ganz behaglich , als ob selbst er , der es doch besser weiß , in dieser morgenfrischen Welt nicht glauben könne an Schloß und Riegel . Die andere Beleuchtung ist Abend im Spätherbst . Im Westen drüben hinter den flachen Kreide-Ufern der Insel ist die Sonne untergegangen ; noch glühen die schweren Wolken , die am Horizonte hangen , in tausend düstern Purpurlichtern . Kühler weht der Wind vom Meere her und lauter rauschen die Wellen - man hört sie deutlich , trotzdem man vom Belvedere aus über den Festungswall hinweg die Brandung nicht sehen kann . In den hohen Bäumen des Gartens fängt es jetzt auch an zu rauschen und die braunen Blätter wehen schaarenweise herab zu den anderen , durch die mein Fuß raschelt , wie ich nun nach dem Hause zurückschreite . Ich würde heute Abend , wie immer , im Schoße der Familie willkommen sein ; aber ich könnte es heute Abend nicht ertragen , daß so viele Augen freundlich in meine Augen sehen . Meine Augen haben eben noch düster , ja verzweifelt in die Abendwolken geblickt , und der alte Dämon ist in mir erwacht und hat mir zugeraunt : Noch zwei Jahre , zwei volle Jahre , und ein Sprung trägt dich dort hinab und der erste beste Kahn dort hinüber in die weite , weite Welt . Und du willst in dein Gefängniß zurückkehren , die engen vier Wände , wo dich nichts hält , als dein freier Wille . Dein freier Wille ? wie lange ist der nicht mehr frei ! Du hast ihn ja verkauft - fort , fort - vorüber an dem Hause - fort in deine Zelle , fort aus dieser modernden Nebelwelt hinter Schloß und Riegel ! Frühlingsmorgenschein und Herbstabendnebel ! aber sehr viel mehr Morgenschein als Abendnebel ! Ja , wenn ich es recht bedenke , muß ich sagen , daß der Morgenschein die Regel und der Abendnebel , Alles in Allem , doch nur die Ausnahme ist . Denn , wie ein Abschnitt unseres Lebens - ja selbst , wie der locale Hintergrund , auf den dieser Lebensabschnitt zeichnet ist - uns in der Erinnerung erscheinen soll , das hängt doch schließlich davon ab , ob es in unserer Seele während jener Zeit hell oder dunkel war , und in meiner Seele wurde es in dieser Zeit heller und heller , ganz allmälig , wie das Tageslicht zunimmt - man weiß nicht wie , aber was noch eben als dunkle , verworrene Masse vor unseren Blicken lag , steht jetzt farbengeschmückt , in schöner Ordnung vor uns da . Der Wunsch meines väterlichen Freundes ist schon längst in Erfüllung gegangen ; ich habe im Arbeitshause arbeiten gelernt . Die Arbeit ist mir eine Nothwendigkeit geworden ; ich erachte den Tag für verloren , an dessen Abend ich nicht auf ein Stück gefördertes , auf ein vollendetes Werk zurücksehen kann . Und ich habe mir das Geschick zur Arbeit angeeignet , zu jedweder Arbeit : das schnelle Verständniß dessen , um was es sich handelt , das sicher messende Auge , die leichte , bildsame Hand . In der Anstalt sind fast alle Handwerke vertreten ; ich habe mich nach und nach in fast allen versucht und es meistens in kürzester Frist weiter gebracht als alte , graubärtige Adepten . Der Director wiederholt gern , daß ich der beste Arbeiter der Anstalt bin , das macht mich immer sehr stolz und sehr demüthig ; sehr stolz , denn ein Lob aus seinem Munde ist mir die höchste Ehre , die mir auf Erden erreichbar scheint ; sehr demüthig , denn ich weiß , daß ich Alles , Alles ihm verdanke . Er hat die rohe Kraft , die sich kein Maß und Ziel wußte , die sich an der Bewältigung schwerer Steinmassen müde toben wollte , in bestimmte Bahnen gelenkt ; er hat vor Allem mich gelehrt , die Dosis gesunden Menschenverstandes , welche mir die Natur gegeben und mit der sie in der Schule nichts anzufangen wußten , als ein kostbares Gut zu betrachten , das wohl gar ein Stück Genie ersetzen könne , oder , wie er es manchmal lächelnd ausdrückt , vielleicht selbst ein Stück Genie ist . Er hat mich nicht mit Dingen gequält , von denen er bald herausgefunden , daß sie in mein Hirn nicht passen ; er hat herausgefunden , daß ich mich ewig nur in einer etwas schweren deutschen Zunge mit Klarheit und Geläufigkeit würde ausdrücken können und hat mir die Erlernung fremder Sprachen bis auf das Nothwendigste erlassen ; er weiß , daß mich eine erhabene Stelle der Psalmen auf ' s Tiefste rührt , und daß ich mich an Goethe , an Schiller und Lessing nicht satt lesen kann ; aber er muthet mir nicht zu , darüber hinauszugehen und mit ihm und Paula über das Neueste der Tagesliteratur zu disputiren . Dafür läßt er mich aus dem unerschöpflichen Quell seiner mathematischen und physikalischen Kenntnisse in vollen Zügen trinken , und seine liebste Erholung ist , wenn ich in der kleinen Werkstatt , die er schon seit vielen Jahren eingerichtet hat , nach seiner Anleitung und unter seinen Augen eine Maschine , einen Maschinenteil , die sein schöpferischer Geist ersonnen , modellire . Unter seinen Augen ! denn seine Hände sind müßig derweile , müssen müßig sein . Schon eine leichte physische Anstrengung bedeckt seine Glieder mit kaltem Schweiß und kann ernstliche Gefahr für sein Leben herbeiführen . » Ich weiß nicht , was ich ohne Sie anfangen werde « , sagt er mit schmerzlichem Lächeln aus seinem Stuhle zu mir aufblickend , » ich lebe von dem Ueberflusse Ihrer Kraft ; Ihr Arm ist mein Arm , Ihre Hand ist meine Hand , Ihr voller Athem ist mein Athem . Sie werden mich in Jahresfrist verlassen , folglich habe ich nur noch ein Jahr zu leben ; ein Mensch ohne Arm und Hand und Athem ist ja todt . « Es ist das erstemal ,