! Aber leben , leben ohne dich - rief sie , indem sie mich heftig umschlang - das ist weit schwerer , es ist unaufhörlicher Tod ! Ich fühlte die Wahrheit dieser Klage , und dieser Ausdruck der Liebe und des Schmerzens überwältigte mich , ich hielt meine Thränen nicht zurück . Sie sah sie fließen . Jetzt umfaßte sie mich noch inniger , und bei dem herben Schmerz der Trennung , bei dem Bewußtseyn , wie elend wir Beide ohne einander seyn würden , beschwor sie mich , ihr eine Bitte zu gewähren , die sie schon lange im Herzen trüge , die allein es ihr möglich gemacht habe , ihr Leid zu ertragen . Ich versprach es ihr unbedingt ; denn was konnte dies reine Gemüth wohl verlangen , was nicht mit der Tugend übereinstimmte ? Schüchtern und behutsam , in leisen aber kühnen Muthmaßungen über die Möglichkeit des Zusammenhangs im Geisterreiche über den Zustand nach dem Tode , über die Macht der Sympathie , entwickelte sie zu meinem Erstaunen ein schönes seltsames System , das aus christlichen und platonischen Ideen zusammengesetzt , mich durch seine Consequenz überraschte , und in mir zugleich die süßesten Hoffnungen erregte , deren Wahrscheinlichkeit ich nichts entgegen zu setzen wußte , als den Mangel an solchen Erfahrungen . Nun drang sie mit heißer Liebe in mich , ich sollte ihr versprechen , wenn es möglich wäre , ihr sichtbar zu erscheinen , oder falls dies außer den Grenzen meiner Macht wäre , sie doch nie zu verlassen , und um sie und unsre Kinder zu schweben , damit sie den süßen Trost genieße , meine Gegenwart zu ahnen , und vielleicht in jenen leisen Einwirkungen , wie aufmerksame Fromme sie wohl kennen , gewahr zu werden . Ihre Schwärmerei riß mich hin , es war mir in diesem Augenblicke mehr als möglich , es war mir beinahe gewiß , daß wir uns einander so nahe bleiben könnten - und - noch ist der hohe Zauber dieser Hoffnungen nicht entkräftet , und weder Philosophie noch Religion erheben sich siegreich gegen sie . So laß sie mich halten und pflegen . Morgen um diese Zeit ist Alles klar . Ich hatte meinem Weibe den heiligen Schwur gethan ; aber ich sollte auch das Abendmahl mit ihr zugleich zur Besieglung dieses Bundes empfangen . Dies , hoffte sie , würde mein Versprechen unwiderruflich , und für die Geisterwelt bindend machen . Ich versprach ihr auch dies - o was hätte ich diesem so liebenden , durch mich so tief verwundeten Herzen versagen können ! Nun ganz zufrieden , ganz gefaßt ließ sie unsre Kinder bringen . Sie legte mir das jüngste , das ich noch nicht gesehen hatte , in die Arme , ich sollte es segnen . Welch ' ein Augenblick für das Vaterherz ! Dies Kind , das in der Geburt schon verwaiset war , jener hoffnungsvolle Knabe , dessen Erziehung der süßeste Wunsch meines Herzens gewesen war , dieses Weib , an deren Seite zu leben , seit meiner Kindheit mir die höchste Stufe irdischer Seligkeit geschienen hatte - und nun Alles - Alles das verlassen und aufgeben zu müssen ! Es erhob sich ein Sturm in meiner Seele ; aber Ein Blick auf mein Weib , das still und ergeben das Kind am Mutterbusen hielt , auf dies Gesicht , im das ich den Frieden zurückgeführt hatte , gab mir Kraft , ihn nicht wieder zu zerstören . Jetzt trat Apelles ein , er reichte uns das Abendmahl . Vielleicht war es seit seiner Einsetzung nicht mit mehr Wehmuth und Rührung empfangen worden ! Auch hier schied der Liebende von Geliebten in Erwartung eines nahen gewissen Todes . Als ich aufstand , fiel mein Blick auf die Wasseruhr . Die letzte glückliche Stunde auf Erden war vorüber . Der Offizier trat ein , und jetzt war meine und Theophaniens Standhaftigkeit dahin . Mit einer krampfhaften Heftigkeit umschlangen wir uns und wünschten und dachten Eins an des Andern Brust zu vergehen . Ich drückte die Kinder an mein Herz , es schien mir unmöglich , mich loszureißen , das Verhängniß gebot - der Centurio kam zum zweiten Mal - Theophania sank mit einem lauten Schrei in Ohnmacht , ich legte sie in die Arme ihrer herbei geeilten Sclavinnen , und floh . Im Atrium fand ich mich wieder schluchzend an eine Säule gelehnt , als eine bekannte Stimme mich beim Namen rief . Es war die Königin , auf dem ernsten Wege zum Tode erschien sie mir noch ein Mal . Sie winkte den Zeugen , sich zu entfernen , sie trat auf mich zu , schlug ihre Arme um mich , und gestand mir , daß sie mich von dem ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an geliebt , daß sie mich jedem andern Manne vorgezogen habe , und daß ich ihr noch jetzt über Alles in der Welt theuer sey . Welcher Moment , zu welchem Geständniß ! So war ich bestimmt , zwei der edelsten Herzen zu brechen ! Und warum sagte sie mir das ? Warum goß sie diesen bittern Tropfen noch in die Schale , die ohnedies so voll war ? Das hätte Theophania nicht vermocht . Sie hätte ihr Geheimniß mit in ' s Grab genommen , wenn seine Enthüllung dem Freunde so schmerzlich seyn mußte . Aber ich habe ihr verziehen , ich ehre ihre Vorzüge , und danke ihr die Liebe und Sorge für mein theures unglückliches Weib , gleichviel aus welcher Quelle sie fließen mag . Und so ist mein Tagwerk vollendet . Mit Scheu , aber dennoch mit Zuversicht nahe ich mich dem Throne des allsehenden Richters . Unendlich ist unsre Schwäche , aber auch seine Güte ist unendlich , und wenn auf der richtenden Wage die schimmerndsten Tugenden in nichtigen Staub zerflattern , und so mancher geheime Gedanke in schrecklicher Blöße vor uns stehen , und wider mich zeugen wird - dann flüchtet der zagende Sohn des Staubes zu dem erbarmenden Vaterherzen ;