währte dem Diener das Ausbleiben seines Herrn zu lange . Er stellte Erkundigungen bis auf den Weg zum Simplon an und bis nach Martigny . Leider vergebens . Jede Spur schien nach diesen Richtungen hin verloren . Als ich dann mit einer Eile , wie sie nur irgend in der damaligen langsamen Communication möglich war , in Genf ankam , hört ' ich schon , daß seine Spur auf dem andern Uebergange nach Italien , der von Martigny über den großen St.-Bernhard führt , entdeckt worden war , aber auch das , daß sie zu dem sichern Ergebniß seines Todes geführt hatte . Mevissen befand sich auf dem Hospiz der Augustinermönche ; ich reiste ihm nach . Dein Vater , mein edler Bruder , war von einem Schneewetter überfallen , verschüttet , in einen Abgrund gesunken und elend erfroren . So oft der Gleichschritt im gewöhnlichen Dasein mir die Bequemlichkeit als eine zu unverdiente Gnade des Himmels erscheinen läßt , muß ich dieser Tage gedenken und des Anblicks , wie ich meinen theuern Bruder wiedersah ! Wiedersah ? Doch sahen Sie ihn wieder ? Allerdings ! Sie fanden ihn nicht schon bestattet ? Ich hatte den Genfersee hinter mir und fuhr an den immer mehr sich verengenden Ufern der Rhone nach Martigny , wo mir Mevissen , selbst ein Bild des Todes , entsetzt entgegenkam . Von dort nimmt man Saumrosse ; aber mein Gemüth war zu erschüttert , ich legte mir die Wanderung zu Fuß auf . Sie führte durch gesprengte Felsen , an uralten , noch aus der Römerzeit herausblickenden Mauern vorüber , durch das Geröll der Betten wilder Berggewässer , armselige Dörfer , immer höher empor zu jenem Paß , auf dem Napoleon 1800 die Fußtapfen der alten Cäsaren im ewigen Schnee wiederfinden wollte . Tief in den Schluchten , in die der Blick mit grausendem Schwindel sich verliert , weiden die Heerden der Rinder zwischen den Ausläufern der Gletscher . Hier schon befindet man sich auf einer Höhe von 7-9000 Fuß und erblickt dicht neben und über sich in den Felsenriffen die Spuren des sprengenden Frostes und der wenigen im Frühjahr schmelzenden langen Schneegehänge . Ich reiste im Juni und doch wurden die weißen Todtenfelder immer unabsehbarer , die Ausblicke öder und kahler . Die Führer erzählten von einem Fremden , der vor zwei Monaten allein und ohne Warnung anzunehmen den Paß hätte ersteigen wollen . Da hätte plötzlich niederfallender Schnee die Wege verschüttet und den Wanderer auf eine falsche Fährte geführt . Den Unglücklichen , den ich eben sehen sollte , hätte man auf einem vom Wege abgelegenen Felsenzacken gefunden , dicht an einem unermeßlichen Niedersturz ... Sie sahen den Vater ! Ich sah ihn ! Ich sah ihn in jener grauenvollen Morgue , die oft auf viele Jahre die Leichen der auf dem St.-Bernhard gefundenen Verunglückten zur Wiedererkennung durch ihre Angehörigen aufbewahrt ! Gräßliche Erinnerung ! Eine Stunde vom Hospiz entfernt liegt ein kleines Gebäude , ausgesetzt dem schärfsten Zuge der Eisesluft , die das Défilé de Marengo durchstreift . Einer der Augustiner stand schon mit dem Schlüssel an der Pforte des Todtengewölbes und begrüßte mich . Ein und derselbe Glaube , ein und derselbe Beruf , und doch wie verschiedenartig unsere Pflichten ! Ich kam aus Wien mit goldenen Ringen an den Fingern , mit zierlichen Billets in der Brieftasche , die mich zu einem Diner , dort zu einer Soirée eingeladen hatten , noch schwirrten die Opern der Italiener mir im Ohre , die im Kärntnerthor ihre Stagione hielten , und vor mir stand trotz der Kälte im leichten Chorherrenrock ein Priester von nicht viel über dreißig Jahren mit seinem Begleiter , einem ihm mit dem Kopf bis an die Hüfte reichenden Hunde , dessen gewaltige Muskeln , aufmerkende hohe Ohren , fürchterliche Lefzen und Tatzen in einem rührenden Contrast zu dem Körbchen mit Lebensmitteln und dem ledernen weingefüllten Schlauche standen , die an seinem zottigen Halse befestigt waren . In französischer Sprache begrüßte mich der Chorherr und bedauerte die Veranlassung , bei welcher zwei Priester so ihre Bekanntschaft machten . Eine nach niederwärts führende Thür schloß er auf und wir standen in einem Gewölbe , das die erhitzteste Phantasie nicht grauenvoller sich ausmalen kann . Rings an den Wänden Gerippe an Gerippe , und nicht etwa nur völlig versehrte , nicht etwa nur Reste , sondern wohlerhaltene Körper , die die Eisesluft , die durch die offenen , correspondirenden Fenster zieht , an gänzlicher Verwesung verhindert . Niemand wird hier begraben , dessen Identität nicht im Laufe der Jahre hergestellt wird . So standen dort Gestalten schon zwanzig Jahre an die Wand gelehnt ! Vor ihnen lagen auf einem Tische ihre Kleider und die sonstigen Gegenstände , die sie bei sich trugen . Der letzte in der Reihe war ... ja ! es war mein unglücklicher Bruder , dein theurer Vater ... Ich sah ihn stehen ! Vor mir ! Todt ! Von einem Sturz von der Felsenkante , wo man ihn fand , war das Haupt zerschmettert und hing , schon fast nur noch in Knochen , hernieder ! Im übrigen war es sein lieber , edler Eindruck ! Da lagen die Kleider , die ich nur zu gut kannte , da lag das Portefeuille , das ich an mich nahm , da lag noch sein Geldbeutel mit dreißig Napoleons und etwas kleiner Münze und einigen römischen , wie man sie in diesen Gegenden oft findet , ein Plan der Schweiz , ein Fernrohr , Billets zur Ueberfahrt über den Genfersee , einiges weißes Brot , eben noch wie davon abgebrochen , eine Korbflasche mit Kirschengeist , Handschuhe , Tragbänder , der Trauring deiner Mutter ... alles ... alles ... Die Träger bürdeten es sich dann mit der Leiche auf . Ich stieg mit dem Mönch zum Hospiz empor . Die Leiche blieb da so lange in der Kapelle , bis man sie auf meinen Wunsch nach der südlichen , italienischen Seite zu , über dem Orte St.-Remy beerdigte !