denn von dem Blut , das auf Golgatha strömte , floß auch ein Tropfen der Entsühnung für mich . Das ist unser Erbtheil - wir sind Erlöste ! Nun lebe wohl , theurer Phocion ! Wenn du diese Tafel in deiner Hand halten wirst , ruht meine Hülle längst im Schooße der Erde , und die Verwesung verzehrt die Gestalt , unter welcher dein Freund , dein Schüler , dir erschien . Aber , er stirbt dir nicht ! Auch jenseits wird ihn dein Andenken begleiten , und der Dank für so manche mir geweihte Stunde , so manche Lehre , und so manches wirksamere Beispiel wird in jener Welt vielleicht noch reiner und stärker gegen dich entglühen . Am offenen Grabe laß ihn mich dir noch ein Mal wiederholen , mein Lehrer , mein zweiter Vater ! und sey versichert , wenn es die Vorsicht erlaubt , und die furchtbaren Gesetze der Geisterwelt , so wird nicht Theophania allein ein Zeichen meines Daseyns erhalten . Es ist Mitternacht . Die kleine Lampe , die mir leuchtete , erlischt - so erlischt bald mein Leben . Ich gehe zur Ruhe , der Schlaf behauptet seine Rechte auf den erschöpften Körper - morgen schläft er einen unweckbaren . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Mors non ultima venit , quae rapit ultima mors est . Seneca . 115 . Calpurnia an ihren Bruder Lucius . Nikomedien , im Mai 305 . Es ist vorüber - er ist todt ! In der Nacht dem Auge des Volkes verborgen , weil man kleinherzig die Rache der Jovianer fürchtete , floß das edelste Blut , das je vielleicht auf der Erde ein menschliches Herz bewegt hatte . Ich habe mich seines Betragens nicht zu rühmen . Manche meines Geschlechts würde nie verziehen haben , was er an mir that ; dennoch sage ich mit Stolz , ich habe ihn geliebt , wie ich noch nie einen andern Mann geliebt habe , wie ich nie einen lieben werde . Zwei Tage vorher sah ich ihn zum letzten Mal . Er kam , Abschied von seiner Frau zu nehmen . Und wenn ich Titons1 Jahre erreichte , so würde keine Zeit die Erinnerung dieses Anblicks aus meiner Brust vertilgen , wie er bleich , gefesselt , aber in diesen Fesseln stolz und frei zwischen den Centurionen in ' s Atrium trat . So mögen einst die gefangenen Könige vor den Wagen der Triumphatoren gegangen seyn . Das Herz wendete sich mir in der Brust , ein ungeheurer Schmerz zerriß mein Innerstes . Ich eilte zu Theophanien - ich wollte Zeugin des Wiedersehens seyn . Er folgte mir auf dem Fuße , in meiner Seele wiederhallte der Klang seiner Ketten . Er trat ein , er stürzte mit dem Ton des wildesten Schmerzens in die Arme seines Weibes . Ich wurde gar nicht bemerkt , und entfloh , denn es war mir nicht möglich , hier auszuhalten . Eine tödtlich lange Stunde verschlich - die schwerste in meinem Leben , bis man endlich kam , mir zu melden , daß sich Agathokles entferne . Ich hatte es verlangt , denn ich wollte ihn noch ein Mal sprechen . Ich eilte in ' s Atrium . Da stand er an einer Säule gelehnt , ich rief ihn , er hörte mich nicht , nur einzelne Töne des Schmerzens drangen aus seiner Brust hervor . Meine Liebe erwachte in ihrer alten Macht ; ich eilte auf ihn zu , und schlang die Arme um ihn . Was hatte ich zu fürchten ! Er stand am offenen Grabe , und nahm mein Geheimniß mit sich . Er sah sich nach mir um , und eine Mischung von Erstaunen und sanfter Rührung malte sich in den zerstörten wilden Zügen . Er wollte seinen Arm um mich schlagen , seine Ketten verhinderten es , ich schlang sie um mich , und so von klirrenden Fesseln umgeben , und selbst durch die Seltenheit dieser Lage noch mehr gespannt , warf ich mich von Neuem an seine Brust . Lange vermochte er nicht zu sprechen - endlich fand er Worte , und dankte mir für die Liebe und Sorgfalt , die ich seiner Frau , für die Freundschaft , die ich ihm bis an seinen Tod bewiesen . Nicht Freundschaft , hub ich mit ernster fester Stimme an , nicht Freundschaft ! Agathokles ! Der Tod hebt alle Verstellung auf , und ich kenne deinen Edelmuth . Laß mich dir ein Geständniß thun , das ich unter keinen andern Umständen gewagt haben würde , lerne mich ganz kennen , und dann beurtheile den Werth dessen , was ich für dich that . Ich habe dich geliebt , Agathokles ! von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit leidenschaftlicher Wärme geliebt ! - Ich schwieg , und sah ihm ernst in ' s Gesicht . Er schlug die Augen nieder , und ließ die Arme sinken , die Ketten klirrten wieder , und ihr Schall klirrte in meiner Brust nach . Ein schmerzhaftes Lächeln zuckte um seinen Mund . So habe ich denn auch deinen Kummer mir vorzuwerfen ! fing er nach einer Pause an . Vergib , Calpurnia ! Er reichte mir die Hand . Vergib , wenn ich manche Stunde deines schönen heitern Lebens getrübt habe , wenn ich dich mißverstand , wenn vielleicht mein Betragen selbst dich berechtigte , mich falsch zu deuten ! Vergib ! Diese Antwort war mir unerwartet . Ich schwieg verlegen . Es ward klar und kühl in meiner Seele , der Rausch des Enthusiasmus war verschwunden - aber ich mußte ihn achten . Ich reichte ihm die Hand , und sagte mit Herzlichkeit : » Glaube nicht , Agathokles , daß diese Erklärung so gemeint war . Ich mache dir keine Vorwürfe - ich habe nichts zu vergeben . « Er drückte meine Hand an sein Herz : » Du bist immer gütig , immer freundlich ! Habe Dank für jede schöne Stunde , die ich in