von selbst fallen . Wer wird fortfahren wollen , in einem morschen , täglich den Einsturz drohenden Hause zu wohnen , wenn es nur auf ihn ankommt , ein bequemeres neugebautes zu beziehen ? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel preisgibt , behilft man sich lieber in einem baufälligen Hause , und stützt und flickt so lange daran als es gehen will . Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Theilen nie an Antwort fehlt , so erneuerten wir den Kampf bei jeder Gelegenheit , und Demokritus , der mir ernstlich wohl wollte , gab sich viele Mühe , mich zu bewegen , daß ich dem Gedanken , den Göttern und Priestern öffentlich den Krieg anzukündigen , auf immer Abschied geben möchte . Aber der Haß , den die Betrügereien der letztern und der vielfache Mißbrauch ihres Einflusses auf den großen und kleinen Pöbel in mir angezündet hatten , war ein Feuer , das sich nicht lange heimlich im Busen herum tragen ließ ; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt , so warf ich die Larve , die zu meinem Zwecke bisher nöthig gewesen war , von mir , und zeigte mich überall in meiner wahren Gestalt . Alles was seine Warnungen über mich gewonnen hatten , war , daß ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke ging . Indem ich alle Arten von Aberglauben theils zu untergraben , theils geradezu lächerlich zu machen suchte , schonte ich wenigstens die Polias73 zu Athen , die Juno zu Argos und Samos74 , den Apollo zu Delphi75 , und Jupitern überall76 . Nirgends gelang mir dieß besser als zu Athen , wo der glückliche Erfolg des ungezügelten Muthwillens , womit Aristophanes77 Götter und Menschen dem Gelächter des Pöbels preisgab , mich aufmunterte , mir größere Freiheiten herauszunehmen . Wirklich können die Athener , denen ein witziger Einfall über alles geht , viel mehr ertragen als andere Griechen , und so lange ich mich begnügte über Götter , Orakel und Orgien nur zu scherzen , ließ man meine Einfälle für absichtlose Ergießungen einer komischen Laune gelten , wobei mehr Unbesonnenheit als böser Wille sey . Als ich aber immer kühner ward , und meine Lehrsätze und Meinungen , nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar auf öffentlichen Versammlungsplätzen , in einem ernsthaften Tone zu behaupten anfing ; geschah , was ich hätte voraussehen können , und was mir Demokritus mehr als einmal vorher gesagt hatte . Ich bekam zwar einen Anhang von Jünglingen , für welche die bloße Kühnheit einer Philosophie , die sich über alle Vorurtheile hinwegsetzt , und auf das , was andern das Ehrwürdigste ist , mit tiefer Verachtung herabsieht , schon die Kraft des vollständigsten Beweises hatte : aber gerade dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten . Die Priester fingen an zu murren , und ehe ich mir ' s versah , erklärte sich beinahe ganz Athen gegen den Melier78 , der die Vermessenheit hatte , von Göttern , welche ein uralter Besitz gegen alle Beeinträchtigungen sicher stellte , zu fordern , daß sie die Titel der Rechtmäßigkeit desselben vorzeigen sollten . Zu allem diesem kam endlich noch das bekannte Unglück meiner armen Vaterstadt , und unfehlbar würde ich den Haß , den die Athener ( um ihr ungerechtes und grausames Verfahren - vor sich selbst zu rechtfertigen ) auf alle Melier geworfen hatten , desto schwerer gebüßt haben , wenn mein gutes Glück mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des Ungewitters , das sich seit einiger Zeit über mir zusammenzog , einen Weg zur Flucht eröffnet hätte . Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt , die heiligen Mysterien verrathen , und die Jugend von der Initiation abgehalten zu haben . Beide Beschuldigungen wurden gerichtlich erwiesen , und hätten in der That nicht geläugnet werden können ; und so würde , anstatt daß ich jetzt in dieser stillen Freistätte sicher athme , der Sturz in das furchtbare Barathron80 mein Loos gewesen seyn , wenn ich mich nicht lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen hätte , als auf die Güte meiner Sache , von welcher ich meine Richter schwerlich hätte überzeugen können . Diagoras endigte hier seinen Bericht , und du wirst vermuthlich gern sehen , daß ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzählung mache . Ich wage es , lieber Kleonidas , in Hoffnung dir durch die Länge dieser Epistel nicht lästig zu seyn , in meiner angefangenen Erzählung fortzufahren . Sollte sie dich nicht müßig genug antreffen , um sie nicht zu lang zu finden , so kannst du sie ja bei Seite legen . Es gibt auch in dem thätigsten und genußreichsten Leben doch zuweilen eine Stunde , mit der man nichts anzufangen weiß , und es müßte nicht gut seyn , wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht einige Unterhaltung verschaffen könnte . Mein alter Wirth schien sich das Betragen , welches ihm die Verbannung aus allen Griechischen Staaten zugezogen hatte , so wenig gereuen zu lassen , und sich bei seiner Ohngötterei so wohl zu befinden , daß mir nicht einfallen konnte , ihn darüber anzufechten . Meine Denkart über diese Dinge ist ungefähr dieselbe , wozu der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte . Es würde zu nichts geholfen haben , die seinige mit den nämlichen Gründen zu bestreiten ; zumal da er , in seiner gegenwärtigen Abgeschiedenheit , von den Menschen eben so wenig zu besorgen hat , als von den Göttern ; und überhaupt ist es einer meiner Grundsätze , mit niemanden über das , was er von den überirdischen und dämonischen Dingen glaubt , oder nicht glaubt , zu hadern . Uns in allen den Gesetzen und Gebräuchen der Völker , unter welchen wir wohnen , zu unterwerfen , oder wenigstens nicht mit dem Kopf vorwärts gegen sie anzurennen , macht uns schon die bloße Urbanität zur Pflicht , wenn es auch die Sorge für unsre