Ich wäre viel lieber in einen Wald gegangen , den ich in geringer Entfernung bemerkte und der mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach darzubieten schien ; aber ich war so matt und schwach , so aufgerieben von den Forderungen der Natur , daß der Instinct mich trieb , in der Nähe der Wohnungen zu verweilen , wo es wenigstens möglich war , einige Nahrung zu erhalten . Die Einsamkeit war keine Einsamkeit — die Ruhe keine Ruhe — während der Geier des Hungers seine Krallen und seinen Schnabel in meine Seite drückte . Ich näherte mich den Häusern ; ich verließ sie und kehrte wieder zurück , um weiter zu wandern : stets zurückgetrieben von dem Bewußtsein , daß ich kein Recht habe etwas zu fordern — kein Recht , Theilnahme an meiner trostlosen Lage zu erwarten . Inzwischen rückte der Abend heran , während ich so gleich einem verlorenen und halb verhungerten Hunde umherwanderte . Als ich über ein Feld ging , sah ich den Kirchthurm vor mir und eilte drauf zu . In der Nähe des Kirchhofes und in der Mitte eines Gartens stand ein wohlgebautes , wenn auch kleines Haus , welches die Pfarrwohnung sein mußte . Ich erinnerte mich , daß Fremde , die in einen Ort kommen , wo sie keine Freunde haben und Beschäftigung suchen , sich zuweilen an den Geistlichen wenden , um ihnen Auskunft und Beistand zu gewähren . Es ist das Amt des Geistlichen , wenigstens mit Rath denen zu helfen , welche sich selber zu helfen wünschen . Ich schien etwas gleich einem Rechte zu haben , hier Rath zu suchen . Indem ich meinen Muth erneuerte und die schwachen Reste meiner Kraft sammelte , ging ich darauf zu . Ich erreichte das Haus und klopfte an die Küchenthür . Eine alte Frau öffnete und ich fragte , ob dies die Pfarrwohnung sei ? " Ja . " " Ist der Herr Prediger zu Hause ? " " Nein . " " Wird er bald zurückkehren ? " " Nein , er ist aus . " " Weit ? " " Nicht so weit — nur etwa drei Meilen . Er ist durch den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden . Er ist jetzt in Marsh End und wird sehr wahrscheinlich noch vierzehn Tage dort bleiben . " " Ist nicht eine Dame im Hause ? " " Nein , außer mir ist Niemand da und ich bin die Haushälterin . " Und sieh , Leser , noch konnte ich nicht um die Befriedigung des Bedürfnisses bitten , unter dem ich erlag : ich vermochte noch nicht zu betteln und schwankte wieder weiter . Wieder nahm ich mein Halstuch ab — wieder dachte ich an das Brod in dem kleinen Laden . O ! wenn man nur eine Rinde , nur einen Mund voll hätte , um die Qual des Hungers zu stillen ! Instinctmäßig wendete ich mein Gesicht wieder dem Dorfe zu : ich fand den Laden wieder und ging hinein ; und obgleich noch andere Leute außer der Frau da waren , wagte ich die Bitte , ob sie mir ein Brödchen für dieses Halstuch geben wolle ? Sie sah mich mit offenbarem Verdacht an und sagte , sie habe nie ihre Waare auf solche Weise verkauft . Fast zur Verzweiflung getrieben , bat ich um ein halbes Brödchen ; doch sie schlug es mir wieder ab und sagte , wie sie wissen könne , wie ich zu dem Tuche gekommen sei . Dann fragte ich , ob sie meine Handschuhe dafür annehmen wolle ? Hierauf erwiderte sie , was sie damit machen solle ? Leser , es ist nicht angenehm , bei diesen Einzelheiten zu verweilen . Man sagt wohl , es läge , ein Vergnügen darin , auf frühere schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken ; aber noch heute kann ich es kaum ertragen , die Zeiten zu beschauen , von denen ich rede : die moralische Erniedrigung , vereint mit physischem Leiden , bildet eine zu traurige Erinnerung , um je absichtlich dabei zu verweilen . Ich tadelte Niemand von denen , die mich zurückwiesen . Ich fühlte , daß ich es nicht anders erwarten konnte , und da ein gewöhnlicher Bettler häufig der Gegenstand des Argwohns ist , so mußte eine wohlgekleidete Bettlerin es noch um so mehr sein . Freilich bat ich um Beschäftigung aber wessen Sache war es denn , für meine Beschäftigung zu sorgen ? Gewiss nicht die Sache der Leute , die mich zum ersten Male sahen und meinen Ruf nicht kannten . Und auch die Frau hatte Recht , die mein Halstuch nicht für ihr Brod nehmen wollte , denn das Anerbieten schien ihr verdächtig und der Tausch nicht vortheilhaft . Ich muß mich kurz fassen , denn ich bin des Gegenstandes überdrüßig . Ein wenig vor Eintritt der Dunkelheit ging ich an einem Pachthause vorbei , vor dessen offener Thür der Pachter saß und sein Abendessen verzehrte , welches in Brod und Käse bestand . Ich blieb stehen und sagte : " Wollen Sie mir ein Stück Brod geben ? Ich bin sehr hungrig . " Er sah mich erstaunt an ; aber ohne zu antworten , schnitt er ein dickes Stück von seinem Brode ab und gab es mir . Ich glaube , er hielt mich nicht für eine Bettlerin , sondern vielleicht für eine romantische Dame , die ein Gelüst nach seinem Schwarzbrod hatte . Sobald ich außer dem Bereiche des Hauses war , setzte ich mich nieder und verzehrte es . Ich konnte nicht hoffen , Aufnahme unter einem Dache zu finden und suchte Ruhe in dem vorher erwähnten Walde . Aber ich brachte eine elende Nacht zu und meine Ruhe wurde oft unterbrochen : der Boden war feucht , die Luft kalt : überdies wurde ich mehr als einmal gestört und mußte wiederholt mein Quartier verändern . Kein Gefühl der Sicherheit oder Ruhe erfreute mich . Gegen Morgen regnete es , was den ganzen folgenden