daß ein so trostloses Wort über diese edlen bleichen Lippen kommt ; es macht mich deshalb sehr stutzig . Ich habe ihn immer so muthvoll , so unverzagt gesehen , so ganz hingegeben dem , was der Tag und die Stunde heischen , so im Leben lebend - ich blickte erschrocken zu ihm hinüber und es ist , als sehe ich zum erstenmal die Verwüstungen , welche die Jahre , die sechs Jahre , in seiner Gestalt , in seinem Gesicht angerichtet haben . Sechs Jahre ! ich muß mich darauf besinnen , daß es wirklich sechs Jahre sind . Es hat sich so wenig verändert in dieser ganzen langen Zeit ! so wenig ! Vielleicht , wenn ich es recht überlege , doch so wenig nicht . Die Weinreben , welche , als ich vor sechs Jahren in Paula ' s Zimmer krank lag , nur eben durch das Fenster nickten , sind jetzt fast den ganzen Giebel hinaufgeklettert ; die große Gaisblatt-Laube hinten an der Pfirsichwand , die ich damals mit den Knaben errichtete und bepflanzte , ist vollkommen zugewachsen und ein Lieblingsplatz Paula ' s geworden , die von hier aus bis nach dem Hause blicken kann , was vom Belvedere nicht möglich ist . In dem Belvedere ist es jetzt auch ein wenig umheimlich , und auch das würde nicht der Fall sein , wenn Benno nicht mittlerweile sechs Jahre älter geworden wäre und den » Faust « gelesen hätte , und nothwendig ein » hochgewölbtes , enges gothisches Zimmer « haben müßte , das er » mit Büchsen , Instrumenten , Urväter Hausrath vollpfropfen « kann , wozu ihm das baufällige Gartenhäuschen mit seinen gemalten Spitzbogenfenstern das bei weitem geeignetste Local scheint . Benno ist jetzt entschieden der Ansicht , daß der Vater , der lieber einen Arzt oder Naturforscher in ihm sähe , vollkommen Recht , und Paula , die einen Philologen aus ihm machen möchte , durchaus Unrecht hat , und Benno muß das wissen , denn er steht in dem glorreichen Alter von siebzehn Jahren , wo es wenig Menschen für uns giebt , die wir nicht , intellectuell gesprochen , um eines Hauptes Länge überragten . Bei seinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Kurt thut er das auch in Wirklichkeit , und Kurt hat es jetzt definitiv aufgegeben , mit seinem Senior zu rivalisiren , der so offenbar den langen schlanken Körperbau der Zehrens hat und voraussichtlich noch größer als der hohe Vater wird . Indessen Kurt braucht sich nicht zu beklagen ; er hat die mächtige Brust und die langen kräftigen Arme , ja auch unter starkem krausen Haar die breite Stirn des Arbeiters . Er ist sehr bescheiden und anspruchslos , aber sein Blick ist merkwürdig fest und seine Lippen sind scharf geschlossen , wenn er über einer mathematischen Aufgabe brütet , oder mir auch nur einen Handgriff auf der Drehbank nachzumachen versucht , was ihm jedesmal in kürzester Zeit gelingt . Kurt und ich sind große Freunde , und soweit es möglich ist , unzertrennlich , dennoch ist , wenn ich ganz ehrlich sein will , der zwölfjährige Oskar mein Liebling . Er hat die großen , glänzend braunen Augen der Zehrens , die ich an meinem Freund Arthur , als er noch ein Knabe war , so bewunderte ; er hat auch Arthur ' s Schlankheit und anmuthige Manieren - es ist mir manchmal , als sähe ich in ihm Arthur wieder , wie er vor vierzehn Jahren war . Das sollte ihm bei mir nicht gerade zur Empfehlung gereichen , aber wenn er , die langem Locken hinter sich schüttelnd , die großen Augen von Lust und Leben strahlend , auf mich zugesprungen kommt , kann ich nicht anders , als ihm meine Arme öffnen . Oefter frage ich mich , ob es wohl gerade diese Aehnlichkeit ist , weshalb Oskar sich als Liebling der Schwester behauptet hat . Paula sagt freilich nach wie vor , davon könne gar keine Rede sein ; Oskar sei eben der Jüngste und ihrer am meisten bedürftig , und daß gerade er ein so ausgesprochenes Talent zum Zeichnen und Malen habe und dadurch ihr Schüler im eigentlichen Sinne des Wortes sei - das sei ein Zufall , für den man sie nicht verantwortlich machen dürfe . Ganz ähnlich so hat Paula vor sechs Jahren auch gesprochen ; ich erinnere mich deutlich noch des Sommernachmittags , als sie , bald nach meiner Reconvalescenz , die große Kreideskizze von mir machte - auf dem Platze unter den Platanen - so deutlich , als ob es erst gestern gewesen wäre . Und wenn ich Paula anblicke , kann ich ebenfalls nicht glauben , daß ich sie bereits sechs Jahre kenne und daß sie im nächsten Monat zwanzig wird . Damals sah sie älter aus , als sie war ; jetzt erscheint sie mir um ebensoviel jünger . Sie ist jetzt vielleicht ein klein wenig größer und ihre Formen sind wohl voller und weiblicher , aber in ihrem lieben Gesicht ist so viel kindliche Unschuld , und selbst ihre Bewegungen haben noch die Schüchternheit , ja selbst manchmal das Linkische eines ganz jungen Mädchens . Freilich , wenn man in ihr Auge sieht , vergeht wohl Jedem der Muth , sie nicht für das zu nehmen , was sie ist . Es lodert nicht auf dies Auge in übermüthigen Flammen , es blickt nicht scheu oder schmachtend , wie einer Pensionärin Auge , die eben von der verstohlenen Lectüre ihres vergoldeten Lieblings-Lyrikers kommt - es glänzt in einem stillen , stetigen , vestalischen Feuer , weltvergessend und doch eine Welt umspannend , wie des Künstlers Auge glänzen muß . Und eine Künstlerin ist Paula geworden in diesen sechs Jahren . Sie hat keinen Lehrer gehabt , außer einem verkommenen Genie , das eine kurze Zeit lang im Arbeitshause gewesen war und später vom Director das Gnadenbrot empfangen hat bis zu seinem schon vor mehreren Jahren erfolgten Tode . Sie hat keine Akademie besucht ,