mehr vergönnt wäre . Und Berthuldens Dolch hätte ein wenig tiefer treffen können , wo das Herz liegt . Nun aber leben wir beide und wohnen sogar nahe beisammen , dürfen wohl bald , ich hoffe in etlichen Monden , mit Heinrichs Einwilligung einander Liebes erweisen . Gestehe , Johannes : Ist das nicht ein Heil ? Drum sollst du stets ermessen , was du gewonnen hast , und sollst bedenken , daß die Entbehrung nur da Schmerzen macht , wo das Verlangen über die Habe hinausgreift . Zum andern : In dem jetzo eingetretenen Zustande haben wir beide Gelegenheit , jenes Eden zu erschließen , das mein Johannes seiner Thekla in einer unvergeßlichen Predigt gewiesen hat . Ist denn nicht die Minne , so wir füreinander hegen , wert , zu jener adligen Verklärung zu gelangen , so mein Johannes in Gesichten gekostet hat ? Ich nehme Dich beim Wort , verehrter Prädikante ; zeige jetzo , daß Du nicht bloß mit Traum und Rede gen Himmel zu fliegen verstehst , sondern daß die Beherzigung auf Adlers Fittichen nachfolgt . Auch das Wort ist ja wie der rauhe Abendburgfels . Die Tat erst wandelt ihn zum Königsschloß , drin güldne Schätze funkeln . So laß uns heben den wahren Abendburghort , geliebter Schatzbeschwörer ! Endlich wisse : unheilbaren Schmerz würdest Du mir zufügen , so Du es wagen solltest , vor mein Angesicht zu treten , ehe die Stürme Deines Herzens ausgetobt haben . Dies ist mein fester Wille : erst muß uns beiden die Läuterung gelungen sein , bevor wir einander der Gefahr aussetzen , durch das geliebte Bild zu neuer Glut entzündet zu werden . Insonderheit müssen wir an Heinrichs Seelenheil denken . Das ist gefährdet , sobald er in Dir den Nebenbuhler wittert ; Dich würde er verantwortlich machen für meine Sprödigkeit , und es grauset mir , so ich an die Heftigkeit seines Willens denke . Seiner ersten Frau , zu deren Tode , wie zum Tode ihres Kindes , mein Schicksal beigetragen hat , hab ich in die erkaltende Hand gelobet , ihre Lieben getreulich zu stützen . Heget nun mein Johannes anoch Minne für mich , so muß er mir beistehen in allem guten Trachten . Drum so darf nichts geschehen , was Heinrich in Eifersucht und Grämen stürzen könnte . Er weiß nicht , was Du mir bist - und einstweilen soll er nichts davon ahnen . Was den kleinen Johannes betrifft , den hält er für das Kind meines ungestümen Freiers Zetteritz . Laß ihn bei diesem Glauben ! Führen wir ihn zu dem Ziel , das Deiner heiligen Sehnsucht vorschwebt ! Bringen wir ihn dahin , daß er ohne Groll an meiner Linken , wie Du an meiner Rechten , die Schwelle des Himmelreiches überschreitet . Fühlen wir , daß uns diese Aufgabe gelingen wird , so mag es sein , daß wir beide einander von Angesicht zu Angesicht schauen . Vorerst suche keinen anderen Verkehr zwischen uns als den heimlichen Austausch von Briefen ! Ich flehe Dich an , laß dies unser Gesetz sein . Mag jeder dem andern schreiben , wie es ihm ums Herz . Laß uns aber zuvor die Herzen rein und schön machen . Den allerersten Brief sollst Du nicht eher senden , als bis diese Woche vergangen ist . Am Sonntag um die Mittagszeit , doch keinen Tag früher - es hülfe nichts - entzünde beim Hohenstein ein Feuer , nachdem Du Dein Schreiben wohlverwahrt in den hohlen Buchenbaum beim Kesselstein getan , Du kennst den Felsen mit der kesselartigen Grube gegenüber dem Schreiberhauer Wachstein . Sehe ich Deine Rauchsäule , so sende ich meine Schwäherin Sibylle , in allem meine treue Vertraute , zum Kesselstein , Dein Briefel zu holen . Im Baume wirst Du ein Schreiben von mir jedesmal vorfinden , wenn vom Breiten Berge eine Rauchsäule das Zeichen gegeben hat . Nun denn , mein Hirt und Heil , halte stets den Geist der Güte und Weisheit im Herzen und übertritt nicht das Gesetz , so unverbrüchlich zwischen uns beiden walten muß . Die Treue zu Heinrich darf nicht verletzt werden . Harre aus , Geliebter - ringe nieder , so heißes Ungestüm Dich hinreißen will - laß den Winter vergehen - dann im Lenze vielleicht ... Einstweilen gibt es keinen anderen Weg für Dich als den von Deiner Thekla gewiesenen . Liebst Du sie wahrhaft , so mußt Du den Gott in ihrem Herzen walten lassen . Gewiß , das tust Du , fromme Seele , und so wirst Du nach Versuchungen und Schmerzen als Sieger vereinigt werden mit Deiner Dich segnenden Hirtin Thekla . « Das letzte Abenteuer Vom Frieden der Abendburg Nachdem ich diesen Brief gelesen und aber gelesen , verfiel ich in langes Weinen - wie ein schwaches Kind , ohne Beistand , ohne Rat . Unverdientermaßen peinvoll nannte ich mein Los und wußte vorerst nichts besseres , als mich zu bedauern . Und wie ich dem Geschicke grollte , so mengte sich Bitterkeit sogar in meine Liebe . Wohl lohete sie auf wie ein Waldfeuer , doch beizender Qualm kam heraus . » O Thekla - jammerte ich - bringst du es übers Herz , mich von dir wegzubannen ? Warum eilt die Gattin nicht in ihres Gatten Arme ? Warum versteckst du dich hinter dem andern Mann und erkennst ihm Rechte zu , die er doch gar nicht hat ? Ungültig ist ja deine Trauung mit ihm . Mir warst du früher angetraut , und nicht zur Witfrau hab ich dich gemacht . Die Meine bist du , Thekla , zögere nicht ! Was soll mir , der ich lang auf dich geharret und nun vor Sehnen verschmachte , was soll mir noch fürdere Wartezeit ? Bin ich ein Büßer , der fasten soll ? O grausam wäre das ! « So machte mein Ungestüm einen Rebellen wider den Wunsch der Liebsten . An ihre flehentliche Bitte , vorerst nur brieflich mit ihr zu verkehren