so ungeheuer , so unfaßbar , daß ihm war , als sei die Welt aus den Fugen gegangen : als müsse jetzt , nachdem diese erhabene Säule gestürzt , Alles in grause Trümmer zerfallen . Wenn dies geschehen konnte , was war dann noch unmöglich ? Dann war ja auch wohl Freundschaft ein Märchen und Liebe eine Fabel - dann mochte ja auch wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu suchen sein , der ihn heute Morgen den augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verrieth . - Als Oswald nämlich einen Blick auf die Aufschriften der Briefe warf , welche der Postbote aus seiner Tasche genommen hatte und durch die Hand laufen ließ , um den für Oswald bestimmten herauszusuchen , fiel ihm einer auf , auf welchem die Adresse offenbar von Oldenburg ' s höchst eigenthümlicher und schwer mit einer andern zu verwechselnder Handschrift war . Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona adressirt . Weshalb sollte der Baron nicht an seinen Verwalter schreiben dürfen ? Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poststempel den Ort , von welchem aus dieser Brief abgesandt war ; dieser Ort war derselbe , wohin man Berger geschickt hatte , derselbe , wo Herr von Berkow seit sieben Jahren - und wo Melitta seit vierzehn Tagen war , das heißt , zwei Tage länger , als die geheimnißvolle Reise Oldenburg ' s gedauert hatte ! In dem ausführlichen Briefe Melitta ' s , den Oswald vor einigen Tagen durch Baumann erhielt , hatte sie des Barons Anwesenheit mit keinem Worte erwähnt ; Baumann selbst aber mußte durch Bemperlein davon unterrichtet gewesen sein , denn er war in Verlegenheit gerathen , als er die Personen nannte , die bei dem Besuche , welchen Melitta ihrem sterbenden Gemahl machte , zugegen gewesen waren . Warum dieses geheimnißvolle Wesen bei einem Manne , der die Gradheit und Offenheit selbst schien ? war er dazu beauftragt , oder hatte er , der die Verhältnisse der Herrin so genau kannte , seine besonderen , gewichtigen Gründe , die Wahrheit zu verheimlichen ? Dies waren die schlimmen Gedanken , die durch Oswald ' s Hirn zogen , als er im heißen Nachmittagssonnenschein barhaupt an dem Brunnen der Najade stand und bewegungslos in das Wasser starrte , während Fräulein Helene an ihrem Schreibtisch Betrachtungen darüber anstellte , ob sie selbst vielleicht die Ursache dieser Verstimmung sei . Ehe sie indessen darüber zu einem Resultat gekommen war , klopfte es an ihre Thür . Das junge Mädchen schloß sofort ihre Schreibmappe und schien ganz in Lamartine ' s voyage en Orient vertieft , als sich auf ihr Herein ! die Thür öffnete und die Baronin in ' s Zimmer trat . Störe ich Dich , liebe Helene ? Durchaus nicht , liebe Mama ! sagte das junge Mädchen aufstehend und ihrer Mutter entgegengehend . Du bleibst heut so außergewöhnlich lange auf Deinem Zimmer , daß ich doch sehen wollte , was Dich denn so lange fesselte . Lamartine ' s voyage ? nun , ein recht hübsches Buch , aber ein wenig überspannt , wie mir scheint . Freilich , in meinen Jahren bekommt man eine etwas andere Ansicht von dem Leben , und so auch von den Büchern und Menschen . Aber ich freue mich , daß Du nicht müßig bist , daß Du das Talent hast , Dich zweckmäßig zu beschäftigen . Ich fürchtete schon , die Monotonie unseres Lebens hier würde doch gar zu sehr von dem muntern Treiben in der Pension abstechen , und Du würdest diesen Unterschied schmerzlich empfinden . Wir können Dir hier so wenig bieten ! das war immer mein Refrain , wenn der gute Vater darauf drang , Dich endlich einmal aus der Pension zu nehmen . Aber ich versichere Dich , liebe Mama , Du hast Dir ganz unnöthige Sorge meinethalben gemacht , sagte Fräulein Helene , die dargebotene Hand der Mutter an die Lippen ziehend ; ich fühle mich hier sehr glücklich , und wie wäre das auch anders möglich ! Bin ich nicht im elterlichen Hause , wo mir Alle mit Liebe oder doch mit Freundlichkeit entgegen kommen ? habe ich nicht Alles , was ich nur wünschen kann ? Ich wäre wahrlich sehr , sehr undankbar , könnte ich das auch nur einen Augenblick vergessen . Du bist ein gutes , verständiges Kind , sagte die Baronin , ihre schöne Tochter auf die Stirn küssend , ich werde noch recht viel Freude an Dir erleben . Das ist meine sichere Hoffnung , wie es mein tägliches Gebet ist . Ach , meine liebe Tochter , glaube mir , ich bedarf gar sehr dieses Trostes , wenn ich nicht den vielen Sorgen , die auf mich einstürmen , unterliegen soll . Die Baronin hatte sich auf ein kleines Sopha gesetzt ; sie schien sehr erregt und trocknete sich mit dem Taschentuche die nassen Augen . Was hast Du , liebe Mama ? sagte Fräulein Helene mit wirklicher Theilname ; ich bin nur ein unerfahrenes Mädchen , aber wenn Du Vertrauen zu mir haben kannst , theile Dich mir mit . Wenn ich Dir auch nicht rathen und helfen kann , so vermag ich doch vielleicht Dich zu trösten , und das würde mir eine große Freude bereiten . Liebes Kind , sagte die Baronin , Du bist lange - komm , setze Dich her zu mir und laß uns einmal recht vertraulich mit einander reden - Du bist so lange vom elterlichen Hause entfernt gewesen und warst noch so jung , als Du es verließest , daß Du nothwendigerweise von unsern Verhältnissen so gut wie gänzlich ununterrichtet bist . Du glaubst , wir seien reich , sehr reich ; aber es ist beinahe das Gegentheil der Fall , für uns Frauen wenigstens . Das ganze große Vermögen fällt nach des Vaters Tode - den der allgütige Gott in seiner Gnade noch recht lange verhüten möge - an Deinen Bruder . Mir bleibt , außer einer sehr geringen Wittwenpension , nichts - und