, sich in ungebrochener Würdigkeit , im Vollbesitze aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten , und sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung , mit welcher Angelika ihr seit den letzten Ereignissen begegnete , überhaupt nicht lange im Zweifel darüber bleiben , nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse . Lange Zeit die Rolle der Trösterin , der Versöhnerin zu spielen , während die Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren vermittelnden Bestrebungen seine Ueberzeugung aufrecht erhielt , wäre dem auf Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen . Eine Ausgleichung aber , ein Verständniß können sich nicht herstellen , wo eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnißvolle Liebe ist und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten übelwollender Personen nicht zu Stande kommen kann . Von gleichem Stolze beseelt und fortgerissen wie ihr Gatte , gewann es daher die Baronin auch endlich über sich , es seinem Auge zu verbergen , wie unglücklich sie sei , wie unglücklich es sie mache , sich von ihm verstoßen zu wissen . Sie gewann es über sich , jene Ruhe an den Tag zu legen , in welcher der Freiherr sich zeigte , in der er seine ganze Umgebung zu sehen begehrte , eine Ruhe , die sie zu fühlen weit entfernt war und deren Anschein , obschon er sich ' s nicht eingestand , den Freiherrn nur noch fester in dem Glauben werden ließ , daß er sich in Angelika getäuscht , daß sie ihn nie geliebt und daß er in ihr nie das Herz besessen habe , welches ihn zu beglücken , ihm zu genügen fähig gewesen wäre . Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen , hatte der Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den großen Jagden angenommen , welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese Zeit veranstaltete , und war erst kurz vor den Weihnachtstagen , und zwar in Begleitung verschiedener Gäste , wieder in das Schloß zurückgekehrt . Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit begangen ; die Gäste sollten bis über das Neujahr im Schlosse verweilen . Befehlen der gnädige Herr , daß morgen der große Saal geöffnet und die Leute angenommen werden sollen ? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister , als der Freiherr ihn rufen lassen , um ihm einen Auftrag zu ertheilen . Wie anders ? antwortete dieser . Der Haushofmeister verneigte sich und ging davon . Es war das erste Mal , daß er diese Frage für nöthig erachtet hatte , das erste Mal auch , daß der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern entzogen hätte . Aber es befanden sich im Schlosse unter den Gästen mehrere Personen , welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen Ceremonie gewesen waren , und der Freiherr hielt es für angemessen , von einem alten Herkommen nicht abzulassen . Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum . In den beiden großen Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle Feuer , und die Sonne , welche draußen den Schnee funkeln und die dicken Fransen des Rauhreifs an den Aesten der Bäume glitzern machte , schien so hell in den Saal hinein , als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen . Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden , man hatte die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee ' s über den Fußboden gebreitet , der Haushofmeister ließ auf dem schweren Marmortische die alterthümlichen Geräthschaften auftragen , deren man sich , seit die Baronin Angelika im Schlosse lebte , am Neujahrstage zu bedienen pflegte . Man nannte diesen Empfang im Ahnensaale das Familien-Frühstück , weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes einnahm und die sämmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiß bewirthete . Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des süßen spanischen Weines kunstgerecht ordnete , kam des Freiherrn Secretär dazu . Seht nur zum Rechten , sagte er , der Herr ist heute übler Laune ! - Der Andere meinte , das sei jetzt nichts Seltenes . Doch mit Unterschied , bemerkte der Secretär ; heute ist ' s besonders schlimm ! - Als der Haushofmeister zu wissen wünschte , was denn vorgefallen sei , ließ der Secretär sich erst eine Weile nöthigen , dann sagte er : Es sind heute unter den Sachen , die der Bote von der Post geholt hat , Briefe gekommen , die haben es gethan . Der Jude , welcher des Herrn Geldgeschäfte macht , kündigt ihm die vierzigtausend Thaler auf Rothenfeld , und es muß auch mit dem vertrackten Marquis wieder etwas vorgefallen sein , was mit den Geldangelegenheiten zusammenhängt . Ich sah große Zahlen und Berechnungen in dem Briefe , obschon der Herr ihn seitwärts hielt . Als er ihn zweimal gelesen hatte , steckte er ihn ein , aber seine üble Laune hatte er weg , denn - von Flies zu fordern haben wir schon lange nichts mehr ! Und dazu wieder die großen silbernen Toiletten , welche jetzt zu Weihnachten nach dem Muster der alten Waschgeräthschaften , die vor ein paar Jahren angeschafft wurden , für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden und angekommen sind ! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister . Mich soll ' s wundern , wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird . Ewig kann das ja nicht dauern ! Freilich ! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt ; aber après nous le déluge ! Und wenn ' s denn nur immer bei dem après nous bleiben wollte , versetzte der Secretär , welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte , deren er die Herrschaften sich bedienen hörte . Er fuhr indeß erschrocken zurück , als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Thürvorhänge aufhob und die ganze Gesellschaft , voran der Freiherr , die