, brachte von da ab jeder Tag : durch die nordöstlichen Tore der Stadt zog das Elend , durch die westlichen der Glanz des Krieges herein . In den Straßen aber begegneten beide einander und sahen sich verwundert , oft beinahe feindselig an . » So waren wir « , sagten die finstern Blicke der einen , aber das entsprechende : » So werden wir sein « erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen . Unter den Berlinern , die nach ihrer Gewohnheit nicht leicht einen Truppeneinzug der einen oder anderen Art versäumten , nahm sich jeder aus diesem Gegensatz der Erscheinung das heraus , was ihm paßte , und auch in dem Kreise unserer Freunde , das Ladalinskische Haus mit eingeschlossen , gingen die Ansichten darüber weit auseinander , ob der in seinem schmutzigen , am Wachtfeuer halb verbrannten Mantel heranmarschierende Veteran oder der riesige , goldbetreßte und paukenschlagende Mohr des Grenierschen Corps als das richtigere Bild des Kaiserreiches anzusehen sei . Bninski , der mit Hilfe einer nach Polen hin lebhaft geführten Korrespondenz von den bedeutenden Truppenmassen unterrichtet war , die sich eben damals , unter dem Befehl des Vizekönigs , in den Weichselfestungen , im Warschauschen und Posenschen zusammenzogen , sah durch das Eintreffen frischer Divisionen aus dem Süden , von deren Existenz er selbst keine Ahnung gehabt hatte , nicht nur jede momentane Gefahr des Kaiserreichs beseitigt , sondern knüpfte auch an diese scheinbare Unerschöpflichkeit aller Hilfsquellen die weitgehendsten Hoffnungen , während andererseits Jürgaß , Hirschfeldt und von Meerheimb - besonders dieser letztere , der die totale Deroute vor Augen gehabt hatte - an ein Wiederaufgehen des Napoleonischen Sternes nicht glauben wollten . » Er mag neue Armeen aus der Erde stampfen « , sagte Meerheimb , » aber nicht solche , wie zwischen Smolensk und Moskau begraben liegen . « Lewin , unpolitisch und seiner ganzen Natur nach abhängig vom Moment , kam zu keiner bestimmten Überzeugung und sah das Kaiserreich sinken und sich wieder heben , je nach den heitern oder tristen Szenen , deren zufälliger Augenzeuge er sein durfte . Eine Woche war vergangen , wieder ohne Kastaliasitzung , was in der peinlichen Akkuratesse seinen Grund hatte , mit der seitens aller Mitglieder an ihrem » Dienstage « festgehalten wurde . Dieser letzte Dienstag aber hatte , mit Einrechnung der Gäste , so ziemlich den halben Kastaliabestand : Jürgaß , Bummcke , Tubal , dazu Hirschfeldt und Meerheimb nach Potsdam entführt , wo am darauffolgenden Tage die Konfirmation des Kronprinzen in der Schloßkapelle und daran anschließend ein Gottesdienst in der Garnisonkirche stattfinden sollte . Tubal machte den Ausflug in Begleitung seines Vaters , der eine direkte Einladung , der Feierlichkeit beizuwohnen , erhalten hatte . Auch die Gegenwart Kathinkas wäre dem Geheimrat erwünscht gewesen , war aber , zu sichtlichem Verdruß desselben , von der an selbständiges Handeln gewöhnten Tochter abgelehnt worden . Sie kannte nichts Ermüdenderes als Zeremonien , namentlich kirchliche , und zog es vor , » zu festlicher Begehung des Tages « sich für Mittwoch abend - an dem , zu später Stunde erst , die nach Potsdam hin Geladenen zurückerwartet wurden - bei der schönen Gräfin Matuschka anmelden zu lassen . Für den dann folgenden Donnerstag war seit Anfang der Woche schon eine kleine , nur den engsten Freundeskreis umfassende Reunion bei Ladalinskis festgesetzt , zu der selbstverständlich auch Lewin eine Einladung empfangen und angenommen hatte . Er durfte deshalb einigermaßen überrascht sein , am Morgen dieses Tages ein zierliches , in ein Dreieck zusammengefaltetes und mit blauem Lack gesiegeltes Billet nachstehenden Inhalts zu erhalten : » Lieber Lewin ! Ich glaubte Dich vorgestern oder gestern , wo Papa und Tubal in Potsdam waren , erwarten zu dürfen ; aber Du verwöhnst mich nicht durch Aufmerksamkeiten . Siehst Du Gespenster ? Sei nicht töricht , Lewin . Ich schreibe Dir , weil ich den Wunsch habe , Dir einen Morgengruß ins Haus zu schicken , und im übrigen nicht sicher bin , ob Du Deine Zusage für heute abend noch im Gedächtnis hast . Poeten sind vergeßlich ; Verse an mich hast Du schon längst vergessen . Kathinka v. L. « Lewin las zwei- , dreimal , sich die Worte wiederholend : » Siehst Du Gespenster ? « und » Sei nicht töricht , Lewin . « Es war ihm einen Augenblick , als schlösse sich ein tropischer , in berauschendem Dufte schwimmender Garten vor ihm auf und Kathinka , von einem Bosquet her , hinter dem sie sich versteckt gehalten , spränge ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und riefe ihm übermütig zu : » Schlechter Sucher , der du bist ! Warum konntest du mich nicht finden ? « Aber dann las er wieder : » Poeten sind vergeßlich ; Verse an mich hast Du längst vergessen « ; und er lachte bitter . » Dies ist der echte Ton , weil es der spöttische ist ! Was sind ihr Verse ? Oh , ich verstehe sie ganz . Ein glücklicher Liebhaber ist ihr nicht des Glückes genug , sie bedarf noch eines unglücklichen , um den Vollgeschmack des Glückes zu haben . Deshalb hält sie mich fest . Das ist die Rolle , die sie mir zudiktiert ! Folie für einen glänzenderen Stein . « Er wollte das Billet zerknittern und fühlte doch , daß ihm die Hand versagte . Eine weichere Stimmung überkam ihn , und er berührte die Stelle , die auf Augenblicke wenigstens neue Hoffnungen in ihm angefacht hatte , mit seinen Lippen . Dann faltete er das Blatt zusammen und steckte es zu sich . Es war ihm klar , daß die nächsten Stunden , wenn er sie an seinem Schreibtische zubrächte , doch für ihn verloren sein würden ; so brach er auf , um in der Stadt Zerstreuung zu suchen . Er fand sie rascher , als er erwarten durfte . An der Ecke des Rathauses standen Hunderte von Personen , um einen in französischer und deutscher Sprache abgefaßten