daß ich falsch bin ? - Es gibt böse Fehler , die an uns hervorbrechen wie das Fieber ; es hat seinen Verlauf , und wir empfinden in der Genesung , daß wir schmerzlich krank waren ; aber Falschheit ist ein Gift , das sich in des Herzens Mitte erzeugt , könnte ich Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen , was sollte ich anfangen ? In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen , aber hier im Buch , da lasse ich Dir die Hand in meine Wunde legen , und es tut weh , daß Du an mir zweifeln kannst ; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen , aus der Zeit , eh ich Dich gesehen hatte . Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich ; wie lange kenne ich Dich schon , wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen , und wie wunderbar war ' s , wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an die lang gehegte Erwartung anschloß . * * * In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen , ich glattes , braunes , feingegliedertes Rehchen , zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden , aber unbändig in eigentümlichen Neigungen . Wer konnte mich vom glühenden Fels losreißen in der Mittagssonne ? - Wer hätte mich gehemmt , die steilsten Höhen zu erklettern und die Gipfel der Bäume ? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen gestört auf nebelerfülltem Pfad ! - Sie ließen mich gewähren , die Parzen , Musen und Grazien , die da alle eingeklemmt waren im engen Tal , das vom Geklapper der Mühlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief , vom Goldsandfluß durchschnitten , dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte , die nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten , diesseits aber durch die Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel , die zu den Mühlen gehörten . Da waren die Sommernächte mit Gesang der einsamen Wächter und Nachtigallen durchtönt , und der Morgen mit Geschrei der Gänse und Esel begonnen ; da machte die Nüchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der Nacht . Manche Nächte hab ich da im Freien zugebracht , ich kleines Ding von acht Jahren ; meinst Du , das war nichts ? - Mein Heldentum war ' s , denn ich war kühn und wußte nichts davon . Die ganze Gegend , soweit ich sie ermessen konnte , war mein Bett ; ob ich am Ufersrand von Wellen umspült , oder auf steilem Fels vom fallenden Tau durchnäßt schlief , das war mir einerlei . Aber Freund ! Wenn die Dämmerung wich , der Morgen seinen Purpur über mir ausbreitete und mich , nachdem ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte , unter tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte , was meinst Du , wie ich mich fühlte ? - Nichts geringer als göttlicher Natur fühlt ich mich , und ich sah herab auf die ganze Menschheit . Solcher Nächte zwei erinnere ich mich , die schwül waren , wo ich aus den beklommenen Schlafsälen zwischen den Reihen von Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte , und mich die Gewitter überraschten , und die breite blühende Linde mich unter Dach nahm ; die Blitze feuerten durch ihre tiefhängenden Zweige ; dies urplötzliche Erleuchten des fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer , ich fürchtete mich und umklammerte den Baum , der kein Herz hatte , was dem meinen entgegenschlug . O lieber Freund ! - Hätte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefühlt unter dieses Baumes Rinde , dann hätte ich mich nicht gefürchtet ; dies kleine Bewegen , dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden umwandeln ; denn wahrlich ! - fühlt ich Dein Herz an meinem schlagen und führtest Du mich in den Tod , ich eilte triumphierend mit Dir ! Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum , da fürchtete ich mich , mein Herz schlug heftig , das schöne Lied : » Wie ist Natur so hold und gut , die mich am Busen hält « , das konnte ich damals noch nicht singen , ich empfand mich allein mitten im Gebraus der Stürme , doch war mir so wohl , mein Herz ward feurig . - Da läuteten die Sturmglocken des Klosterturms , die Parzen und Musen eilten im Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewölbte Chor , ich sah unter meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gänge schwirren ; bald tönte ihr ora pro nobis herüber im Wind , so oft es blitzte , zogen sie die geweihte Glocke an , so weit ihr Schall trug , so weit schlug das Gewitter nicht ein . Ich allein jenseits der Klausur , unter dem Baum in der schreckenvollen Nacht ! Und jene alle , die Pflegerinnen meiner Kindheit , wie eine verzagte verschüchterte Herde , zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewölb ihres Tempels , Litaneien singend um Abwendung der Gefahr . Das kam mir so lustig vor unter meinem Laubdach , in dem der Wind raste und der Donner wie ein brüllender Löwe die Litanei samt dem Geläut verschlang ; an diesem Ort hätte keins von jenen mit mir ausgehalten , das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle , gegen die Angst , ich fühlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur . Der herabströmende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel , was sollte er mir schaden , ich hätte mich schämen müssen , vor dem Vertrauen der kleinen Vögel hätt ich mich gefürchtet . * * * So hab ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab zum Scherz manche Prüfung bestanden , Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig ; die heiße Sonne scheute ich nicht