ihre Hände so fest , daß sie sich nicht losmachen konnte , wenn sie es auch gewollt hätte . Sie konnte sich nicht einmal nach ihrem Gatten umwenden ; aber zwischen den Trostesworten , welche sie zu dem armen Verwundeten sprach , drängten sich doch alle ihre Gedanken nach dem Landungsplatze , wo es plötzlich ganz still geworden war . Sie horchte mit ganzer Seele , als eine Bewegung unter das Volk kam . Eine helle Frauenstimme rief mit fremdartigem Akzent : » Wo ist sie ? O ciel , wo ist sie ? « Der Provenzale ließ die barmherzige , milde Hand , die er bis jetzt so fest gehalten hatte , frei ; - ein Weib warf sich neben dem Fränzchen auf die Knie , faßte sie wild um den Leib , küßte ihr Kleid , ihre Hand , schluchzte und schrie . Der brennende Holzstoß und die Fackeln warfen ihr flackernd Licht auf die aufgeregte Fremde ; auch Hans beugte sich bleich und bewegt zu der Gattin herab - es war ein Traum , nur ein Traum ! - Wie kam Henriette Trublet an den Strand von Grunzenow ? » Sie ist ' s , sie ists ! O alle Heiligen ! O Mademoiselle ! O Madame ! Ma mignonne , gesegnet sei das süße Gesicht ! Gelobt sei Gott ! O Wunder ! Wunder , sie ist ' s ! « » Henriette ! Henriette Trublet ! « murmelte das Fränzchen , mit starren , zweifelnden Augen auf die Französin sehend . » Jaja , la pauvre Henriette ! und die andere ! die andere ! « Hans Unwirrsch hielt seine Frau im Arm und zog ihr Haupt an seine Brust : » O Liebe , Liebe , wen haben wir mitgebracht an das Land , aus dem Feuer und von der wilden See ? ! « Er führte sie sanft zu dem Ufer hinab ; sie zitterte heftig ; sprachlos schwankte sie zwischen dem Gatten und dem französischen Mädchen durch das einheimische und fremde Volk , das ihr ehrerbietig Platz machte . Auf einem Stein saß der Kapitän der » Adelaide « und stützte den Kopf mit beiden Händen . Neben ihm stand ernst und schweigend , wie auf einem seiner Schlachtfelder , der Oberst von Bullau . Der Leutnant Rudolf Götz aber kniete im Sande und hielt in seinem Schoß das Haupt eines bewußtlosen Weibes - » Kleophea ! Kleophea ! « rief Franziska , mit gefalteten Händen neben der Ohnmächtigen niedersinkend . » Ja , Kleophea ! « rief der Leutnant , und mit den Zähnen knirschend , setzte er hinzu : » Und sie ist allein ! Gottlob ! « Sechsunddreißigstes Kapitel So hatte sich das Geschick erfüllt , und so unbegreiflich seltsam alles im Anfange erscheinen mußte , so einfach und natürlich war es zugegangen . Das Schicksal des Vogels , der plötzlich aus den Lüften tot zu unsern Füßen niederfällt , begreifen wir auch nicht eher , bis wir die kleine Leiche eine Weile in unserer Hand gehalten haben ; - dann aber begreifen wir es . Sie trugen die arme Kleophea in das Pfarrhaus und bereiteten ihr zuerst ein Lager in einem Zimmer , welches der See zu gelegen war ; sie konnte jedoch die Stimme des Meeres nicht ertragen , schauernd verlangte sie in ihren Fieberträumen von dieser Stelle fort , und man mußte sie in ein anderes Gemach betten , wo der Wellenschlag nicht so vernehmbar war . Da lag sie über eine Woche betäubt und bewußtlos , ohne zu ahnen , daß die Freunde , welche sie im Fieber rief , ihr so nahe waren . Nur ganz allmählich gelangte sie ins Bewußtsein zurück , und noch tagelang waren ihr Franziska , der Leutnant Rudolf und Hans Unwirrsch nur Traumgestalten , an deren Wirklichkeit sie nicht glauben konnte . Franziska Unwirrsch wich nicht von dem Lager der Kranken , und ihr - ihr allein gelang es , die niedersinkende Lebensflamme der einst so lebensvollen , schönen , prächtigen Kleophea noch einmal , aber nur für kurze Zeit , vor dem Erlöschen zu bewahren . Die Zeit der Täuschung war abgelaufen , der Sand war verronnen , das nackte , hülflose Ich des einst so stolzen Wesens lag zitternd und blutend da , und im Erwarten der letzten dunkeln Stunde befreite Kleophea Stein ihr Herz nach Möglichkeit von allem Irdischen . Sie hatte nichts mehr zu verschweigen . Alle die buntfarbigen Schleier , die sie sonst über ihr anmutiges Haupt , ihr lachendes Leben gezogen hatte , alle die Schleier , unter denen sie so neckisch , so leichtsinnig hervorlugte , waren zerrissen und zerfetzt ; der erbarmungslose Sturm des Lebens hatte sie wirbelnd entführt . Kleophea erzählte von dem Jahre , welches verging , seit sie ihr elterliches Haus verließ , so tonlos , hoffnungslos , müde , daß es ein Grauen war Ihr Haupt aber lag an der Brust des Fränzchens , während sie sprach , und ihre Hand hatte sie dem Pastoradjunkt gegeben ; - nur Hans und seinem Weibe erzählte sie alles . » Ach , es war nur die wildeste Selbstsucht , die mich aus dem Hause meiner Eltern trieb ; ich habe keine , keine Entschuldigung für mich . Mein Herz war so kalt , so öde ; mich schaudert , wenn ich daran denke , in welcher schlechten , bösen Stimmung ich jenem - jenem Manne folgte . Oh , was bin ich gewesen und wie sterbe ich ! Ihr Guten wißt es ja , was ich in dem Hause meiner Mutter war . Was wußte ich von der Liebe ? Ich bin nicht um der Liebe willen fortgegangen ! - Seht , seht , ich habe nur allzu gut zu dem Doktor Theophile Stein gepaßt - ich habe ihm auch nichts , nichts vorzuwerfen . Es mußte so kommen , ich habe es ja so gewollt . Der Dämon , der in mir war , suchte in seinem wüsten