Du , mein armes Kind , gehst gänzlich leer aus . Aber , Mama , ich hörte doch immer , daß Stantow und Bärwalde dem Vater gehörten , und daß er darüber ganz frei verfügen könne ? Du irrst , mein Kind ; die beiden Güter gehören nicht dem Vater . Sie werden ihm vielleicht einst gehören , wenn sich der eigentliche Erde bis zu einer gewissen Zeit nicht meldet . Ich kann über diesen Punkt nicht ausführlich sein , liebes Kind , weil ich dabei gewisse Verhältnisse Deines Onkels Harald berühren müßte , über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht spricht . Genug , auf die Güter können wir nicht mit Bestimmtheit rechnen . Alles , was uns bleibt , sind einige tausend Thaler , die Dein Vater und ich bis jetzt von unserer Rente haben erübrigen können . Liebe Mama , mache Dir meinethalben keine Sorge , sagte Fräulein Helene ; ich bin in Hamburg nicht verwöhnt , und der Luxus , mit dem mich hier Deine Liebe umgeben hat , ist mir etwas ganz Neues . Ich werde auch mit Wenigem zufrieden und glücklich sein können - und dann , der gute Vater ist ja jetzt , Gott sei Dank , wieder so munter und rüstig , hat sich von dem Fieberanfall in Hamburg so auffallend schnell erholt , daß wir uns seiner Liebe und Fürsorge gewiß noch recht lange werden erfreuen können . Das gebe Gott ! sagte die Baronin ; aber ich fürchte , wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen . Der Vater ist keineswegs so rüstig , wie Du glaubst . Er kränkelt fortwährend , obgleich er es uns so wenig wie möglich merken läßt . Der Hamburger Arzt schilderte mir des Vaters Zustand als sehr bedenklich . Sollte er uns entrissen werden , dann würdest Du leider Gelegenheit erhalten , die Stichhaltigkeit Deiner Grundsätze zu erproben . Aber , mein Kind , Du kennst das Leben nicht . Es läßt sich leicht von Armuth sprechen , wenn man sie nur von Hörensagen kennt . Ich kenne sie aus Erfahrung ; ich war ein armes Mädchen , als mich Dein Vater heirathete ; ich weiß , was es heißt , ein Kleid wenden und wieder wenden , weil man kein Geld hat , ein neues zu kaufen ; ich weiß , welchen tausendfachen Demüthigungen ein armes Mädchen von Adel ausgesetzt ist . Es wird anders und besser kommen , als Du denkst , theuerste Mama . Ich weiß nicht , ist es meine Jugend , oder ist es der schöne leuchtende Sommertag - ich kann unsere Lage nicht in dem trüben Lichte sehen . Ich werde - Mich mit einem reichen und würdigen Mann verheirathen ? sagte die Baronin mit einem Lächeln , das ihr sehr sonderbar stand . Aber Mama - Ich weiß es wohl , daß Du etwas Anderes sagen wolltest , meine Tochter . Es ist ein Scherz von mir , aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernst wird . Du stehst in den Jahren , wo es einem jungen Mädchen wohl erlaubt ist , in Zucht und Ehren einem solchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben . Wohl ihr , wenn sie ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt , besser noch , wenn sie dieselbe ihren Eltern überläßt , die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Erfahrung eines langen Lebens in diesem Bemühen unterstützt werden . Aber Mama , bis dahin hat ' s noch lange Zeit . Sehr wahrscheinlich , mein Kind ; indessen man kann nicht wissen , was der Himmel über Dich beschlossen hat , ihm muß man in diesen , wie freilich auch in den andern Dingen des Lebens , Alles anheimstellen . - Aber wer ist nur der Mann , welcher dort so lange unbeweglich am Baume steht ; ich habe meine Lorgnette in meinem Zimmer gelassen . Es ist Herr Stein , Mama ; er steht dort schon seit einer halben Stunde mindestens ; ich glaube , er ist festgewachsen . Ein wunderlicher Mensch , dieser Stein ; sagte die Baronin . Er hat für mich geradezu etwas Unheimliches . Es ist schlechterdings unmöglich , aus ihm klug zu werden . Wie gefällt er Dir , liebe Helene ? Aber , Mama , ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht ; und bei solchen Leuten kann doch von Gefallen oder Mißfallen kaum die Rede sein . Ich dächte , sie wären sich Alle gleich oder wenigstens sind die Unterschiede so gering , daß man sie nicht wohl bemerken kann ; - der Eine heißt Stein , der andere Timm - das ist doch im Grunde Alles . Du hast Recht , liebe Tochter , sagte die Baronin . Diese Leute sind Statisten , man sieht sie nur , wenn die handelnden Personen einmal abgetreten sind . Glücklicherweise kann ich Dir in allernächster Zukunft eine andere und bessere Gesellschaft versprechen . Und die wäre ? Dein Cousin Felix . Ich erhielt so eben einen Brief von ihm - der Postbote ist noch draußen in der Küche , Du kannst ihm einen Brief mitgeben , wenn Du vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg schreiben willst - er meldet uns seinen Besuch auf morgen oder übermorgen an . Aber war das nicht Deines Vaters Stimme ? Adieu , liebes Kind ; mache Dich zurecht , wir wollen etwas früher essen und dann noch eine Visite bei Plügens machen . Die Baronin küßte ihre Tochter auf die Stirn und verließ das Zimmer . Fräulein Helene holte eilig den auf die Seite geschobenen Brief wieder hervor , um noch dazu zu schreiben : Mama , die mich soeben verläßt , ist doch wirklich sehr gut und freundlich zu mir . Sie kündigte mir einen Besuch an : Cousin Felix ( der Lieutenant ) . Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen , denn auf Herrn Stein scheint man nicht mehr rechnen zu können . Er steht noch immer