vorahnenden Herzen auf einmal als eines jener Opfer , welche der langsam heranschleichende Tod erst mit überirdischer Schönheit schmückt , ehe er sie früh und auf immer erbleichen läßt . Von ungeheurer Angst getrieben , ergriff er nun die erste einsame Stunde mit ihr , um sie um Schonung für sich selbst anzuflehen . Es war die erste Bitte , die er seit seiner Rückkehr aus Italien an sie wagte ; wenn sie sie ihm gewährte , sollte es auch die letzte seyn , dieß gelobte er auf das Heiligste . Gabriele konnte sie ihm weder versagen noch gewähren , und Hippolit sah sich dadurch gezwungen , sie von nun an gleich einem theuern Kleinod argwöhnisch zu bewachen . Er beschloß , so viel Zeit als möglich in ihrem Hause zuzubringen , entstehe daraus was da wolle , um nur gleich zur Stelle zu seyn , wenn der Kranke so gefahrvollen Beistand verlange . Denn eigensinnig wie immer erklärte dieser , ihn nur von seiner Gemahlin oder Hippoliten annehmen zu wollen . Die Welt , eigentlicher was man in großen Städten die Welt zu nennen pflegt , begann freilich hier und da des glänzenden Fremdlings stete Anwesenheit im Aarheimischen Hause zum Ziel ihrer Bemerkungen zu machen ; doch in der Abgeschiedenheit , in welcher Gabriele jetzt lebte , vernahm diese wenig davon . Weniger noch Hippolit . Denn sowohl sein Aeußeres , als die Erinnerung an sein Betragen gegen Adelberten waren ganz dazu geeignet , jedermann den Muth zu einem unziemenden Scherze gegen ihn zu benehmen . Und so war Hippolit jetzt glücklicher als er es je zu werden gehofft hatte ; er war es in der Ueberzeugung , daß es ihm wirklich gelänge , zur Erhaltung und Erleichterung des geliebten Wesens beizutragen , für das er mit Freuden sein Leben hingegeben hätte . Ein freundlicher Stern schien dabei sein Bemühen zu begünstigen , denn Moritz ward bald darauf scheinbar besser , wie das bei Kranken seiner Art zuweilen wohl auf kurze Zeit geschieht , und er ermangelte nicht , dieß einzig der treuen Pflege seines jungen Freundes zuzuschreiben . Seine beängstenden Anfälle verließen ihn einstweilen fast gänzlich , dafür aber stellte sich seine alte Feindin , die Langeweile , wieder ein , und er machte jetzt weit stärkere Ansprüche als je zuvor auf Hippolits und Gabrielens Gesellschaft in den Abendstunden . Um der Unterhaltung eine leidliche Wendung zu geben , trug Hippolit allmählig alle seine in Italien gesammelten Kunstschätze herbei . Gemälde , Zeichnungen , Kupferstiche , kleine Antiken gaben Moritzens Zimmer gar bald das Ansehen eines Museums . Wunderbarer Weise bildete dieser sich mit einemmale ein , ein großer Kunstkenner geworden zu seyn ; da indessen seine Redseligkeit durch sein Uebel sehr gehemmt ward , so war er weit weniger störend als sonst , und blieb gewöhnlich nur ein größtentheils stummer Zuhörer von dem , was Hippolit und Gabriele mit einander sprachen . Er behauptete indessen sehr ernstlich , diese Unterhaltungen , besonders Hippolits Erzählungen ungemein ergötzlich zu finden , spielte aber dabei doch mit sich ganz allein eine Schachparthie nach der andern , wie Philadelphia sie in seinem Schachbuche vorschreibt , sammt allen Abänderungen jedes einzelnen Spieles . Triumfirend rief er sein » Matt ! « aus , wenn die Weißen gewannen , die er nach seines Meisters Beispiel , der die Schwarzen gewöhnlich schlecht spielen läßt , in besondern Schutz genommen hatte . Dabei glaubte er steif und fest , sich den ganzen Abend über einzig mit der Kunst beschäftigt zu haben . Hippolits und Gabrielens Unterhaltung gewann durch dieses sonderbare Beisammenseyn einen ganz eignen Reiz , eine fast größere Freiheit , als wären sie ganz ohne Zeugen gewesen . Moritz vertiefte sich immer mehr in sein Studium des Schachspiels und mischte sich immer weniger in ihr Gespräch . Die Kunstwerke um sie her , und Hippolits in Italien , unter Ernestos Leitung sehr ausführlich geschriebnes Tagebuch gaben ihnen stets neuen unendlichen Stoff . Gabriele ward in mancher Hinsicht jetzt wirklich die Schülerin ihres Freundes , anstatt daß er sonst in Schloß Aarheim von ihr lernte . Lächelnd erwähnte sie einst gegen ihn dieser seltnen Umwandlung . » Bin ich nicht alles durch Sie ? « erwiderte er ihr . » Sie allein erweckten mich ja zu diesem neuen erhöhten Leben . Sie öffneten mir ja zuerst das Reich der Kunst und führten mich zur beseligenden Erkenntniß der ewigen Schönheit . O Gabriele , wüßten Sie , mit welchem Wonnegefühl ich mir täglich zurückrufe , was ich Ihnen alles verdanke ! Möge nur ein günstiges Geschick mir erlauben , Ihnen stets zur Seite zu stehen wie jetzt , um mit jedem Athemzuge Ihnen zu beweisen , daß ich nur für Sie lebe , für Sie , die mich allein dem Sonnenlichte und der Hoffnung erhielt . « Ein Monat nach dem andern verging auf diese Weise , und Hippolit fühlte mit immer tiefrer Ueberzeugung , daß weder Zeit noch Veränderung des Ortes seinem Gemüth in Hinsicht auf Gabrielen eine andre Richtung gegeben habe , noch geben könne . Sie nur thronte , gleich einem Götterbilde , in seinem Herzen , und die Einsamkeit war noch oft Zeuge seines Schmerzes . Unendliches Mitleid mit ihr , mit sich und auch mit Ottokar hielt manche bange lange Nacht hindurch den Schlummer fern von seinem Lager . Doch er hatte gelobt , sich zu beherrschen , und er führte es mit bewundernswerther Standhaftigkeit aus . Er kam und ging , und kein Wort , kein Blick durfte sein Geheimniß verrathen . Er dachte wohl daran , daß Gabriele auf diese Weise setne frühere Liebe zu ihr als erloschen , und in ruhige Freundschaft umgewandelt betrachten würde , aber er war bereit , auch dieses zu tragen , um nur den innern Himmelsfrieden der hochgeliebten Frau nie wieder zu trüben . Aechte Liebe und Bescheidenheit gehen stets Hand in Hand . Deshalb kam in Hippolits Seele keine Ahnung von dem , was in qualvoller Seligkeit ihn vielleicht zum Wahnsinn getrieben