die größte Wirkung thun . Du wirst nicht vergessen haben , Diagoras , wie dir selbst , trotz deinem Unglauben , dabei zu Muthe war , und du kannst von dem Eindruck , den das , was du hörtest und sahest , auf deine Einbildung machte , auf denjenigen schließen , den solche Anschauungen auf ungebildete Menschen machen mußten , die sich nicht , wie du , in ein Schauspiel , sondern übernatürlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten . Ich gestehe , sagte ich , daß sich , bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die labyrinthischen Windungen des Tartarus , über das was ich hörte , und in einer durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte , alle Haarspitzen auf meinem Kopfe und an meinem ganzen Leibe empor richteten . Aber freilich wird der Eindruck , den dieß allenfalls auf ein weiches Gemüth machen könnte , durch den geheimen Unterricht , den man bei der zweiten großen Weihe empfängt , wieder rein ausgelöscht . Daher , sagte Demokritus , wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen , als Männer , die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen , und edel genug , sie gehörig zu gebrauchen . Ueberdieß zweifle ich nicht , daß die zweite Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar nicht stattgefunden , oder wenigstens eine andere , der Einfalt jener Zeiten angemessenere Beschaffenheit gehabt habe . Wenn ich dir alles zugebe , versetzte ich , was du mit vieler Scheinbarkeit von den drei Epochen der Religion unserer Väter gesagt hast , was gewinnt sie dabei in ihrem dermaligen Zustande ? Wir leben in einer vierten Epoche , wo kein gebildeter Mensch mehr an Götter glaubt die nie gewesen sind , und unsre eben so ungläubigen Priester , mit den reichen Einkünften , die jedem sein Gott verschafft , zufrieden , sich eher um alles andere bekümmern , als um den sittlichen Einfluß , den die Religion auf das Gemüth der Menschen haben könnte . Es sollte mir nicht schwer seyn , dir beides streitig zu machen , erwiederte Demokritus : aber , wenn ich dir auch gestehe , daß mir gerade kein Priester beifällt , den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen möchte ; so ist doch die Anhänglichkeit des großen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer so augenscheinlich , daß ich niemand rathen wollte , ihn auf die Probe zu setzen . Sogar unter den ersten Männern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen , der so stark als seine Großmutter an Orakel , Vögel und Opferlebern glaubt , vor einer Mondfinsterniß oder einer Doppelsonne wie vor einem Unglückszeichen erschrickt , und mit dem größten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern eines Kriegsheers erzählt , was ihm diese Nacht geträumt hat . Macht dieß die Sache unserer Priester nicht besser , so beweiset es wenigstens : daß unser alter Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden scheinst ; und ich ziehe daraus die Folge , daß es , sowohl für einzelne Personen als für den Staat selbst , gefährlich wäre , sich über diesen Punkt zu täuschen . So lange die Religion , die bei Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft eines der stärksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war , in dieser Eigenschaft noch nicht alle Kraft verloren hat , soll sie , denke ich , von den Weisen geschont und geachtet werden ; wie löblich und nöthig es auch übrigens ist , den Aberglauben durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der Natur der Dinge nach und nach dermaßen zu entkräften , daß er , wie die Spulwürmer durch gewisse Arzneien , zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde , gleichsam von selbst von den Menschen abgeht . Du erlaubst mir alles , erwiederte ich , indem du mir das Recht zugestehst gegen den Aberglauben zu arbeiten . Denn was ist unsre Volksreligion anders als der gröbste und lächerlichste Aberglaube ? Ich läugne nicht , daß er noch wirksam ist ; aber daß er den wohlthätigen sittlichen Einfluß , den er ehemals gehabt haben soll , noch in unsern Tagen habe , das ist was ich ihm gänzlich abspreche . Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Rächer des Meineides ? Der ehrliche Mann schwört keinen falschen Eid , nicht weil er den Donner des Horkios72 fürchtet , sondern weil er ein ehrlicher Mann ist ; und wer es nicht ist , sieht so viele Meineidige unangedonnert herumgehen , und findet überdieß bei den Priestern so viel Bereitwilligkeit ihn für die Gebühr mit Jupiter Horkios auszusöhnen , daß die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zurückhält . Der noch immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel , und die Vorbedeutungen die man aus den Eingeweiden der Opferthiere nimmt , ist , wenigstens auf Seiten unsrer bürgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber , pure Heuchelei , und kann also weder Gehorsam gegen göttliche Winke noch Zuversicht auf göttlichen Beistand wirken . Man hat schon lange Mittel gefunden , die Pythia sagen zu lassen was man will ; oder ihre Aussprüche sind so geflissentlich räthselhaft und vieldeutig , daß man sie nach eignem Gefallen deuten kann ; und wenn die Milzen und Lebern der Opferthiere nicht günstig sind , so schlachtet man so lange andre , bis die Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfällt . Demokritus behauptete : in den Händen kluger Regenten und Heerführer könne dieser Aberglaube , so lang ' er noch seine Wirkung auf die Menge thue , in vielen Fällen den glücklichen Ausgang einer Unternehmung entscheiden , oder großes Unheil verhüten ; und was ich ihm auch entgegen hielt , immer kam er auf den Grundsatz zurück : es sey unweislich gehandelt , ein durch die Länge der Zeit ehrwürdig gewordenes Institut zu vernichten , bevor man gewiß sey , etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu haben . Ist das Bessere wirklich da , sagte er , so wird das Schlechtere