ihn besitzen . Er war so still , so klug , so fest ; sie wollte Stille , Klugheit und Festigkeit von ihm haben , alles wollte sie haben , allen Zauber , alle Menschenmacht und alles , was er verbarg , alles wollte sie von ihm haben . Sie dachte fortwährend an ihn , nur an ihn . Ihre Gedanken umflatterten sein Bild , scheu , begierig und spielerisch . Er hatte es verstanden , einen Willen und eine Einheit in ihre Sinne zu bringen . Sie wollte ihn haben . Der Regen klatschte ans Fenster . Voll Schrecken über Dorotheas Versonnenheit preßte Herr Carovius beide Hände an die Backen . » Ich seh schon , du willst mich allein lassen , « wehklagte er schauerlich , und es klang wie das Geheul eines Hundes in der Winternacht ; » betrügen willst du mich , zum Feind willst du übergehen , und ich soll meine vier Wände anglotzen . Ich seh schon , ich seh schon . « » Sei still , Onkelchen , es geschieht ja nichts , es war ja nur ein Scherz , « sagte Dorothea heuchlerisch begütigend und ging mit zögernden Schritten , bisweilen lächelnd zurückschauend , zur Tür . 17 Es war zur frühen Mittagsstunde , als Dorothea an Daniels Wohnung läutete . Philippine machte das Gatter auf und wollte sie nicht in die Stube lassen . Sie erzwang sich den Eingang und musterte von der Zimmerschwelle aus Philippine hochmütig . » Paß auf , Philippin ' , da stinkt ' s nach Unrat , « murmelte diese vor sich hin . Daniel saß bei der Arbeit . Er erhob sich stumm und blickte Dorothea an , die behutsam die Türe schloß . » Da bin ich , Daniel , « sagte sie und atmete wie ein Schwimmer , der ans Land kommt . » Was bedeutet ' s ? « fragte Daniel regungslos . » Daß ich getan hab , was Sie wollten , Daniel . Weg von denen . Beim Vater kann ich nimmer bleiben . Wo anders sollt ich hin als hierher ? « Daniel ging auf sie zu und legte beide Hände schwer auf ihre Schultern . » Mädelchen , Mädelchen ! « sagte er mahnend und erschüttert . Sie sahen sich eine unendlich scheinende Zeit in die Augen . Es war , als wolle Daniel bis in die verborgensten Falten ihrer Seele schauen . Dorotheas Blick funkelte verwegen , sie senkte die Lider nicht . Plötzlich beugte Daniel den Kopf und küßte ihre Stirn . » Du weißt , wer ich bin , « sprach er und schritt im Zimmer auf und ab . » Du weißt , wie ich gelebt habe und wie ich lebe . Ich bin ein schuldvoller Mann , ich bin ein einsamer Mann . Meine Natur verlangt nach Zärtlichkeit , aber Zärtlichkeit hergeben kann sie nicht . Mein Los ist hart , und wer es mit mir teilt , muß entschlossen sein , die Härte zu ertragen . Ich bin oft mein eigener Feind und oft der Feind derer , die es gut mit mir meinen . Ich bin kein Spaßmacher und kein Gesellschafter . Ich kann grob , beleidigend , hämisch , unversöhnlich und rachsüchtig sein . Ich bin häßlich , ich bin arm , ich bin nicht mehr jung . Fürchtest du nicht für deine dreiundzwanzig Jahre , Dorothea ? « Dorothea schüttelte energisch den Kopf . » Prüfe dich , Dorothea , « fuhr er eindringlich fort , » nimm es nicht ungenau mit dir und mir , nimm es ganz und tief genau , damit wir nicht falsche Rechnung mit dem Schicksal machen . Liebe kann meiner mächtig werden , mehr , als ich selbst meiner mächtig bin , und dann setz ich alles dran , dann muß ich vertrauen können , ohne Maß . Könnt ich nicht mehr vertrauen , ich wäre wie ein zur Hölle Verstoßener , ein böser Geist . Prüfe dich , Dorothea , du mußt wissen , was du tust , es ist eine heilige Sache . « » Ich kann nicht anders , Daniel ! « rief Dorothea und warf sich an seine Brust . » Dann also sei Gott uns gnädig , « sagte Daniel . 18 Daniel brachte Dorothea zu Sylvia von Erfft nach Siegmundshof . Er hatte ihr geschrieben , ihr die Verhältnisse geschildert und sie gebeten , sie möge Dorothea bis zum Tag der Hochzeit bei sich aufnehmen . Sylvia hatte sich herzlich bereit gezeigt , seine Bitte zu erfüllen . Zwei Nächte hatte Dorothea noch zu Hause verbracht , und es war ihr gelungen , allen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater aus dem Weg zu gehen , indem sie sich drei Tage Bedenkfrist erbeten hatte . Am Morgen des dritten Tages , als der Vater zur Musikschule gegangen war , hatte sie ihre Habseligkeiten gepackt und das Haus verlassen . Andreas Döderlein fand folgenden Brief von ihrer Hand vor : » Lieber Vater , mach dir keine Hoffnungen mehr bezüglich des Herrn Weißkopf . Ich bin großjährig und kann heiraten , wen ich will . Meine Wahl ist bereits getroffen , der Mann , mit dem ich vor den Altar trete , heißt Daniel Nothafft . Er liebt mich mehr als ich ' s vielleicht verdiene , und ich will ihm eine gute Frau sein . Daran ist nichts mehr zu ändern , und sicherlich kommst du auch zur Einsicht , daß es edler ist , dem Zug des Herzens zu folgen , als sich von materiellen Vorteilen locken und blenden zu lassen . Deine dich liebende Tochter Dorothea . « Es schwindelte Andreas Döderlein . Das Briefblatt glitt ihm aus den Fingern und zu Boden . Am ganzen Körper zitternd , schritt er zum gedeckten Tisch , ergriff ein Wasserglas und schleuderte es gegen die Wand , daß es in zahllose Scherben zersplitterte . » Ich werde dich erdrosseln , Kröte ! « keuchte er , streckte die geballte