« Daniel ging hinaus , um Philippine ins goldene Posthorn zu schicken . Philippine war aber mit Agnes fortgegangen ; er gewahrte eine der Mägde des Hauses auf der Stiege und bat sie um die Besorgung . Es dauerte lange , bis sie mit der Flasche kam , und als der Wein eingeschenkt war , erwies es sich , daß Döderlein keine Zeit mehr hatte , weil er um sieben Uhr eine Unterrichtsstunde erteilen mußte . Er leerte sein Glas nur halb und verabschiedete sich mit einem kräftigen Händeschütteln von Daniel . Eine Weile war Daniel sinnend gesessen , da pochte es an der Tür , und der alte Jordan trat ein . » Ist ' s erlaubt ? « fragte er . Daniel nickte , und er nahm auf dem Stuhl Platz , auf dem Andreas Döderlein gesessen . Forschend schaute er Daniel ins Gesicht ; plötzlich sagte er : » Ist ' s denn wahr , Daniel , daß du wieder heiraten willst ? Daß du die Döderleinsche heiraten willst ? « » Ja , Vater , es ist wahr , « antwortete Daniel . Er holte ein frisches Glas , goß Wein hinein und schob es dem alten Mann hin . » Trink , Vater ! « sagte er . Der Alte nippte andächtig . » Es dürften wohl , meiner Schätzung nach , neun bis zehn Jahre vergangen sein , daß ich leinen Wein getrunken habe , « redete er vor sich hin . » Dein Leben ist nicht gut gewesen , « erwiderte Daniel . » Ich beklage mich nicht , Daniel . Ich trag ' s , weil ich ' s tragen muß . Und wer weiß , vielleicht ist mir noch ein kleines Glück beschert . Vielleicht ; wer weiß . « Dann saßen sie schweigend und tranken hie und da . Es war so still , daß sie die Flamme der Lampe rauschen hörten . » Wo bleibt denn die Philippine ? « fragte Daniel endlich . » Ja , die Philippine , das hatt ' ich ganz vergessen , « begann der alte Jordan sorgenvoll . » Am Nachmittag ist sie zu mir hinaufgekommen und hat mir mitgeteilt , sie gehe zur Frau Hadebuschin und werde mit der Agnes dorten bleiben , bis die Hochzeit vorüber ist . Sie hat sich aber so verworren ausgedrückt , daß ich ihren Worten nicht entnehmen konnte , was sie damit bezweckt . Auch hat es so geklungen , als wollte sie überhaupt aus dem Hause gehn . Ob das Frauenzimmer nicht ein wenig gestört im Kopfe ist ? Vorgestern war ein Geklapper und Gepolter in der Küche , und wie ich nachsehe , liegen mindestens sechs Teller zerbrochen auf der Erde , dabei droht sie noch , mich mit dem Spülwasser anzuschütten und schimpft gotteslästerlich . Wie ist denn das ? Kann sie denn so mir nichts dir nichts mit dem Kind zur Hadebuschin übersiedeln ? « Daniel blieb die Antwort schuldig . Der Gedanke an Philippine erfüllte ihn auf einmal mit Angst vor Unheil . Es schien ihm , daß er sie gewähren lassen müsse . 19 In der Nacht bemächtigte sich Daniels eine tiefe Erregung . Er verließ das Haus , und trotz der Finsternis und des fallenden Schnees ging er weit vor die Stadt , merkte die Nässe , die Kälte und den Wind nicht . Er lauschte in sein Inneres , hielt letzten Rat mit sich und schaute oft , als flehe er um Erleuchtung , zum schwarzen Himmelsgewölbe empor . Schwärzer noch dünkte ihn das Morgen , in Bangigkeit verlor er sich , und es trieb ihn zu den Gräbern . Erst auf dem Weg zum Kirchhof bedachte er , daß das Tor in der Nacht zugesperrt sein mußte , dennoch ging er weiter . Lange suchte er nach einer Stelle an der Mauer , wo er hinüberklettern konnte . Endlich fand er eine , klomm hinauf , schürfte sich die Hände wund , sprang in schneebedecktes Strauchwerk hinab und irrte mit beklommener Brust über das stürmische , öde Gefilde . Als er dann vor Gertruds Grab stand , überwältigte ihn das Gefühl der Stunde , Stimmen waren im Sturm , Grauen und Erinnerung wollten ihn schier zu Boden reißen , aber vor Lenores Grab wurde es ruhig in seiner Brust , auch öffneten sich plötzlich in der Tiefe des Horizonts die Wolken , und ein Mondstrahl zitterte hindurch . Spät , der Morgen war schon nahe , kam er heim . Acht Tage darauf holte er Dorothea von Siegmundshof ab . Sylvia und Dorothea kamen ihm durch eine beschneite Allee entgegen . Sie gingen Arm in Arm , und Sylvia lächelte zu Dorotheas Geplauder . Sie schienen in gutem Einverständnis , das Bild konnte nicht täuschen , und Sylvia sagte auch , als sie mit Daniel allein war , daß sie Dorothea liebgewonnen . Ihrem Frohsinn könne niemand widerstehen , und mit den Kindern werde sie selber zum Kind . Trotzdem betrachtete Sylvia Daniel , und wenn Dorothea dabei war , auch diese bisweilen mit einem schnellen , forschenden , sonderbar unsicheren Blick . Es war ein sonniger Dezembertag , als Daniel und Dorothea Hochzeit hielten . Dorothea 1 Seit vierzehn Tagen wohnten Philippine und Agnes bei Frau Hadebusch ; da kam eine Botschaft von Daniel , die beiden sollten nach Hause zurückkehren , oder wenn es Philippine vorziehe , zu bleiben , solle sie Agnes schicken , und zwar sogleich . » Da ham Se ' s , « sagte Frau Hadebusch , » der Herr befiehlt . « » Der befiehlt mir lang gut , « antwortete Philippine tückisch . » Das Kind bleibt bei mir , und ich geh nit hin , basta . Was , Agneslein ? « Agnes hockte auf der Ofenbank neben dem schwachsinnigen Heinrich und las in dem abgeschmierten Heft eines Kolportageromans . Bei Philippines Anruf blickte sie zerstreut empor und lächelte stumpf . Das zwölfjährige Mädchen hatte ausdruckslose Züge und