kam der Schulmeister herein , und ich sah , daß er ein schön eingebundenes Andachtsbucht mitnahm , als er sich wieder entfernte , um in Annas Zimmer zu gehen . Ich hingegen beschaute alle Sächelchen , welche auf dem Tische lagen , spielte mit ihrer Schere und konnte mir gar nicht ernstlich denken , daß irgendeine Gefahr für Anna sein sollte . Zweites Kapitel Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war , so er wachte ich am Morgen sehr früh , noch eh eine Seele sich regte . Ich machte das Fenster auf und sah lange auf den See hinaus , dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt waren , indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im dunklen Wasser spiegelte . Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne , welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über den erblauenden See warf . Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu verhüllen , ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle Gegenstände , und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte , daß sich rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte , wurde der Nebel plötzlich so dicht , daß ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte , und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster . Ich schloß dieses zu , trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Küche an dem traulichen hellen Feuer . Ich plauderte lange mit ihr ; sie ergoß sich in zärtlichen Klagen über Annas bedenklichen Zustand , berichtete mir , seit wann derselbe begonnen , ohne daß ich jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde , da sie sich mancher dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente . Dann begann sie mit rührender , aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück , und ich sah deutlich vor mir das dreijährige Engelchen umherspringen , in genau beschriebener Kleidung , aber freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager , auf welches das kleine Wesen dann jahrelang gelegt wurde , so daß ich nun ein schlohweißes , länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte , mit geduldigem , klugem und immer lächelndem Angesicht . Doch das kranke Reis erholte sich , der wunderbare Ausdruck der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine unbekannte Heimat , und ein rosig unbefangenes Kind blühte , als ob nichts vorgefallen wäre , der Zeit entgegen , wo ich es zuerst sah . Endlich zeigte sich der Schulmeister , welcher , da seine Tochter nun des Morgens länger im Bette bleiben mußte und länger schlief als früher , sich des frühen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach derjenigen seines kranken Kindes richtete . Nach einer guten Weile erschien auch Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück , indessen wir das gewöhnliche verzehrten . Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den Tisch , welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging , als wir drei sitzen blieben und uns unterhielten . Der Schulmeister nahm ein Buch , die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis , und las einige Seiten daraus vor , indessen Anna ihre Stickerei vornahm . Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der herkömmlichen Weise meine Urteilskraft zu prüfen , zu mildern und zu gemeinsamer Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken . Aber ich hatte durch den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren , mein Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet , und selbst die rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen , die ich mit Römer anstellte , gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich . Außerdem fühlte ich , daß ich nun die größte Rücksicht auf Anna nehmen mußte , und als ich bemerkte , daß sie sogar froh schien , mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke preisgegeben zu sehen , hütete ich mich wohl , einen Widerspruch zu äußern , gab denjenigen Stellen , welche eine innere Wahrheit enthielten oder tief , schön und kraftvoll ausgedrückt waren , meinen aufrichtigen Beifall oder überließ mich einer reizenden Langweile , die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen beschauend . Sie hatte sich wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein , so daß kein großer Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich war . Der angenehme Aufenthalt in ihrem Hause diente daher nur dazu , meinen Leichtsinn und meine Sorglosigkeit zu bestärken und eine Bewegungslust in mir anzufachen , die mich hinaustrieb . Außerdem mußte ich ja am Tage meine Verwandten im Dorfe besuchen , wenn ich den kasuistischen Ausweg , Judith zu hintergehen , anwenden wollte . Als ich daher in den dichten Nebel hinausging , war ich , noch mehr aufgeweckt durch den frischen Herbstgeruch , sehr guter Dinge und mußte lachen über meine seltsame List , zumal das verborgene Wandeln in der weiß verhüllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch vollständig ähnlich machte . Ich ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe ; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen den rechten Weg und sah mich bald in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden versetzt , welche bald zu einem entlegenen Hause , bald wieder gänzlich zum Dorfe hinausführten . Ich konnte nicht vier Schritte vor mir sehen , Leute hörte ich immer , ohne sie zu erblicken , aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen Wegen . Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloß mich , hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen , um endlich wieder auf die Hauptstraße zu kommen . Ich sah mich in einen prächtigen großen Baumgarten versetzt , dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen . Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich , die nächsten standen schon halb verschleiert im