oft Tränen in ihre Augen und dann blickte sie über das Blatt hinweg mit namenloser Zärtlichkeit auf Felicitas . Zwischen den Fenstern stand ein breites Sopha , und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen häuslich niedergelassen und eingerichtet . So oft Corona ' s Blick auf das Kind fiel , flog ein Sonnenstrahl über ihr Antlitz ; allein er verschwand , wenn er wieder in den Brief fiel . Er war aus Genf und lautete : » Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und dort Seebäder brauchen will , so leidet unser Reiseplan eine kleine Veränderung , liebe Corona . Ich kann unmöglich nach Stamberg zurückkehren , um Dich abzuholen , was ja auch ganz überflüssig ist , da Du an dem guten Papa einen besseren Reisemarschall hast , als an mir . Ich gehe von Genua direkt nach Rom , wahrscheinlich Ende November . Du wirst am besten tun , wenn Du Dich sogleich nach Windeck begibst , und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet , wie und wann es Euch genehm ist . Schreibt nur vorher an Hyazinth , daß er Quartier mache , Piazza di Spagna , Via Condotti - oder da so herum . Laß Dir vom Rentmeister Geld geben , wenn Du es notwendig brauchst . Ich meine aber , der gute Papa könnte die sämtlichen Reisekosten zahlen . Kurz , möglichst wenig Geld laß Dir geben , denn ich gebrauche enorm viel . Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und will sie mitnehmen nach Genua und Rom . Du darfst auf keinen Fall einen Diener mitnehmen . Für die Reise genügt der des Papa - und in Rom der meine . Adieu , gutes Kind ! Befiehl im Stall , daß die Pallas nie über eine halbe Stunde täglich spazieren geführt werde , damit es sich erhole , - das pompöse Tier ; und küsse Felicitas . Dein Orest . « So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindes - immer derselbe Orest von Jugend auf ; nur fortschreitend - aber auf seiner Bahn ; und immer rascher und gesteigerter , je fester er sie verfolgte . Ein Ruf vom Himmel zieht das Menschenherz aufwärts ; die Stimme des Erdgeistes - abwärts . Die ersten Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam , schwankend , mit Ungewißheit , ja mit Rückschritten sogar : der Zug zum Himmlischen läßt nach ; der Zug zum Irdischen begegnet besseren Einflüssen . Die Kämpfe , welche hieraus entspringen , stählen entweder den Willen , der das köstlichste Gut , seine Freiheit , bewahrt und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwärts steigt ; oder die Willenskraft läßt sich besiegen vom verlockenden Bösen , läßt sich von den Leidenschaften in Fesseln schlagen , wird immer ohnmächtiger zum Guten und läßt das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen , dessen Tiefe das sterbliche Auge nicht ermißt . Auf diesem Wege flieht der Mensch alles , was seine Genüsse und Freuden stören und ihn an seine Pflicht erinnern könnte . Er verliert den Sinn für himmlische Dinge ; er schätzt nur die Irdischkeit , kennt nur materielle Interessen , versteht nur die Neigungen , die Bestrebungen , die von der Erde stammen . Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes , er ist der Knecht der Sünde . Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf ihn , den Schatten des ewigen Todes , der langsam , frostig , vernichtend an der Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet . Davor weichen alle Ströme der Gnade zurück ! daran erlöschen alle Strahlen höheren Lichtes ! dadurch vertrocknet allmählig das übernatürliche Leben nicht bloß - sondern auch alle höheren Fähigkeiten des Menschen . Seine Intelligenz verdunkelt sich , sein Herz verhärtet sich , sein Verstand schwächt sich . Jeder Erkenntnis , welche über die Materie hinausliegt , wird er unfähig . Er begräbt seine entwürdigte Seele in dem Kerker seiner gefallenen Natur . So stand es mit Orest . Sein Wahlspruch : froher Genuß des Lebens ! hatte ihn dahin gebracht , daß er des schönsten Lebens nicht froh wurde und all sein Glück nicht zu genießen verstand . Daß das Glück Opfer fordere und daß aus den Verhältnissen Pflichten hervorgehen , fand er über allemaßen lästig , und was ihm lästig war , dem wich er aus . Selbstverleugnung , Selbstbeherrschung hatte er nie geübt , nie zu einem kräftigen gesunden Willen sich erhoben . Von seinen Launen und Einfällen , von seinen Neigungen und augenblicklichen Eindrücken ließ er sich wiegen und tragen , bestimmen und hinreißen . So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen ; aber es hielt nicht Stand . Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut ! der Wind ist zu schwach , um sein Schifflein flott zu machen , wenn es auf eine Sandbank gelaufen ist . Nur ernster Beharrlichkeit und unermüdlicher Selbstüberwindung ist die Tugend erreichbar ; denn Tugend ist Beschränkung des Ich ' s nach allen Richtungen hin . Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine äußerst kostbare und edle Pflanze , und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem Upasbaum , der alles Leben tötet , das in seine Nähe kommt . Einen Augenblick war er von Corona ' s Lieblichkeit ergriffen genug gewesen , um verschiedene gute Vorsätze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschluß zu beginnen , Judith nicht wiederzusehen . Aber wie das immer zu gehen pflegt : hat man große Entschlüsse gefaßt , so treten stets eine Menge Umstände ein , um sie wankend zu machen . Das ist ganz in der Ordnung ; denn wie könnte sich ein Entschluß bewähren ohne Prüfung . Wer aber nicht geneigt ist , ihnen treu zu bleiben , klagt über sein unerhörtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstände - und gibt sie auf