gab ihm seine Küsse zurück , es ist doch sehr schön , einen Glücklichen zu machen . Ich riß mich los , die Kluft die uns trennt , erschien mir nur zu deutlich ; statt mich zu fassen , überschritt ich das Maß , ich stieß ihn zürnend weg , meine Verwirrung gab mir Mut und Verstand ; ich bedrohte ich schalt ihn , befahl ihm , nie wieder vor mir zu erscheinen ; er glaubte meinem wahrhaften Ausdruck . » Gut ! « sagte er , » so reit ' ich in die Welt , bis ich umkomme . « Er warf sich auf sein Pferd und sprengte weg . Noch halb träumend will ich das Kästchen verwahren , die Hälfte des Schlüssels lag abgebrochen , ich befand mich in doppelter und dreifacher Verlegenheit . O Männer , o Menschen ! Werdet ihr denn niemals die Vernunft fortpflanzen ? war es nicht an dem Vater genug , der so viel Unheil anrichtete , bedurft ' es noch des Sohns , um uns unauflöslich zu verwirren ? Diese Bekenntnisse lagen eine Zeitlang bei mir , nun tritt ein sonderbarer Umstand ein , den ich melden muß , der obiges aufklärt und verdüstert . Ein alter , dem Oheim sehr werter Goldschmied und Juwelenhändler trifft ein , zeigt seltsame antiquarische Schätze vor ; ich werde veranlaßt , das Kästchen zu bringen , er betrachtet den abgebrochenen Schlüssel und zeigt , was man bisher übersehen hatte , daß der Bruch nicht rauh , sondern glatt sei . Durch Berührung fassen die beiden Enden einander an , er zieht den Schlüssel ergänzt heraus , sie sind magnetisch verbunden , halten einander fest , aber schließen nur dem Eingeweihten . Der Mann tritt in einige Entfernung , das Kästchen springt auf , das er gleich wieder zudrückt : an solche Geheimnisse sei nicht gut rühren , meinte er . Meinen unerklärlichen Zustand vergegenwärtigen Sie sich , Gott sei Dank , gewiß nicht ; denn wie wollte man außerhalb der Verwirrung die Verwirrung erkennen . Das bedeutende