Sträuber nickte statt aller Antwort nur , steckte die rechte Hand unter den zugeknöpften Frack und lenkte mit erhobenem Kopfe in eine der breiteren Straßen ein , die hier anfingen ; die Frau dagegen verlor sich in eine Seitengasse . Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter , schaute rechts und links an die Häuser , blieb hier vor einem Laden stehen , betrachtete dort einen Augenblick die Leute , welche in ' s Kaffeehaus gingen oder heraus kamen , und gewann darauf immer wieder die Mitte der Straße , namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten . Da blieb er auch wohl einen Augenblick stehen , sa sich forschend nach allen Seiten um und veränderte hierauf nicht selten seine Richtung . So that er auch jetzt wieder und schoß mit großer Geschwindigkeit in eine Seitenstraße , wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster verwandte . Als er sie erreicht , schaute er um sich her , bückte sich und griff Etwas vom Boden auf , das er hierauf lächelnd in seine Tasche steckte . Es war ein kleines Portemonnaie , das Jemand da verloren haben mußte . Und so war es auch , denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter gethan , so stürzte aus einem Hause ein junges Mädchen heraus , das sich überall auf dem Boden umsah , und dann auch den im schwarzen Frack im Vorübergehen fragte , ob er nicht Etwas gefunden , worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd verneinte . » Das ist kein schlechter Anfang , « sprach er zu sich selber , als er wieder in eine belebtere Straße eingebogen war , » und da uns der Zufall so günstig ist , so könnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein . « So denkend , stellte sich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen großen Bilderladen , vor dem sich schon eine Menge Personen befanden , und schien sich angelegentlich die Kupferstiche und Lithographen zu betrachten , in Wahrheit aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft , und mochte endlich seinen Mann gefunden haben , denn er schob sich leise hinter einen jungen Herrn , der eine Dame am Arme hatte und eifrig bemüht war , derselben die Schönheit irgend eines großen Blattes zu erklären . Die Dame trug einen mit Pelz besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff , aus welchem ein zierlich gesticktes Sacktuch hervor sah . Herr Sträuber , der voll Enthusiasmus für eine büßende Magdalena zu sein schien , die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand , drängte sich , dabei sehr um Entschuldigung bittend , zwischen die junge Dame und einen dicken Herrn , der auf der andern Seite stand , worauf denn auch geschah , was er sich gedacht : die Dame in ihrer Artigkeit , wahrscheinlich befürchtend , mit ihrem vorgehaltenen Muff zu viel Platz für sich wegzunehmen , zog die rechte Hand heraus und nahm ihn leicht in die linke , worauf sich Herr Sträuber augenblicklich tief herabbückte , um am Kupferstich der büßenden Magdalena den Namen des Künstlers , der das Blatt gestochen , lesen zu können , zu gleicher Zeit aber auch , um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an sich zu bringen , worauf er nichts Eiligeres zu thun hatte , als , sich zurückziehend , dem Gedränge zu entschlüpfen und mit möglichster Schnelligkeit in einen benachbarten Laden zu treten , wo er sich von dem gefundenen Gelde eine neue Cigarre kaufte . Er zündete diese mit äußerster Langsamkeit an , dann fragte er nach dem Preise verschiedener Artikel , ließ sich auch einige Sorten feinen Tabak vorlegen , sprach über dies und das mit dem einfältig aussehenden Ladendiener , und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verließ und wieder auf die Straße trat , er hatte natürlicherweise vorher auf ' s Sorgfältigste nach dem Bilderladen hinüber gespäht , - fand er zu seinem größten Erstaunen , daß sich ein ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schöße seines Fracks verirrt hatte und nun freiwillig mitgegangen war . Er hielt aber die Sache für zu geringfügig , um deßhalb nochmals in den Laden zurückzukehren . Hierauf verließ Herr Sträuber die Hauptstraßen und wandte sich den stilleren und entlegeren Stadtvierteln zu . Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse , die auf einen freien Platz müngete , wo sich eine Kirche befand . Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern , zwischen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte . Die Kirche stieß mit dem Chor an ein altes Kloster , das den Platz absperrte , und in welchem sich nur ein langer und finsterer Thorweg befand , der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden Straßen war . Diesem Eingänge schlenderte Herr Sträuber zu , mit außerordentlich langsamen Schritten und zwar so langsam , daß er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren , welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging , nicht einmal überholte ; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einsame halbdunkle Gewölbe . Dann blickte er scharf ausspähend vorwärts und rückwärts , und als er kein menschliches Wesen weder auf dem Platze noch in der anderen Straße gewahrte , hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht , faßte es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte : » Sobald du schreist , bring ' ich dich um ! « - Das arme Geschöpf war wie vom Schlage gerührt , und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft öffnete , so brachte sie doch keinen Laut hervor , fing aber an leise zu weinen , als er sie nun bis in die Mitte des Thorwegs schleppte , ihr dort mit großer Geschicklichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriß , und dann , ihr nochmals mit der Faust drohend , in raschen Sprüngen entschwand . Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gasse , dann