Der Dechant schwieg ... Nie hatte er diese Schilderung so genau gegeben . Nur einmal vor den Gerichten und einmal - vor dem jetzigen Kirchenfürsten , als dieser noch die Geschäfte eines Generalvicars verwaltete und die Heirath der Witwe beanstanden wollte . Der Trauring meiner Mutter ! wiederholte Bonaventura schmerzlich . In ihm liegt - die ganze Lebensfrage unserer Kirche ! Das ist ein Abgrund , mein Sohn , wie auch unsere Ehelosigkeit ... sagte der Greis . Laß es ruhen ! Beide Priester schwiegen ... In diesem Schweigen lag der Schauer zweier Jahrtausende . Eine Weile verging - - So also war es ! begann Bonaventura wieder voll Schmerz . Und doch wie ist es möglich , daß diese Gegenstände vor uns auf dem St.-Bernhard damals fehlten ? Warum hat sie Mevissen ohne Ihr Wissen an sich genommen ? Warum nahm er sie mit ins Grab ? Der Dechant schwieg ... Ich weiß es nicht ! sagte er dann nachdenklich . Mevissen wohnte allen diesen Vorgängen bei , die Sie schilderten ? In aufrichtigster Trauer ! Wir legten oben auf dem Hospiz alles zusammen , was deiner Mutter zu übersenden war . Diese Gegenstände dort fehlten , das weiß ich genau . Da das Geld unangerührt war , gedachten wir nicht der Uhr . Die Spielhahnfeder ist ein Hutschmuck der Alpengegenden . Das Gemshorn saß ohne Zweifel als Griff an einem Alpenstock . Der grüne Schleier ist eine Schutzwehr des Auges gegen die blendende Wirkung des Schnees . Gewiß ! Ich sah damals diese Dinge nicht und begreife den Werth nicht , den Mevissen so weit darauf legte , sie so heimlich zu bewahren ! Er war so ehrlich und so treu ... Ich erkundigte mich später in Genf ; ich hatte die sichersten Beweise , daß diese einsame Alpenwanderung deines Vaters , während Mevissen allein im Gasthofe zur Balance zurückbleiben mußte , ihn mit einer durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigten Unruhe erfüllte . Die Beerdigung in St.-Remy vollzog er mit all der Standhaftigkeit , zu der ich mich nicht aufschwingen konnte . Ich saß erschöpft im Refectorium des Hospizes und schilderte den kindlichen Mönchen die Tugenden des Verblichenen . Wie hätt ' ich sie erfreut , wenn ich ihnen schon damals hätte sagen können , daß der Sohn des Unglücklichen in den geistlichen Stand treten würde ! Ich mußte diese Männer bewundern , die über siebentausend Fuß über dem Meere wohnen , fünfzehn Jahre hier zu verweilen verpflichtet sind und selten , wenn sie auch mit zwanzig Jahren schon vom Bischof zu Sitten hierher entsendet werden , ihr fünfunddreißigstes Jahr erreichen . So wüthen die Stürme , so dorrt der Frost die Glieder aus , so verbraucht die tägliche Anstrengung , die es kostet , nur allein die nächsten Bedürfnisse auf diese Höhe zu bringen , nur Holz und Wasser ! So oft ich jene vermessenen Reden unserer Geistlichkeit höre , Reden , wie ich sie noch gestern wieder vernahm , möcht ' ich doch aufstehen und eine Schilderung des Lebens der Augustinerchorherren auf dem St.-Bernhard geben und rufen : Hic Rhodus ! Hic salta ! Da zeigt euern Heldenmuth ! Bonaventura schüttelte sein Haupt , hob sein braunes Auge wie verklärt und erwiderte : Nein , Oheim ! Was ist es denn , was diesen Menschen dort oben selbst den Schnee so rosig erglühen läßt , daß sie ihn auch ohne die Sonne wie nur in Purpur getaucht zu erblicken glauben ! Es ist die himmlische Sonne , die sie bescheint , die moralische , daß sie sich fühlen in einer großen Gemeinschaft , der zu Liebe diese und alle Opfer dargebracht werden ! Laßt diese Priester der Ebene doch vermessen reden und sich ihrer Rechte und Pflichten rühmen ! Würde nicht schon in der Ebene dieser Geist der Hingebung gepflegt , allmählich aufgezogen , allmählich herangebildet , wie könnte er in die Berge steigen ! Nein ! Aus einer einzelnen zufälligen Entschließung des edeln Herzens hier und dort ist es nicht möglich jene jungen Männer dort oben wohnen , wirken , früh dahinwelken zu lassen ! Sie würden vielleicht zuweilen in größerer Anzahl sich einstellen , als sie nöthig sind ; öfter aber auch würden sie ganz fehlen . So muß es eine Pflanzschule dieses Geistes der Aufopferung geben , irgendeine magische Zauberformel muß sie alle halten und regieren . An dem Muth , dort unter den Gerippen und dem Schnee des St.-Bernhard auszuhalten , arbeitet der streitende Geist derer hier unten mit ! Das ist ja das Geheimnißvolle in unserer Kirche , daß sie ein Zusammenwirken tausendfacher Kräfte ist , wo sie wunderbar durch die Formen ersetzt , was an den Personen sich heute findet , morgen fehlt . Unsere Kirche befreit den Geist von den Launen des Zufalls , der Natur ! O daß das so wenig verstanden wird ! Unsere Methode ist groß ! räumte der Dechant ein ; seufzend aber setzte er hinzu : Soviel Schönes , soviel Erhabenes in unserer Kirche , so vieles , was den poetischen Menschen in uns mit den tiefsten Ahnungen und Schauern durchrieselt - wenn nur so vieles andere , was dem Menschengeiste von unsterblichem und göttlichem Werthe sein darf und muß , nicht in ihr verloren ginge ! Dies Thema trennte beide wie immer ... Ein rätselhaftes Gefühl drängte den Dechanten , während der entstehenden Pause seinem Schreibtisch zuzulangen , als müßte er jenen Brief von unbekannter Hand Bonaventura mittheilen , jene Aufforderung im Jahre 18 * * am Tage des heiligen Bernhard von Clairvaux unter den Eichen von Castellungo sich zu einem Concil der Befreiung einzufinden ! Doch erblickte er unter den Papieren zunächst nur den Brief Angelika Müller ' s mit den Einlagen ... Auch dessen Inhalt erlaubte es , bei dem Gegenstande zu verweilen , den Bonaventura die Grundlage der katholischen Kirche genannt hatte . Der Dechant war der Meinung , daß die katholische Kirche nicht zu ihrem Vortheil die Ehe zu einem Sakrament erhoben hat . Wo die persönliche