hätte , wäre es von ihm erkannt worden . Ach ! jener Himmelsfriede , den er schonen wollte , war längst aus Gabrielens Brust gewichen und entfremdete sich ihr immer mehr und mehr mit jedem Tage , den Hippolit in ihrer Nähe verlebte . Während die unablässige Sorgfalt , mit der er in Gabrielens Gegenwart stets über sich selbst wachte , ihm keine Zeit ließ , sie anders als in Hinsicht auf ihre Zufriedenheit mit ihm zu beobachten , entzückte ihn zwar die holde Freundlichkeit , mit der sie ihn gewöhnlich behandelte , aber er dachte dabei nur daran , sich dieses sein gegenwärtiges Glück zu erhalten , und war weit davon entfernt , zu kühnern Hoffnungen den Blick zu erheben . Auch Gabriele blieb Wochen- und Mondenlang sich selbst ein Räthsel , dessen Auflösung sie , ohne sich dessen bewußt zu seyn , immer weiter hinaus schob . Vom Rückblick auf das frühere , von ihrer Seite so ruhige reine Verhältniß zu Hippoliten geblendet , glaubte sie , es sey noch wie ehemals . Sie ahnete nicht , was alles Blut ihres Herzens in heißen tobenden Strömen ihren Wangen zutrieb , wenn sie aus fast unhörbarer Ferne den Ton seiner Stimme , das Nahen seiner Schritte vernahm . Neues , nie zuvor geahnetes Leben war ihr aufgegangen , doch sie erkannte weder dessen Ursprung , noch das Stürmen und Wogen , welches ihre Brust mit süßem Schmerz beklemmte , himmelweit abweichend von jedem früheren Gefühl . Früh , wenn sie erwachte , war Hippolit ihr erster Gedanke , Sehnsucht , ihn wieder zu sehen , ihr erstes Empfinden , und dennoch erschrak sie , und hätte es gern abgewendet , wenn sein Besuch ihr gemeldet ward . War er aber erst da , dann begann ein hohes genußreiches Leben . Seine Worte , seine Aeußerungen entwickelten ihr täglich eine zuvor nicht gekannte Liebenswürdigkeit , eine neue , höhere Achtung fordernde Eigenschaft an dem edlen schönen Manne , der dabei in ungeheuchelter Verehrung sich und jede seiner Handlungen ihrem Willen unterwarf . Sie hing an seinen Blicken , an jeder seiner Bewegungen , alles andre vergessend , bis irgend ein unbedeutender Zufall sie aufschreckte . Verlegen wandte sie sich dann von ihm ab , floh aus seiner Nähe oder suchte ihre , ihr selbst unbegreifliche , tiefe Beschämung hinter irgend einem kleinen Geschäft , das sie plötzlich unternahm , zu verbergen . Zwanzigmal des Tages fühlte sie sich auf diese Weise von ihm angezogen und fortgetrieben . Sie war von einer Unruhe , einer Unbestimmtheit ergriffen , die sie mit Angst erfüllten , die ihr nicht erlaubten , irgend etwas zu unternehmen oder gar zu vollenden , als nur in Bezug auf Hippolit . Jene , ihr eignes Wesen wie die Welt , hellüberschauende Klarheit , war für den Moment gänzlich von ihr gewichen ; Gedanken , Empfindungen stiegen in ihr auf , ihr so fremd , daß sie oft sich überredete : das Herannahen einer bedeutenden Krankheit vorzuempfinden . Ein Zufall mußte sie über sich selbst klar werden lassen , wenn gleich auf schmerzliche Weise . Unerachtet ihres jetzt sehr merklich herannahenden höheren Alters hing Gabrielens Tante , die Gräfin Rosenberg , noch immer mit gewohnter Leidenschaftlichkeit an der Welt , an deren Freuden , und war keinesweges gesonnen , den Platz aufzugeben , den sie in ihr so lange ehrenvoll behauptet hatte . Mehr als je zuvor beruhte jetzt ihr Glück auf Glanz und Geräusch , denn sie bedurfte beides , um manchem ernsteren Gedanken zu entweichen , der sich zuweilen doch ungerufen ihr entgegendrängte . Ein einziger unbesuchter Assembleeabend in ihrem Hause hätte ihr den Tod geben können . Dieß fühlend , und treu ihren früheren Grundsätzen , suchte sie daher bei Zeiten in dem sie umgebenden Kreise nach einem jungen liebenswürdigen Wesen , das fähig wäre , Gabrielens Alle herbeizaubernde Gegenwart ihr einigermaaßen zu ersetzen . Denn sie mußte leider diesen Winter über in ihrem Salon Gabrielen vermissen , weil die Pflicht diese an das Krankenzimmer des Gemahls gefesselt hielt . Der Gräfin gewohnter Scharfblick fand gar leicht den geselligen Magnet , welchen sie suchte , in der im üppigsten Jugendreiz eben aufblühenden Ida von Schöneck , Gabrielens ehemaliger Begleiterin nach Schloß Aarheim . Seltne Schönheit und manches angenehme Talent hatten sich seit jener Zeit auf das schnellste und liebenswürdigste in diesem jungen Mädchen entwickelt . Die Gräfin konnte keine glücklichere Wahl treffen , denn der ewige Kampf zwischen einem unbegränzten Hange zum Vergnügen und sehr beschränkten häuslichen Verhältnissen machten die arme Ida zur Gefälligkeit selbst , was auch immer von ihr gefordert werden mochte . Sie verließ das Haus ihrer Mutter und bezog ein Zimmer im Hotel ihrer neuen Beschützerin . Alle Stunden , welche Toilette und Gesellschaft ihr übrig ließen , wurden dort mit unermüdetem Eifer auf den Unterricht gewendet , den ihr die Gräfin in Musik , Tanz und allen jenen Künsten geben ließ , welche in unsern verfeinerten Tagen den höchsten Schmuck der darüber selbst zur Kunst gewordnen Geselligkeit ausmachen . Von Eitelkeit gespornt , ersetzte der angestrengteste Fleiß , was hie und da die Natur versagt haben mochte , und die einmal der Dunkelheit entrißne , vor kurzem noch so unbedeutende Ida trat ganz unerwartet als eine leuchtende Sonne hervor , deren Glanz alle ihre Umgebungen überstrahlte . Der Gräfin Rosenberg Haus ward durch Ida wieder , was es stets gewesen war , der Mittelpunkt aller guten Gesellschaft in der Residenz , sie selbst schwamm in Seligkeit , und vergötterte beinahe die kleine Zauberin , welche alle diese Wunder bewirkte . Zwar war Ida himmelweit davon entfernt , Gabriele zu seyn ; ihre Talente , ihr Wissen , waren nur ein oberflächlich Erlerntes , auf den Licht-Effekt berechnet ; aber eben diese Licht-Effekte hatte sie meisterhaft studirt . Dazu besaß sie den Reiz der Neuheit , der frischesten Jugend und obendrein eine seltne Fähigkeit , fremde Liebenswürdigkeit sich anzueignen . Sogar das Mondenlange Zusammenleben mit Gabrielen hatte sie , wenigstens für