demselben bemerkte ich einen Mann , der zwei Kühe trieb . Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren nahe . Ich mußte weiter streben : streben zu leben , und mich anstrengen wie die Uebrigen . Um zwei Uhr Nachmittags trat ich in das Dorf . Am Ende der einzigen Straße war ein kleiner Laden , vor dessen Fenster Brod lag . Wie gern hätte ich ein Brod gehabt ! Vermöge dieser Erfrischung hätte ich vielleicht einige Kraft wieder erlangen können ; ohne dieselbe war es schwer , weiter zu kommen . Der Wunsch , meine Kräfte zu stärken , gab mir Muth , sobald ich mich wieder unter Mitgeschöpfen sah . Ich hielt es für entehrend , auf der Straße eines Dorfes vor Hunger ohnmächtig zu werden . Hatte ich denn nichts bei mir , was ich für eins dieser Brode anbieten konnte ? Ich dachte nach . Ich hatte ein kleines seidenes Tuch um den Hals gebunden , ich hatte meine Handschuhe . Ich wußte nicht , wie man in der äußersten Noth zu handeln pflegt ; ich wußte nicht , ob man einen dieser Gegenstände annehmen würde : wahrscheinlich that man es nicht ; aber ich mußte es versuchen . Ich tat in den Laden , worin sich eine Frau befand . Als sie eine anständig gekleidete Person , eine vornehme Dame , wie sie vermuthete , eintreten sah , kam sie mir höflich entgegen und fragte , womit sie mir dienen könne ? Ich wurde von Schaam ergriffen : meine Zunge wollte die Bitte nicht aussprechen , auf die ich mich vorbereitet hatte . Ich wagte nicht , ihr die halb abgetragenen Handschuhe , das verblichene Tuch anzubieten : überdies fühlte ich , daß es lächerlich sei . Ich bat nur um die Erlaubniß , mich einen Augenblick niedersetzen zu dürfen , da ich ermüdet sei . In der Erwartung getäuscht , daß ich etwas kaufen wollte , bewilligte sie es mir kalt . Sie deutete auf einen Stuhl und ich sank auf demselben nieder . Ich fühlte mich sehr geneigt zu weinen ; da ich aber einsah , wie unpassend dies sein würde , so that ich mir Gewalt an . Bald darauf fragte ich sie , ob keine Kleidermacherinnen oder Näherinnen im Dorfe wären ? " Ja , zwei oder drei . Gerade so viel , als hier Beschäftigung haben . " Ich dachte nach . Ich war auf ’ s Aeußerste getrieben und sah die Nothwendigkeit vor mir . Ich war in der Lage einer Person ohne Hülfsmittel , ohne Freunde , ohne Geld . Ich mußte etwas thun . Aber was ? Ich mußte mich an Jemand wenden . Aber an wen ? " Wissen Sie einen Ort in der Nähe , wo man einer Magd bedarf ? " " Nein , das könnte ich nicht sagen . " " Welches ist das vorzüglichste Geschäft an diesem Orte ? Womit beschäftigen sich die meisten Leute ? " " Einige sind Ackersleute und eine Anzahl arbeitet in Herrn Oliver ' s Nadelfabrik und in der Gießerei . " " Beschäftigt Herr Oliver auch Frauenzimmer ? " " Nein , das ist Arbeit für Männer . " " Und was thun denn die Frauenzimmer ? " " Ich weiß nicht , " war die Antwort , " Einige thun dies , Andere jenes . Arme Leute müssen sich durchbringen , wie sie können . " Sie schien meiner Fragen müde zu sein : und welches Recht hatte ich auch , sie zu belästigen ? Einige Nachbarinnen kamen herein ; man bedurfte meines Stuhles und ich nahm Abschied . Ich ging die Straße hinauf und sah unterwegs nach allen Häusern zur Rechten und zur Linken , aber ich konnte keinen Vorwand finden , in eins derselben zu treten . Ich ging um das ganze Dörfchen , entfernte mich ein wenig von demselben und kehrte in einer Stunde oder länger zurück . Sehr erschöpft und von dem Mangel an Nahrung heftig leidend , betrat ich einen einsamen Weg und setzte mich unter der Hecke nieder . Nach einigen Minuten war ich wieder auf den Füßen und suchte etwas — eine Hülfsquelle oder wenigstens eine Auskunft . Ein hübsches kleines Haus stand am Ende des Weges , und vor demselben war ein außerordentlich zierlicher und blühender Garten . Ich blieb vor den selben stehen . Welches Geschäft hatte ich , mich der weißen Thür zu nahen , oder den glänzenden Klopfer zu berühren ? Wie konnte es in dem Interesse der Bewohner jenes Hauses legen , mir zu dienen ? Doch ich näherte mich und klopfte an . Ein sanft aussehendes , reinlich gekleidetes junges Frauenzimmer öffnete die Thür . Mit einer Stimme , wie man sie von einem hoffnungslosen Herzen und einen ermatteten Körper erwarten konnte — mit sehr leiser und bebender Stimme — fragte ich , ob man hier einer Dienerin bedürfe ? " Nein , " sagte sie ; " wir halten keine Dienerin . " " Können Sie mir vielleicht sagen , wo ich Beschäftigung irgend einer Art erhalten könnte ? " fuhr ich fort . " Ich bin fremd und ohne Bekanntschaft an diesem Orte . Ich wünsche Arbeit : es ist gleich von welcher Art sie ist . " Aber es war nicht ihre Sache für mich zu denken und mir eine Stelle zu suchen : wie verdächtig mußte überdies mein Ruf , meine Lage und meine Erzählung erscheinen . Sie schüttelte den Kopf : es thue ihr leid , mir keine Auskunft geben zu können , und die weiße Thür schloß sich ganz leise und höflich , aber sie schloß mich aus . Wenn sie sie noch ein wenig länger offen gelassen , so glaube ich , würde ich um ein Stück Brod gebeten haben ; denn es war jetzt sehr weit mit mir gekommen . Ich konnte es nicht über mich gewinnen , in das schmutzige Dorf zurückzukehren , wo sich überdies keine Aussicht zur Hülfe für mich zeigte .