am Brunnen . Adieu , dearest , dearest Mary ! Vierundvierzigstes Capitel Wer sich für Albert Timm specieller interessirte , konnte bemerken , daß diesem Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Besonderes zugestoßen sein mußte . Zwar ließen sich der schwarze Frack , den er jetzt beständig trug , die größere Sorgfalt , die er auf seine Toilette verwandte , und andere mit seinem äußeren Menschen geschehene Veränderungen füglich durch die Anwesenheit Fräulein Helene ' s und die gehobenere Stimmung , welche durch dieselbe in die Gesellschaft auf Schloß Grenwitz gekommen war , erklären , aber wie sollte man den Ernst deuten , der jetzt häufig auf seiner weißen Stirn und in seinen hellen blauen Augen lag ? wie die Schweigsamkeit , zu der er , der sonst keine Minute still sein konnte , sich oft auf Stunden verurtheilte ? wie vor allen Dingen den rastlosen Fleiß , mit welchem er jetzt halbe Tage lang über sein Reißbrett gebeugt stand und zeichnete und tuschte ? Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen Abwesenheit der Familie nur den harmlosen Freuden eines angenehmen ländlichen Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke , wo er , von einer plötzlichen Anwandlung von Fleiß ergriffen , in die Registratur ging , die alten Flurkarten zu holen , und bei dieser Gelegenheit ein kleines , mit einem rothseidenen Faden zusammengebundenes Packet Briefe fand , in deren Lectüre er durch das Rollen des Wagens , welcher die Familie Grenwitz so unverhofft zurückbrachte , gestört wurde . Indessen , es war ganz gegen Albert ' s Natur , über einen Müßiggang , dem er sich längere oder kürzere Zeit hingegeben , Reue zu empfinden ; und überdies arbeitete er so schnell und gewandt , daß es ihm ein Kleines war , auch größere Versäumnisse in sehr kurzer Zeit nachzuholen . Die Flurkarten , die neuen oder die alten , waren es sicher nicht , über denen er sich den Kopf zerbrach . Davon würde man sich überzeugt haben , wenn man an dem Nachmittage einen Blick in sein Zimmer geworfen hätte , das er , sehr gegen seine Gewohnheit , hinter sich abgeschlossen . Herr Timm saß auf dem kleinen Sopha in seiner Stube , ein Bein untergeschlagen , den Kopf in die Hand gestützt , und aus seiner Cigarre mächtige Wolken blasend , offenbar in tiefes Nachdenken verloren . Neben ihm auf dem Sopha lagen die Briefe , die er in dem Repositorium der Registratur gefunden . Es waren ihrer nicht viele , alle von derselben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier geschrieben , wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein selbst zu Briefen benutzte . Die Briefe mußten wohl dieses Alter haben , denn die Tinte war ganz vergilbt und konnte so einigermaßen das Datum ersetzen , das in sämmtlichen Briefen fehlte . Es muß sich etwas mit diesen Briefen anfangen lassen , sagte Albert , leise mit sich selbst redend , ich weiß nur nicht gleich was . Wenn es mir gelänge , die Antworten dazu zu finden , so müßte es doch mit dem Teufel zugehen , wenn ein so schlauer Kopf , wie der meine , dem großen Geheimniß nicht bis in seine verborgenste Höhle nachspürte . Auf der richtigen Spur , denke ich , bin ich schon jetzt . Daß Mutter und Kind gestorben sein sollten , ist so unwahrscheinlich wie möglich . Die Marie war allem Anschein nach ein wahres Kernmädel und das bischen Jammer und Kummer wird ihr das Herz schon nicht gebrochen haben . Das Kind aber aus dieser wilden Ehe hat sich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller illegitimen Sprößlinge , weniger hoch- , als wohlgeboren zu sein , zu erfreuen gehabt . Die Mutter also , oder das Kind , oder Beide leben noch . Leben sie aber - und ich wünsche und hoffe es - so wissen sie entweder nichts von dem kostbaren Codicill zum Testamente des seligen Bruder Lüderlich , oder sie sind davon unterrichtet . In dem letzteren Fall , der nicht sehr wahrscheinlich ist , - denn vor einer so fetten gebratenen Taube den Mund zu verschließen , überstiege doch Alles , was ich von menschlicher Dummheit bis jetzt gehört und gesehen habe , und das will sehr viel sagen , - müßte man sie zu bestimmen suchen , von ihrem guten Rechte Gebrauch zu machen ; in dem ersten Fall , dem bei weitem wahrscheinlicheren , müßte man ihrer erbarmungswürdigen Unwissenheit freundlichst zu Hülfe kommen ; in jedem Falle - und da liegt der Hase im Pfeffer - müßte man erst wissen , wo sie denn überhaupt zur Zeit sich befinden . Daß sie sich in allzugroßer Nähe einen Zufluchtsort gesucht haben sollten , ist nicht wohl anzunehmen . Denn einmal würde sie Harald , der jedenfalls kein Mittel unbenutzt ließ und das Geld nicht schonte , nach der Flucht gefunden haben , zweitens pflegen die Leute bei solchen Gelegenheiten so weit zu laufen , als es irgend möglich ist , und drittens scheint dieser Monsieur d ' Estein ein viel zu schlauer Fuchs gewesen zu sein , um sich vor dem Löwen , der ihm auf der Fährte war , nicht sicher mit seinem Täubchen zu verstecken . Ueberhaupt ist dieser Monsieur eine sehr irrationale Größe , die sich in meiner Rechnung als ein äußerst störender Factor erweist . Wenn er nicht bald nachher gestorben ist , so hat er jedenfalls noch viel Unsinn angerichtet , vielleicht gar die kleine Marie geheirathet , das Kind adoptirt und die Beiden zurück nach Frankreich , oder nach Amerika oder sonst wohin geführt , wo für mich die Welt mit Brettern zugenagelt ist , und mir so den ganzen Spaß verdorben . Das wäre schändlich , denn die Geschichte könnte wirklich über alle Begriffe spaßhaft werden . Ich möchte wohl die Gesichter von den Beiden sehen , wenn ich vor sie träte und sagte : meine armen Schelme , was gebt Ihr mir , wenn ich Euch zu einem hübschen Vermögen von einigen