Kind meines Geistes — Deine Erziehung ist mein Werk , Deine Ehre ist meine Ehre . So komm denn — ich habe darüber nachgedacht und glaube einen Versuch gefunden zu haben , der Deine Hypothese begründen kann . “ „ Onkel , “ rief Ernestine glühend , „ das wäre ? “ „ Komm nur , komm ins Laboratorium , wir wollen gleich einmal sehen , was zu machen ist . “ „ Onkel , “ sagte Ernestine in überströmender Dankbarkeit : „ Du gibst mir neues Leben . — Verzeih mir , daß ich Dich einen Augenblick verkannte , daß ich Dir Unrecht tat ! “ „ Laß es nur gut sein , mein liebes Kind . Wir bleiben dennoch Freunde . Ich kann mir ’ s denken , sie haben Dich gegen mich aufgehetzt und Du hast ihnen geglaubt . Mein Himmel , wer hat denn nicht einmal eine schwache Stunde ? ! “ „ Ja , ja — ach , Oheim , es war eine schwache Stunde ! “ und sie schlug in tiefer Beschämung die Hände vor das Gesicht . „ Ich errate ! “ sagte Leuthold ruhig mit seiner noch immer melodischen , einschmeichelnden Stimme . „ Man hat Dir das Herz schwer gemacht , man hat Dir von Liebe gesprochen , hat Dich zur Frau begehrt . Nicht wahr ? “ Ernestine schwieg . „ Man hat aber einen weiblichen Simson in Dir erkannt und wollte Dir die Locken beschneiden , um alsdann rufen zu können : Philister über Dir ! “ 94 Ernestine fiel ihm ins Wort : „ Oheim , schweig , sprich nicht in diesem Tone von einem Menschen , der mir heilig ist ! “ „ Gott verhüte , daß ich Dich verletze . Ich spreche ja gar nicht von ihm , nur von seiner Sippe , von seiner Frau Mama , die ihn noch immer am Schürzenband führt . “ Er streifte sie mit einem raschen Blick . „ O , auch die Mutter nenne nicht mehr vor mir , ich hasse sie ! “ rief Ernestine heftig und stieg mit ihm die Treppe zum Laboratorium hinauf . Nun wußte Leuthold genug . „ Ich begreife , daß diese Leute ihren Einfluß wider mich geltend machten , denn wer Dich gewinnen will , der muß zuerst mich aus dem Wege räumen . Das wissen sie recht gut , und es ist menschlich , daß sie es versuchten . Du aber hast Dir sehr bald gesagt mit Deinem gesunden Urteil , daß Jene etwas von Dir wollen und zwar nicht das Geringste : Dich selbst , daß also ihrer Handlungsweise ein , wenn auch unbewußter Egoismus zu Grunde liegt , daß ich aber , so lange Du mich kennst , uneigennützig an Dir gehandelt habe ! — Sie drückten Dich in Deiner Selbstschätzung herab , damit Du Dich um so billigeren Kaufs an sie losschlügest , — ich sehe ja an Deiner kleinlauten Stimmung , wie sie Dich entmutigt haben ! Ich gebe Dir Deine Zuversicht wieder und Du erkennst an dieser geringen Wohltat , daß ich nichts von Dir will , als daß Du Dir selbst treu bleibst . Das beschämt Dich — mir aber ist es die schönste Genugtuung ! Und so bleibt es mit uns beim Alten ! Nicht wahr ? “ „ Ja , Oheim , “ sagte Ernestine sich aufraffend . „ Und nun komm , wir wollen die Versuche machen , von denen Du sprachst . “ „ Leutholds helle Augen blitzten im Triumphe auf , als er diese Worte hörte und er trat mit ihr in das Gemach , welches die kostbaren Utensilien ihrer Wissenschaft enthielt . Aber wie sie sich auch mühte , — es wollte nicht gehen mit der Arbeit . Ihre Hände zitterten , es flimmerte ihr vor den Augen . Ihr Interesse für die Sache erschlaffte , andere Gedanken schoben sich dazwischen . — Mit übermenschlicher Kraft nahm sie sich zusammen und , auf ihren Wangen brannten rote Flecken , die jeder Arzt mit Schrecken sieht . Leuthold bemerkte sie nicht . Er war so vertieft in die Arbeit , daß er wie aus einem Traume auffuhr , als sie plötzlich ohnmächtig neben ihm zusammenfiel . Sechstes Kapitel . Die Schwäche der Starken . Es war still und öde in der Bergstraße , als Johannes von Hochstetten zurückkam . Ihre Bewohner hielten Mittagsruhe und flohen die sengenden Strahlen , die von den weißen Häusern vertausendfacht zurückgeworfen wurden . Johannes saß regungslos , die Hände über die Augen gelegt , im Wagen . Er sah nicht auf , als er Hunde um die Räder bellen hörte — er hörte es wohl auch nicht . Die Außenwelt war tot für ihn . „ Hâlt-lá ! “ rief eine Stimme aus einer vor seiner Tür haltenden Equipage ihm entgegen : „ Parbleu , il dort . “ 95 Nun hob Johannes den Kopf , — die Worronska erwartete ihn . Sein Wagen hielt . Er stieg aus und die Worranska winkte ihn zu sich hin . Sie saß heute ganz gegen ihre Gewohnheit nicht auf dem Bocke und lenkte ihre Pferde nicht selbst . „ Gut , daß Sie kommen . Ich wollte Sie aufsuchen , Professor Möllner , da mein Brief an Sie unbeantworet blieb , und war eben im Begriff wieder wegzufahren . “ Johannes geriet in Verlegenheit . Er hatte die erwähnten Zeilen erhalten aber nicht erbrochen . „ Bitte , reichen Sie mir Ihren Arm , haben Sie eine Minute Zeit für mich ? “ „ Ich stehe zu Diensten , “ sagte Johannes finster und half ihr aus dem Wagen . „ Gestatten Sie mir eine kurze Unterredung in Ihrem Hause , oder bin ich unwürdig , diesen Tempel der Wissenschaft zu betreten ? “ Johannes , öffnete ihr die Tür : „ Mein einfaches Haus ist schlecht gerüstet für den Empfang so vornehmer Gäste . Ich kann kaum hoffen , daß es Ihnen darin gefallen werde