würde sich verändert haben und sein Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln , der ihm gerade dem Staatsschatze am nächsten sitzend erscheint ... Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg ! sagte der Heidekrüger etwas spitz . Und darum , fuhr Dankmar ungehindert fort , daß solche Zumuthungen , solche Misbräuche nur bei der gegenwärtigen Form der Regierung , ihren militairischen Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dünkel der isolirten Nationalität möglich sind , darum soll das Bessere , Vernunftgemäßere gefährlich und verderblich sein ? Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefährlich . Können sich Throne auf die Länge behaupten , die auf den Egoismus einzelner träger Classen gebaut sind ? Wird man nicht endlich einsehen , daß , wie die Schrift sagt , die Lüge der Leute Verderben ist und jedes Königshaus entweder der Republik oder einer radicalen monarchischen Verjüngung weichen muß , wenn es , wie einst die Stuarts , selbst eine Partei im Staate vertritt ? Republik ? sagte der Heidekrüger lächelnd . Bitte ! Bitte ! Nicht Republik ! Und den Kopf schüttelnd , ergriff er wieder die Zeitungen und blätterte in ihnen ; denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete ... Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz , um auf sein Zimmer zu steigen ... Lasally , Reichmeyer und einige der Frauen , die ihm begegneten , Alle verfolgten ihn neugierig und fast zuthunlich . Aber er war in einer Stimmung so völligen sich Vereinsamtfühlens , daß er am liebsten zu Melanie gegangen wäre , an ihre Thür gepocht und sich ihr mit ganzer Seele anvertraut hätte . Wo ist auch noch ein Trost für unbefriedigte Gemüther , wenn sie die Söhne unserer Zeit sind , als allein in der Liebe ? Wo ist die Bürgschaft noch , daß in den Schrecken der Empörungen und Kriege , in den schaudervollen Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich erhält , als in der Liebe ? Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen , wo rinnen noch Thränen der Freude , wo weht noch der Hauch des stillen Einverständnisses , wo ist noch Liebe , als in der Liebe ! Dankmar lehnte jede Einladung ab . Er warf sich auf das Lager in seinem kleinen Zimmer ... Es mochte gegen zehn Uhr sein . Er hätte schlafen sollen ; denn die Erschöpfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt . Schon vor Übermüdung konnt ' er nicht schlafen . Er hatte die Fenster geschlossen ... er riß sie wieder auf . Die runde volle Mondscheibe konnte am bewölkten Himmel nicht überall hervortreten , noch drückte Gewitterschwüle die Luft , so feucht schon die Erde war , so frisch es schon herüberduftete von den durchnäßten Tannen des Waldes ... Es war nicht ruhig im Heidekrug . Er hörte die Säbel der Gendarmen . Er hörte laut lachen und ein Hin - und Wiederhuschen auf dem Corridor . Die Thüre ließ er unverschlossen . Mußt ' er nicht annehmen , daß ihm Melanie plötzlich wie im Traum erscheinen wollte ? Was hatte sie vor ? Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus einem Raume , der bewacht und verschlossen war ? Wird sie den Intendanten überreden ? Seiner Eitelkeit schmeicheln ? Ihm unmögliche Versprechungen machen ? Sogar die Eifersucht ergriff ihn , so lächerlich der Gegenstand war . Unter ihm , im Wirthszimmer , glaubte er jetzt die Diener des Intendanten , die Gendarmen , die Jockeys Lasally ' s zu hören . Er warf sich nieder auf das Bett , dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte . Er blieb angekleidet , wie er war ... Nach einer Weile ließ sich doch der Schlaf nicht mehr zurückweisen . Er verfiel in einen halb wachen , halb träumenden Zustand , der ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte ... Dann fuhr er wieder empor . Er mußte eine halbe Stunde so gelegen haben . Das Zimmer war hell . Die Wolken hatten sich etwas verzogen und ließen dem Monde Raum , sein goldgelbes , fast zehrendes Licht auszugießen . War es die Erinnerung an Hackert , an dessen nächtlichen Gang auch am Schlosse , den Egon beobachtet und ihm erzählt hatte , war es die Erinnerung an Hackert ' s gespenstisches Hinschreiten über die Wiese zum Ebereschenbaum , von dem der Jäger gesprochen , seine eigene Begegnung mit ihm am Thurm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin , wo des Sägemüllers Nantchen verunglückt war ; waren es alle diese Erinnerungen an das fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern ... oder war es seine eigene nervösen Reizung ... es kam ihm vor , als fühlte er recht die ziehende , magische Gewalt der Mondstrahlen , das Verzehrtwerden von diesem trockenen , ausgebrannten Himmelskörper , der so geheimnißvoll auf die Erde wirkt , fühlte er recht das Schwinden in das geisterhafte Licht hin ... Er legte sich und glaubte zu schlafen , schlief und wachte ... War es Traum ? War es wirkliche Erscheinung ? ... Er sah die Thür sich leise öffnen ... er hörte sie knarren ... Tritte schleichen ... Ach , kam ihm der Gedanke , Das ist Melanie ! Er blinzelte einmal auf , lächelte und schloß die Augen wieder ... bleischwer lag eine räthselhafte Gewalt auf seinen Sinnen ... er mochte sich erheben und konnte nicht ... er mochte reden und der Mund war wie krampfhaft geschlossen ... Wie Musik floß es um ihn her ... Er fühlte jene Schwingungen der Seele , die uns oft sind , wie die Vorahnungen der Seligkeit ... wie der Tod uns nahen mag ... So zerfließen ... so hinübergehen ... so sterben ! Er täuschte sich aber nicht . Es war ein nächtlicher Besuch , den er zu begrüßen , anzureden keine Kraft hatte ... Nicht aber Melanie war es