diese Rückzugsavantgarde der ehemaligen » Großen Armee « eingelassen wurde . Die Menge draußen , die bald ermüdete , verlief sich in die Nachbarstraßen . Nur Lewin blieb . Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab geschritten sein , als die große Portaltür sich von innen her öffnete und fünf von den weißmäntligen Kürassieren wieder auf die Straße traten . Die Sättel hatten sie in der Kommandantur zurückgelassen . Mit dem scharfen Auge , das die Not gibt , erkannten sie Lewin sofort wieder , traten an ihn heran und hielten ihm fragend und bittend die Quartierbillets entgegen , mit deren Inhalt sie nichts anzufangen wußten . Lewin las die Zettel , die sämtlich auf ein und dasselbe kasernenartige Haus am » Rondel « , wie damals noch der jetzige Belle-Alliance-Platz hieß , ausgestellt waren . » Suivez-moi « , sagte er und trat rechts neben den Vordersten . Sie folgten ruhig , ohne daß ein Wort gesprochen wurde . Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht hatten , wo die Statue Winterfeldts steht , hörten sie kriegerische Musik , die , wenn das Ohr nicht täuschte , vom Potsdamer Tor oder aus der Nähe desselben herkommen mußte . Lewin , solchen Klängen nicht gut widerstehend , setzte sich in ein schnelleres Marschtempo , hielt aber wieder inne , als er wahrnahm , daß es den ermüdeten Kürassieren schwer wurde , ihm zu folgen . Er wandte sich , wie um durch Freundlichkeit seinen Fehler wiedergutzumachen , an den unmittelbar neben ihm Gehenden und sagte , mit dem Finger nach der Richtung hinzeigend , von wo die Musik kam : » Entendez-vous ? « Und über die matten Züge des Angeredeten flog ein Lächeln , als er antwortete : » Ce sont des clairons français ! « Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipziger Straße gekommen und sahen vom Tore her , denn der Zug schien endlos , eine ganze französische Division im Anmarsch . Die Musik schwieg eben , wahrscheinlich um Atem zu schöpfen ; auf dem Bürgersteige aber , zu beiden Seiten der heranmarschierenden Kolonne , drängten sich dichte Volksmassen , ja waren teilweis weit voraus , um rascher nach dem Lustgarten zu kommen , wo , wie man wußte , Truppeneinzüge und andere militärische Schauspiele abzuschließen pflegten . Lewin samt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den lauten Äußerungen der dicht an ihm vorüberflutenden Menge mit Leichtigkeit entnehmen , daß es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei , was da jetzt in allem militärischen Pomp die Leipziger Straße heraufkomme . Er hörte auch , daß General Augereau , der Gouverneur von Berlin , der Division bis Schöneberg entgegengeritten sei , um sie feierlich einzuholen und den Berlinern in beherzigenswerter Weise zu zeigen , daß der Kaiser nach wie vor unerschöpfte Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe . Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen , die laut wurden ; jetzt aber schwieg alles , denn die Spitze der Kolonne , General Augereau selbst , war heran , ein großer , starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick . Er trug die Uniform eines Marschalls von Frankreich . Die demontierten Kürassiere , als sie seiner ansichtig wurden , rückten sich zurecht , und einer , der ihn schon vom italienischen Feldzug her kannte , flüsterte den andern zu : » Voilà le Duc de Castiglione ! « Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar , und erst als auch diese vorüber war , ließ sich die Front des an der Tête marschierenden Bataillons mit Deutlichkeit erkennen . Es war italienische junge Garde . Vorauf ein Tambourmajor , klein und mager , aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart , der bis an die roten Epauletten reichte . Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr , nur mit Kopf und Hals über die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend , und neben demselben ein vierzehnjähriger Hornist , ein bildschöner , und wie sich leicht erkennen ließ , von allen Weibern verhätschelter Junge , der lachend und kokett seine weißen Zähne zeigte . Er trug ein kleines silbernes Clairon in der Rechten und sah nach den Fenstern hinauf , um wahrzunehmen , ob er auch beobachtet werde . Die Musik schwieg noch immer . Aber jetzt , keine dreißig Schritt mehr von der Wilhelmsstraßenecke entfernt , hob der Tambourmajor seinen Stock , warf ihn in die Luft und fing ihn wieder . Im selben Moment gab der Mohr einen Paukenschlag , und der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und schmetterte die Signale . Dann wieder ein Paukenschlag ; das Clairon schwieg , und die aus vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmusik fiel ein . Im Geschwindschritt ging es vorüber ; Sappeurs folgten , dann Grenadiere , und unablässig liefen Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter . Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah , standen sie abgewandt . Von ihrem alten Stolze war nichts übriggeblieben als die Scham über ihr Elend . Er wollte nicht sehen , was er nicht sehen sollte , und richtete deshalb sein Auge wieder auf die Kolonne , die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte . Erst als auch dieses vorüber war , legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm Zunächststehenden und sagte : » Eh bien , hâtons-nous ! « So schritten sie , ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre , die Wilhelmsstraße bis nach dem Rondel hinunter . Als sie eine Viertelstunde später hier schieden , stellten sich die fünf Weißmäntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand an den Korb ihres Pallasch . In ihrem Auge aber lag , was ein edles Herz am meisten erschüttert : der Dank des Unglücks . Dreizehntes Kapitel Ein Billet und ein Brief Und solche Gegensätze , wie sie Lewin an jenem Vormittage , der für ihn wenigstens die Schnatermannsche Jagdpartie scheitern sah , beobachtet hatte